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Jüdisches Leben in Deutschland heute
 
 
Wir wissen viel über das Schicksal der Juden im Holocaust und vergessen darüber, uns für ihr Leben in der Gegenwart zu interessieren. Obwohl die jüdischen Gemeinden in Deutschland stetig wachsen, herrscht diese eingeschränkte Wahrnehmung weiterhin vor. 15 Fotografie- und Grafikdesign Studierende der Fachhochschule Bielefeld wollen ihre Wahrnehmung verändern und widmen sich dem Thema »Jüdisches Leben in Deutschland heute«. Sie werden in Kooperation mit dem Bielefelder Historischen Museum eine umfangreiche Foto-Ausstellung mit eigenen Werken gestaltend kuratieren und einen Bildband herausgeben. Ziel des Projektes ist es, einen vielschichtigen Beitrag zum öffentlichen Diskurs über dieses oft verdrängte Thema zu leisten - ohne Geschichtsvergessenheit, in einem auf die Gegenwart konzentrierten Blick. Der Wunsch nach Normalität im deutsch-jüdischen Verhältnis ist allgegenwärtig. Doch Normalität ist, wenn überhaupt, nur möglich durch das Verständnis des Anderen. Die jungen BildautorInnen, die allesamt der Enkel-Generation angehören und in einem aktiven Dialog mit gleichaltrigen Jüdinnen und Juden stehen, suchen diesem Verständnis Ausdruck zu geben. Folgende Themen werden unter anderen in Form von Fotoserien, Installationen und Bewegtbildern behandelt:

Künstlergruppe Meschulasch, Berlin
Identität junger Juden, Bielefeld
Makkabi Sportclub, Köln
Chabad Lubawitsch Rabbinerschule, Frankfurt
Altenheim, Frankfurt
Synagogenbau in Deutschland
Klezmermusiker, Berlin
Orthodoxes Judentum
Zentralrat der Juden
Liberale Gemeinden
Kontingentflüchtlinge, Unna-Massen
Juden in der Bundeswehr
Umgenutzte Synagogen in Franken
Portraitserie über Rabbiner
Frau Rabbiner, Berlin, Oldenburg
Russische Veteranen in der jüdischen Gemeine Köln
Ehepaare
Missing Synagoges, Berlin
»Party Like A Jew «

Exemplarisch sind Auszüge einiger Serien hier abgebildet. Im August 2005 wird die Ausstellung im Bielefelder Historischen Museum gemeinsam mit einer bereits bestehenden Anne-Frank-Ausstellung eröffnet werden. Wir hoffen, dass Sie von unserem Vorhaben ebenso begeistert sind wie unsere Studierenden und wir. Daher bitten wir Sie, das Projekt nach allen Kräften ideell und finanziell zu unterstützen.
 
 
Bielefeld, im Herbst 2004
 
 
Prof.Roman Bezjak Prof.Dr.Martin Deppner
Dokumentarfotografie Medienwissenschaft

ANDREA DIEFENBACH
Rabbinerschule Frankfurt
 
 
Die Rabbinerschule in Frankfurt am Main knüpft an eine große Tradition an: Schon vor über hundert Jahren hatte die Schule in Frankfurt einen ausgezeichneten Ruf. Mit Unterstützung der orthodoxen Vereinigung Chabad Lubawitsch konnte vor einiger Zeit die Ausbildung wieder aufgenommen werden. Dabei kommen die Studenten aus den verschiedensten Ländern, darunter Israel und den USA, um einige Zeit in Deutschland zu verbringen und die Thora zu studieren.

PHILIPP OTTENDÖRFER
Über Synagogen in Deutschland

Vor gerade einmal 66 Jahren wurden in der Reichspogromnacht im ganzen Deutschen Reich über 250 Synagogen in Brand gesetzt oder verwüstet. Bis dahin gehörten jüdische Sakralbauten wie selbstverständlich zum Erscheinungsbild vieler deutscher Städte und waren Zeuge einer jahrhundertlangen deutsch-jüdischen Geschichte. Die nahezu vollständige Auslöschung jüdischen Lebens im nationalsozialistischen Deutschland wurde durch die Zerstörung jüdischer Gotteshäuser eingeleitet.
 
