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Annette Bültmann
 
Steinzeitkunst
 
Schon vor 50 - 60 Millionen Jahren gab es die ersten Fledermäuse, die den heutigen bereits relativ ähnlich waren, zur Zeit der Urpferde, im Eozän. Auch in den folgenden -zig Millionen Jahren, als sich die Säugetierarten auf den verschiedenen Kontinenten differenzierten, flatterten sie über den Planeten. Sie haben auch die ersten kleinen Primaten gesehen, die neben ihnen den Tag in Baumhöhlen verschliefen, und ihre größer werdenden Nachfahren, und schließlich lief der Australopithecus durch die Steppen und suchte sich abends seine Schlafplätze, wenn die Fledermäuse erwachten. Über die Kontinente verbreiteten sich die frühen Menschen und seit der Steinzeit schnitzten und malten sie in Höhlen, gesehen und gehört von den flatternden Höhlengästen, den Fledertieren.
 
Das jüngste Erdzeitalter, Quartär genannt, wird unterteilt in das Pleistozän (von vor 1,8 Mill. - 10.000 Jahren ) und das Holozän (10.000 - heute). Das Pleistozän ist das Zeitalter der Eiszeiten, die Eiskappen an den Polen dehnten sich aus, und auch die Gletscher in den Gebirgen, während der Eiszeiten waren auch große Teile des Festlandes vergletschert, und Eisschollen trieben auf den Ozeanen. Die Eiszeiten wechselten sich ab mit Warmzeiten, in denen das Eis zurückging und wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten in die eisfreien Gebiete vordrangen, in Rhythmen von Jahrzehntausenden. Die letzte Eiszeit war vor 40.000 - 10.000 Jahren, das heutige Holozän wird manchmal als Nacheiszeit bezeichnet, ist aber vielleicht auch als eine Zwischeneiszeit zu betrachten.
 
Die ältesten bekannten Funde von frühen Kulturen, Steinwerkzeuge, stammen schon aus der Zeit vor dem Zeitalter der Eiszeiten, schon vor 2 Mill. Jahren gab es in Afrika die Oldowan-Kultur, später in Afrika und Europa eine Acheuléen genannte Kultur, darauf folgte in Europa das Moustérien, benannt nach der französischen Fundstelle Le Moustier, das bis zur letzten Eiszeit dauerte, und außer Steinwerkzeugen auch Knochenschnitzereien hervorbrachte. In Nordafrika begann um 100.000 vor heute das Zeitalter der Atérien-Kultur, charakterisiert durch gestilte Geräte, Kratzer, Schneid- und Schabgeräte, und es stellt sich auch die Frage, da solche Steingeräte in der Nähe von Felsbildern gefunden wurden, ob diese ebenfalls aus der Zeit des Atérien stammen könnten. Tierdarstellungen in Afrika gab es wahrscheinlich schon zu dieser Zeit, die in Europa dem Levallois-Moustérien entspricht. Z.B. in der Hochebene Fezzan in Libyen, die von einer Dünenlandschaft aus dem Verlauf der Flüsse folgend ins Gebirge führt, dort finden sich gravierte Felsbilder in den Schluchten, und auch in deren Nähe Steinwerkzeuge aus der Zeit des Atérien. Frühe Felsbilder, die stark patiniert sind, zeigen wilde Tiere, auf späteren Bildern, die ab 10.000 vor heutiger Zeit entstanden sind, sind teilweise Haustiere zu sehen, manchmal auch Szenen, die möglicherweise Hirtenlager darstellen.
 
