Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Jörg Boström

Timm Ulrichs, der Mensch im Glas.

Seine Präsentation beim 25. Symposium brachte den Künstler wieder nach Bielfeld. Zuerst in mein Bewusstsein trat er als Mensch im Glas, der sich selbst ausstellt. Er hielt durch. Er lässt weiter durchblicken. Gibt eindrucksvolle Einblicke. Was gibt es Elementareres, Existenzielleres als den eigenen Körper. Das Instrument des eigenen Seins. Die Sensation, mit diesem Gerät Welt zu erleben. Geh in dich, fordert die fromme Moral. Ulrichs nimmt alles wörtlich. Auch das.

“Ich verschlucke eine winzige Kamera, die ihren Weg durch meinen Verdauungskanal dokumentiert. Verschlucken und Ausscheiden des Ausnahmegeräts markieren Anfang und Ende dieses introspektiv-autobiografischen Films."

“Zutage gefördert werden dabei Bilder, die kein Reiseprospekt bislang anbieten, kein Baedeker erläutern kann. Je tiefer wir eindringen in uns selbst, je mehr wir uns versenken in unsere Psyche, um so abgründiger, bodenloser, unheimlicher und befremdlicher erscheinen wir uns selbst, und wir erkennen, was wir sind: Fremdkörper."

“Neugierig auf unvorhersehbare Einsichten und ungewohnte Erfahrungen am eigenen Leibe, bin ich häufig schon aufgebrochen zu Expeditionen ins eigene Ich, zu Absiegen in die Untergründe und Bergwerke meiner selbst, meines Selbst. Im Videofilm “Reise zum Mittelpunkt des “ (1995/97), realisiert auf der Basis einer kernspintomografischen Aufnahme wollte ich zum tiefsten Punkt meines Kopfes vordringen...Wie einen Himmelskörper empfindet man den rotierenden und dabei sich abschälenden und verkleinernden Kopf, der zugleich, wie in einer Zeitreise, eine stammesgeschichtliche Rückentwicklung - vom Menschen vom Affen zum Fisch - durchzumachen scheint, bis er schließlich, wie ein verlorener Stern, im Schwarz des Alls und des Nichts verliert, im letzten Aufleuchten aber noch seinen Kern, seinen Nukleus aufscheinen lässt."

Vielleicht hätte ich mir den Text von Timm Ulrichs nicht ansehen sollen, bevor ich an den kurzen Bericht gehe, der den Einblick in das 25. Bielefelder Symposium ergänzen soll. Aber dieser Künstler des gnadenlos Realen formuliert auch gnadenlos zutreffend. In jedem Kunstwerk steckt irgendwo der Künstler und jedes Kunstwerk ist zugleich so etwas wie eine Darstellung des Selbst. Auch jedes andere Kunstwerk ist zugleich ein Memento Mori, so etwas wie ein Vanitas Stilleben, ein Totentanz. Auch diese allgemeine Weisheit der Kunstwissenschaft nimmt Timm Ullrichs wörtlich. In seinem Leben und in seinem Werk. Um ihn wie um uns verschwinden die Leute. Zu Beginn seines Vortrags in heiterer Tonlage versucht der Mann und Gegenstand seiner Kunst Leute aus seinem Bekanntenkreis aufzusuchen und anzusprechen. Verstorben. Nicht mehr da. Auch schon weg. Der Saal kichert.