Wer sich mit der Architektur von Synagogen in Deutschland beschäftigt, wird bald feststellen, wie sehr die wechselvolle deutsch-jüdische Geschichte in den wenigen übrig gebliebenen steinernen Zeugnissen ablesbar ist. So gipfelte die jüdische Emanzipation zum Ausgang des 19.Jahrhunderts in prächtigen und zahlreichen Synagogenbauten, die weithin in der Stadtsilhouette sichtbar waren.
 
Die meisten heute existierenden Synagogen entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg. Einer regen Wiederaufbau-

phase in den 1950iger und 1960iger Jahren (18 Synagogen-Neubauten in der BRD und zwei in der DDR) folgte eine Periode der Stagnation bis ans Ende der 1980iger Jahre, in der die Zahl der Juden abnahm und einige Gemeinden vom Aussterben bedroht waren.
 
Heute hingegen erleben wir ein Anwachsen der jüdischen Gemeinden, was einen Bau-Boom nach sich zieht. In ganz Deutschland werden erneut Synagogen geplant und gebaut. Seit Beginn der 1990iger Jahre entstanden acht Synagogen-Neubauten und zahlreiche weitere Planungen.
 
Indem ich nicht nur die erbauten Synagogen aus den verschiedenen Epochen in Außen-und Innenansichten fotografiere, sondern auch die Bauplätze der projektierten Gotteshäuser, möchte ich mit meiner Arbeit einen Verweis in die Zukunft geben, in der mehr und mehr Synagogen zum Stadtbild gehören werden.

MIKULA LÜLLWITZ
Giora Feidman
 
 
Die Portraitserie zeigt Giora Feidman, den derzeit wohl wichtigsten Klezmer-Interpreten Europas. Seine Musik bewegt sich über jegliche Grenzen hinweg: Der Klarinettist vereint Klezmer,Klassik,Jazz und Tango in seinem unverwechselbaren Stil. Giora Feidman wurde nicht nur zum Idol eines großen Publikums, sondern auch vieler junger Musiker, die er zur Klezmermusik inspirierte und damit dazu beitrug, dass diese ost-jüdische Musik populär wurde.

CARSTEN NOLTE
22/10
 
 
Die Installation dient als sinnbildlicher Einstieg in den Diskurs über »Jüdisches Leben in Deutschland «. Es werden jeweils Bilder aus der Anne Frank Ausstellung und der Ausstellung »Jüdisches Leben in Deutschland « von der FH Bielefeld in diesem Raum prismatisch gebrochen und geben dem Betrachter einen neuen Zugang zu den Arbeiten. Die Installation stellt einen Versuch dar, die Komplexität des Jüdischen Denkens mittels moderner Medien darzustellen. Die 32 Scheiben symbolisieren den wichtigen Stellenwert der 22 hebräischen Buchstaben und der 10 Sefiroth..Durch sie hindurch werden die Bilder im Sinne des Jüdischen Denkens transformiert.

PROF.DR.MARTIN DEPPNER
Mehr als ein Denkmal - Juden in Deutschland

Zahlreiche kulturelle und politische Ereignisse in den letzten zehn Jahren geben Zeugnis von einem regen jüdischen Leben in Deutschland. Neubauten von Synagogen und Eröffnungen von Museen gehören ebenso dazu wie das Wirken von wissenschaftlichen Institutionen und jenen Einrichtungen, die sich der sozialen Fürsorge widmen. Präsent ist das Judentum in Deutschland ferner durch zwei überregionale Wochenzeitungen und durch regelmäßige Radiosendungen im öffentlichen Rundfunk. Und doch sind die Deutschen jüdischen Glaubens immer noch eine - gemessen an ihrem kulturellen Wirkungsgrad etwa - wenig adäquat wahrgenommene Minderheit, die vielen Anfeindungen ausgesetzt ist. Neben den bekannten Mustern des Antijudaismus sind diese Reaktionen auf ein Nichtverstehen jüdischen Lebens und Denkens zurückzuführen. Zum einen sind die Juden in Deutschland deutsche Staatsbürger, zum anderen weist das Denken und Leben in jüdischer Tradition Merkmale auf, die nicht so leicht in das Gewohnte zu übertragen sind. Dieser Sachverhalt bedarf des Nachdenkens und Erforschens und soll in diesem Ausstellungsprojekt aufklärend behandelt werden.
 