Das Alter vieler Höhlenbilder wurde inzwischen ziemlich genau bestimmt mit Hilfe der C14-Methode, der Teilchenbeschleuniger-Massenspektrometrie und der Untersuchung mit dem Rasterelektronenmikroskop.
Während der letzten Eiszeit entwickelten sich nacheinander verschiedene Stilrichtungen der Höhlenmalerei, deren Darstellungen auf kunstvolle Weise die Tiere der Eiszeit zeigen. Auf den Höhlenwänden tummeln sich ganze Herden von ihnen, Stiere, Pferde, Hirsche und Wisente, Auerochsen, Steinböcke, Antilopen, Büffel, Mammuts, Nashörner, Bären und Löwen, Panther, Ziegen und Wildschweine, manchmal auch Vögel, Wassertiere und relativ selten Menschen.
Manchmal finden sich Gruppen von Punkten, und Hände, die auf den Fels gelegt wurden, und darum herum wurde Farbe aufgetragen, es wird vermutet, dass die feuchte Farbe manchmal in einer Art Airbrushtechnik mit dem Mund aufgesprüht wurde. Die Höhlen befinden sich in Frankreich und Spanien, benannt nach den Fundorten werden aufeinander folgende Stilrichtungen unterschieden, die Zeitangaben variieren, hier eine ungefähre kurze Zusammenstellung nach Angaben auf einigen Internetseiten:
Perigordien ab 37.000 vor heute, Aurignacien ab 33.000, Châtelperronien ungefähr zeitgleich, Gravettien ab 28.000, Solutreen ab 20.000, Magdalenien ab 16.000 bis 10.000 vor der heutigen Zeit.
Im darauf folgenden Zeitraum von vor 15.000 bis vor 10.000 Jahren wurden auch im nördlicheren Europa Spuren von frühen Kulturen hinterlassen, benannt nach Fundorten im Raum Hamburg und in Dänemark, z.B. die Hamburger, Ahrensburger und Bromme-Kultur.
In der auf die vor ungefähr 10.000 Jahren zu Ende gehende letzte Eiszeit folgenden Warmphase war das Klima in Europa zeitweise wärmer als heute, besonders im sogenannten Atlantikum ( ca. 9.000 - 2.500 vor heutiger Zeit), als viele Gebiete von dichtem Eichenmischwald bedeckt waren. Die frühen Kulturen dieser Zeit werden nach den Verzierungen ihrer Tongefässe Linienbandkeramikkultur genannt, bzw. nach deren Form Trichterbecherkultur.
Vermutlich änderte sich die Lebensweise der Menschen in der Warmzeit, ebenso wie die Vegetation und die Tierwelt, und auch ihre Kultur, und es endete die erste große Epoche der Malerei in der Geschichte der Menschheit.
 
Welche Entwicklungen lassen sich in den 30.000 Jahren ihrer ersten Blütezeit feststellen?
Das Jungpaläolithikum, die letzte Periode der Altsteinzeit, begann in Europa mit der Aurignacien-Kultur, zeitgleich mit dem Châtelperronien. Das Châtelperronien ist nur in Frankreich und Nordspanien zu finden, die Aurignacien-Kultur war über Mittel- West- und Südeuropa verbreitet.
Typisch für das Aurignacien ist die Herstellung von steinernen Klingen, ausserdem Knochen- und Elfenbeinschnitzerein, Schmuck und Felsmalereien. Das Aurignacien wird mit dem Auftauchen des Homo sapiens in Europa in Verbindung gebracht, das Châtelperronien mit dem Neandertaler. Neandertaler und Homo sapiens-Menschengruppen lebten zu dieser Zeit teilweise in ähnlichen Gebieten Europas und sind sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch begegnet, möglicherweise gab es kulturellen Austausch. Auch an dem Châtelperronien zugeordneten Fundorten wurden Klingen, Knochenschnitzeren und Schmuck gefunden, außerdem noch nach einer aus der mittleren Steinzeit überlieferten für die Neandertaler-Kultur typischen Methode hergestellte Steinwerkzeuge, die von einem bearbeiteten Kernstein abgeschlagen wurden, diese Herstellungsweise wird Levallois-Technik genannt.
Die Malereien in der Höhle Chauvet-Pont-d'Arc, die in Frankreich an der Ardeche liegt, werden dem Aurignacien zugerechnet, sie sind wahrscheinlich um die 30 - 33.000 Jahre alt. Es sind über 400 Tierdarstellungen, darunter überdurchschnittlich viele Raubkatzen, außerdem Mammuts, Wollnashörner, Pferde, aber auch andere Huftiere wie Ibex, Rentier, Wisent. Die Darstellungen bestehen aus Linien, teilweise betont durch Gravuren, und dunklen Flächen als Schattierungen.
 
