Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Anton Weidinger

 

100 Unnütze Gedanken

Teil 1: 1 - 25

 

1. Ich habe heute eine Mark-Münze gefunden. Die verwende ich jetzt statt einer Euro-Münze, um den Einkaufswagen vor dem Supermarkt abzuketten. So spare ich jedes Mal einen halben Euro!

2. Manchmal fühl’ ich mich so jung, dass ich am liebsten zum Kinderarzt ginge.

3. Gewisse Menschen sind von der verfestigten Gallerte ihrer Selbstzufriedenheit so umgeben, dass sie bei jedem Angriff fröhlich wie ein Flummy-Ball auf und ab hüpfen.

4. Ich habe nichts gegen Frauen. Einige meiner besten Freundinnen sind welche.

5. Ich wurde so repressiv erzogen, dass ich erst im Alter von zehn Jahren meinen richtigen Namen erfuhr.

6. Stifter hat postuliert: "Seid gut zu den Dingen!" Man stelle sich nur vor, sie hätten plötzlich die Möglichkeit, sich hörbar über uns zu beschweren!

7. Ich beneide die TeilnehmerInnen von "Talentshows", die derzeit televisionär boomen. Diese jungen Leute erleben schon jetzt alle Qualen der Selbst- und Fremderniedrigung, wofür unsereins gemeinhin ein ganzes langes Leben braucht.

8. Früher mußte mir ein Mensch schon Schreckliches antun, damit Hass in mir aufstieg. Heute brauche ich dafür nur das Fernsehen einzuschalten oder die BILD-Zeitung aufschlagen.

9. Ich bin so epigonal, dass es schon wieder originell ist.

10. Schönheit soll von innen kommen. Wie ist das aber bei hohlen Zeitgenossen?

11. Manche Ehefrauen beherrschen die hohe Kunst, ihre Gatten als Trottel, Versager oder Monster darzustellen. Da frage ich mich ernsthaft, was sie einst bewog, diesen Deppen zu ehelichen. Vielleicht haben sich da ja Gegensätze angezogen ­ oder sich aber auch nur gleich und gleich gesellt.

12. Wenn ich eins vom Leben gelernt habe, dann ist es meine Unbelehrbarkeit.

13. Den 13. Aphorismus zu verfassen, ist immer am schwierigsten. Oder könnte gar Unglück bringen. Darum sei er hier ausgelassen, wie es manche Hochhausbesitzer mit dem 13. Stockwerk oder Hoteliers mit der Zimmernummer 13 tun.

14. Wenn ich Tiere betrachte, sehe ich immer Facetten von mir reflektiert. Bei Menschen fällt mir das zunehmend schwerer.

15. Der biblische Sündenfall muss ein physischer Sturz gewesen sein. Da die ersten Menschen aber damals erst recht locker zusammengesetzt waren, sind sie dabei so durcheinandergeraten, dass seitdem jede Religion oder Ideologie versucht hat, sie wieder richtig zusammenzusetzen. Bisher ohne Erfolg.

16. Eleganz: mindestens einen Schritt hinter der aktuellen Mode.

17. Der Umweg ist oft die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten.

18. Bei uns um die Ecke ist ein Laden, auf dessen Auslage in bunten Buchstaben LEBENSMITTE steht, weil sich das L am Schluss selbständig gemacht hat. Hinter der Scheibe sah ich zwei alte Herren, die aussahen wie Gestalten aus 1001 Nacht. Sie hatten sich im Sortiment offenbar selbst bedient.

19. In der Stadt, in die es mich verschlagen hat, gab es Jahre lang auf einem Bus die Zielangabe LEIDER WALDFRIEDHOF, wobei es sich bei ersterem um einen Stadtteil im Mainbogen handelt. Das wird wohl das einzige öffentliche Verkehrsmittel Deutschlands gewesen sein, das einigen seiner Insassen kondolierte.

20. Die Handelskette SCHLECKER hat ihren Auftrag verfehlt. Nur ein Bruchteil des Angebots besteht aus Süßigkeiten.

21. Idealisten begehen ihre guten Taten bisweilen so sehr auf Kosten anderer, dass sie nur mit Mühe von Schmarotzern zu unterscheiden sind.

22. Dass N.N. einen Sprung in der Schüssel hatte, erkannte ich erst so richtig, als er mich scharf kritisierte (was ja wohl noch anging). Dann aber fügte er hinzu: "Und das sagt auch meine Frau!"

23. Der abtrünnige Novize sprach beim Verlassen des Klosters nichtsahnend die Worte: "Der Himmel schweigt, die Erde hat mich wieder!"

24. Als ich im Alter von 13 Jahren auf dem Galeriestehplatz der Wiener Staatsoper atemlos fünf Stunden der "Götterdämmerung" gelauscht hatte (zu sehen war wegen der dämmerig wabernden Karajan-Inszenierung wenig), hob ich während des himmlischen Schlußakkords die Arme, um gegen meinen Freund in unserem doofen Spiel des ersten Klatschers im Haus zu gewinnen. Da fühlte ich, wie ein Herr hinter mir ganz sanft seine Hände auf meine Unterarme legte. Selten bin ich so diskret und liebevoll auf das Törichte einer Handlung hingewiesen worden.

25. Europas größte Hochseilshow wird von den Geschwistern Weisheit aus Gotha in Thüringen dargeboten. Möge der schöne Familienname dieser Träger der Ehrenmedaille der Artistik in Gold sie vor leichtsinnigen Taten bewahren.

 

Fortsetzung folgt