Im Zentrum der Ausstellung werden Fotoreportagen über die sich auf unterschiedliche Weise repräsentierenden Leistungen und Befindlichkeiten von Juden im Deutschland der Gegenwart stehen. Neben einer Dokumentation über die vielgestaltige Erscheinungswelt der Synagogen und der Festtage werden jüdische Lebensweisen und Personen im Zusammenhang kultureller, politischer und sozialer Positionierungen porträtiert.

Das Konzept der Ausstellung sieht eine Präsentation vor, die bewußt eine unabgeschlossene und auf einzelne Aspekte fokussierte, heterogen anmutende Form favorisiert. Damit wird u.a.der diasporistischen Situation des Judentums entsprochen, einer Zerstreuung, die eine mit Israel im Dialog verbundene Existenz offenbart und sich auch in den Erinnerungsdiskursen der jüdischen Tradition niedergeschlagen hat. Angestrebt wird eine Entsprechung zu jenem vielseitigen und kombinatorisch wirksamen Denken, das die hebräische Bibel begleitet, als Auslegungsgeschichte und kommentierende Schriftkultur zugleich, mit sich mehrschichtig ebenso überlagernden wie stets fortsetzenden Deutungen.
 
Ergänzende Erläuterungen zu den komplexen Facetten des Lebens und Denkens in jüdischer Tradition wird ein Katalog enthalten, zu dem - neben eigenen Interpretationen - ein Beitrag vom Zentralrat der Juden in Deutschland angefragt ist. Veranstaltungen sind vorgesehen, die das Thema kulturell und wissenschaftlich begleiten. Fragen zur Fundierung der jüdischen Tradition auf die Schrift, das Verhältnis zum Bild, die Gottesvorstellung sowie Wechselwirkungen zwischen Rationalität und Mystik im Kontext aktueller Kulturdimensionen gehören zu den Schwerpunkten, die das Projekt zur Diskussion stellen wird. Ferner finden - über die Dokumentation jüdischen Lebens in Deutschland heute hinaus - jene Impulse Beachtung, die als produktive Anregungen in sämtlichen Bereichen der Wissenschaft und Kultur sich dem Leben und Denken in jüdischer Tradition verdanken.

Titel Aus der Serie:Erinnerung -Auschwitz im Frühling von Christian Eusterhus
02 -04 Aus der Serie:Rabbinerschule Frankfurt
05 Die Synagoge in Düsseldorf
06 Einweihung der Synagoge in Wuppertal
07 Platz der alten und der geplanten Synagoge in Hameln
08 Innenansicht der Synagoge in Kassel
09 Innenansicht der Synagoge in Essen
10 Giora Feidman im Kloster Maulbronn am 29.Mai 2003
11 Giora Feidman und Raul Jaurena im H 1 der Uni Münster am 9.Mai 2004
12 -13 Dokumentation der Installation
 
 
Layout/Gestaltung:
Christian Eusterhus und Philipp Ottendörfer

K o n t a k t
Fachhochschule Bielefeld
Fachbereich Gestaltung
Lampingstraße 3
33615 Bielefeld
Prof.Roman Bezjak
Prof.Dr.Martin Roman Deppner
Tel.Sekretariat 0521/106-7615
roman.bezjak@fh-bielefeld.de
Anne Kathrin Schuhmann
0170/73730 11
anneschuhmann@web.de

Zum Ausdrucken: Folder "Jüdisches Leben in Deutschland" als Pdf-Dokument