Darauffolgende Epochen sind das Gravettien, mit Fundorten in Südwestfrankreich und Österreich, typisch sind Felsgravuren (Tiere, Symbole) und Hände in Sprühtechnik, außerdem Schmuck und Figuren. Später dann das Solutreen, mit Fundorten in Frankreich, Spanien und Portugal, mit gravierten Knochen, Figuren, Felszeichnungen und Reliefs.
In der Grotte Cosquer in Frankreich wurden zwei Phasen der künstlerischen Nutzung der Höhle festgestellt, zwischen denen einige Tausend Jahre liegen, die ältere entspricht dem Gravettien-Zeitalter, die jüngere ist wohl der Zeit des Solutreen zuzuordnen. Neben mit den Händen gezogenen Linien und Handnegativen in der bekannten Sprühtechnik und diversen Zeichen finden sich Tiermotive als schwarze Linien, Gravuren und Farbflächen. Manchmal sind Innenflächen ausgemalt, Details wie Augen und Nüstern aber ausgespart und dadurch hell dargestellt.
Im üblichen Höhlenmalerei-Stil sind die Tiere, Pferde, Wisente und Auerochsen, Steinböcke, Gemsen und Hirsche, auch Robben, paläolithische Pinguine, Tintenfische, ein katzenartiges Tier und mehrere Tiere unbestimmter Art, vielleicht Gestalten aus der Phantasie der Höhlenkünstler dargestellt, meist relativ ruhig in stehenden Posen, von der Seite, aber es gibt auch bereits teilweise perspektivische Darstellungen. Z.B. ähnlich einem aus einer späteren Epoche stammenden Pferd in der Höhle Lascaux, dessen Kopf sich durch das zweite neben der Stirnlinie hervorschauende Auge dem Betrachter leicht zuwendet, findet sich bereits in der Grotte Cosquer ein Rind, dessen Kopf, mit zwei Augen, Hörnern und Nüstern dargestellt, von der Wand herabschaut. Bei manchen Pferden sind die Umrisse seitlich, die Ohren aber von vorne gezeichnet.
Da der Meeresspiegel in der Eiszeit durch das als Eis gebundene Wasser tiefer lag als heute, liegt der Eingang der Grotte Cosquer heute 37 Meter unter dem Meer, die Höhle wurde 1991 von dem Taucher Henri Cosquer entdeckt in unzerstörtem Zustand, wie sie von den Höhlenmalern hinterlassen worden war, sogar noch mit Feuerstellen und Fackeln. Sie befand sich in der Kaltzeit einige Kilometer von der Küste entfernt, solange bis der Meeresspiegel gegen Ende der letzten Eiszeit wohl relativ schnell anstieg.
 
Zum Magdalenien, der letzten der steinzeitlichen Kunstepochen, gehören so unterschiedliche Werke wie die in den Höhlen Rouffignac, Altamira und Lascaux. Die Bilder in Rouffignac sind Zeichnungen und Gravuren, die als fast karikaturhaft beschrieben werden, sie bestehen aus Linien und Ritzungen, ohne gemalte Flächen, gezeichnet mit Stiften aus Mangandioxid oder graviert, je nach Härte des Untergrundes, manchmal, bei ungleichmäßig festem Untergrund, auch von der gezeichneten Linie in die Gravur übergehend. Trotz des fast minimalistischen Stils der Strichführung wirken die Tierdarstellungen von Rouffignac realitätsnah und sind reich an Details.
Auch in Altamira findet sich eine Kombination von Linien und Gravierungen, dazu kommen verschiedenfarbige Flächen, z.B. bei der polychromen Decke, an der diverse Wisentfiguren zu finden sind, deren Umrisse teilweise graviert sind, teilweise auch mit Holzkohle gemalt, kombiniert mit flächiger Malerei in rostroter und schwarzer Farbe, und die Umrisse der stehenden laufenden oder liegenden Tiere sind teilweise angepasst an die Formen der Risse und Felsspalten.
 
Vielen Werken der Steinzeitkunst ist gemeinsam ein silhouettenhafter Umriss der Tiere, die Kenntnis charakteristischer Kennzeichen und Bewegungen der verschiedenen Tierarten, und die Anpassung an die jeweiligen Gegebenheiten der Höhle, wie Risse, Spalten, Nischen, Unebenheiten, Festigkeit des Malgrunds etc., so dass es zwar bestimmte Schemata geben kann, nach denen Tiere einer Art gemalt, gezeichnet oder graviert werden, aber trotzdem jedes der Tiere ein Individuum ist, mit einem eigenen Charakter, entsprechend dem Ort, an dem es zu finden ist.
Charakteristisch ist auch die Darstellung der Tiere von der Seite, ohne Bodenlinien im Raum schwebend, wobei manchmal eine Entwicklung zur Perspektive bei einzelnen Körperteilen wie Ohren, Köpfen, Beinen sichtbar ist. Es wird vermutet, dass die Höhlen zur Zeit der Entstehung der Malereien meist nicht besiedelt waren, sondern eher nur gelegentlich aufgesucht wurden, möglicherweise waren einige Kammern Kultplätze, an denen steinzeitliche Schamanen wirkten. Auch Tiere befanden sich in den Höhlen, es wurden Spuren gefunden, sowohl an den Wänden, als auch auf dem Boden. Es wird vermutet, dass sich zeitweise Höhlenbären und -löwen darin aufhielten, außerdem mehrere Arten von Huftieren, und natürlich Fledermäuse. Diese hatten lange Zeit die Gelegenheit, die Steinzeitkunst zu betrachten, kopfüber an ihren Füßen hängend, wie sie ja viel Zeit verbringen, wenn auch meistens schlafend. Beim Aufwachen konnten sie die Steinzeitkunst dann auf dem Kopf stehen sehen.
Ist so ein Höhlenmaler eigentlich ein grunzender Muskelmann, der, leicht bekleidet mit einem Fell-Lendenschurz, mit der einen Hand die Keule schwingt, mit der anderen das Malerwerkzeug? Vermutlich nicht, die Techniken der Malerei und Gravur sind oft so gut aufeinander abgestimmt, und die Tiere so charakteristisch, wenn auch manchmal durch wenige Striche, dargestellt, dass es sicher Lernfähigkeit, gute Beobachtungsgabe und Geschicklichkeit erforderte, diese Höhlenbilder an die Wände zu bringen, und den Wunsch, ein künstlerisches Werk zu erschaffen, ähnliche Voraussetzungen wie auch bei heutigen Künstlern, wenn sie sich wünschen, dass ihre Werke auch in einigen Jahrzehntausenden noch von der Nachwelt bewundert werden mögen. In meiner Vorstellung sind die Steinzeitmaler vom Wunsch nach künstlerischer Verwirklichung in die Höhlen getriebene Männer und Frauen, die diese Orte aufsuchten, an denen sie zeitweise frei waren von den alltäglichen Erledigungen, die es sicher auch in der Steinzeit schon gab, und dort, umgeben von Tropfstein, Kristallen, Kalk, Lehm, Wasser, Feuer, in der Gesellschaft von gelegentlichen tierischen Höhlengästen, fanden sich sowohl die geeigneten Wände zur Bemalung als auch die Atmosphäre, die diese frühe künstlerische Arbeit möglich machte.
 
 
Literatur:
 
Jean-Marie Chauvet, Eliette Brunel Deschamps, Christian Hillaire, Eliette Bruel Deschamps: Grotte Chauvet bei Vallon-Pont-d'Arc, Stuttgart 1995
 
Jean Clottes, Jean Courtin: Grotte Cosquer bei Marseille, Eine im Meer versunkene Bilderhöhle, Sigmaringen 1995
 
Antonio Beltran, Federico Bernaldo de Quiros, Pedro A. Saura Ramos: Altamira, Stuttgart 1998
 
Jean Plassard: Rouffignac, Stuttgart 1999
 
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