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Manfred Schmalriede
 
Charles Compère - Reservate
 
Charles Compère konfrontiert die Gebirgslandschaft des Tessin mit seiner Großbildkamera. Eine Herausforderung der Bergwelt, wenn man bedenkt, wie gigantisch sie erscheint, angesichts eines Fotografen, der diese Größe über Bilder begreifen möchte und dabei ganz wesentlich auf Ideen und Technik setzt. Die technische Qualität der Kamera, des Objektivs und nicht zuletzt des Filmmaterials machen es möglich, weite Räume zu erfassen und selbst bei großer Distanz die vielfältigen Phänomene differenziert vorzuführen. Wo das Auge nur punktuell Details wahrnimmt, breitet das Bild sie scheinbar ohne Grenzen aus, so dass der Eindruck entsteht, die Berge, Bäume, Sträucher, Gräser und Moose werden fotografisch zu Texturen abstrahiert, auf eine transparente Schicht übertragen und auf die Oberfläche der Berge, Bäume etc. zurückprojiziert.
Andere Aspekte ergeben sich, wenn Compère Fotografien "zerlegt" und wieder zusammensetzt. Man entdeckt die Manipulationen nicht sofort, da die neu entstehenden Muster sich nur dann vom Original zu lösen scheinen, wenn sie als überlagernde Strukturen identifiziert werden, was eine andere Orientierung als an Landschaft, Felsen oder Bäume erfordert. In erster Annäherung, so lässt sich das Konzept vielleicht beschreiben, konzentriert sich Compère auf eine annähernd gleichwertige Darstellung der vielen unterschiedlichen Formfragmente - zum Beispiel Gestein in unzähligen Brechungen. Die Bildgrenzen geben die Proportionen vor, in größeren quasi geometrischen Formen zu organisieren. Oder unregelmäßig gebrochene Gesteinsformationen werden durch Spiegelungen an der Symmetrieachse des Bildes großzügig geordnet. Eine horizontal gelegte Spiegelung suggeriert eine Wasseroberfläche, die eine Felswand verdoppelt, so dass Liniaturen auf der Felswand sich mit den eigenen Spiegelungen zu großen, wie gezeichnet wirkenden Figurationen verbinden.
Unterschiedlichste Lesarten basieren auf immer anderen Organisationen der Bilder. Anders beschrieben: Die Fotografien bieten mögliche Konzepte unterschiedlichster Ordnungen. Je nach Einstieg des Betrachters, wird er die "Reste" der Bildvorlage oder die Ausgangssituation des Fotos, ob figurativ, geometrisch oder detailorientiert als ein dreifach codiertes Phänomen "entdecken": die Bäume oder den Wald, das Gestein oder den Berg oder die davon mehr oder minder abstrahierten Bilder. Also auch in dieser "einfachen" Art zu fotografieren, entsteht Mehrdeutigkeit aus Figuration, filigranen Mustern, subtiler Farbigkeit und der darin identifizierbaren Gegenstandswelt. Doch Charles Compère mischt die Bildphänomene erneut.
Aus Zwei- oder Mehrfachbelichtungen entstehen Überlagerungen. Leichte Verschiebungen zwischen den Belichtungen verdoppeln alle identifizierbaren Details, so dass die regelmäßigen Wiederholungen die abstrakten Texturen noch deutlicher erscheinen lassen und sich Ähnlichkeiten unter den kleinsten Formteilen ergeben, die seriell wirkende Muster produzieren. Compère sucht immer wieder nach Formen, die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zu organisieren.
Das Spektrum der organisierenden Muster ist Ausdruck einer differenzierbaren Sensibilität, darüber hinaus entsteht Mehrdeutigkeit, die dem Ästhetischen mehr Raum gibt. Überraschend ist, dass zwei widersprüchliche Muster - einmal die Bildgeometrie und dann ein gleichsam pointillistisches Ausbreiten kleinster Partikel - in solch unterschiedlicher Ausprägung miteinander verknüpfbar erscheinen. Dieses Konzept könnte durch einen veränderten Begriff von Ordnung begründet werden. Verlässt man die Euklidsche Geometrie dann lassen sich mit der fraktalen Geometrie viele Grade von "Ordnung" beschreiben. Die fein abgestuften Farbtonwerte tragen ein Übriges dazu bei, die vielen Übergänge in den Fotografien von Charles Compère nachvollziehbar zu halten. Und ein weiteres vermittelndes Moment fällt auf: Sich auf die sichtbare Welt einzulassen und sie in der Fotografie zu gestalten, ist immer ein wesentlicher Aspekt fotografischen Bildermachens. Mit der "Projektion" gestalteter Bilder auf die "sichtbare Welt" erzeugen wir ästhetische Muster und konstruieren Wirklichkeiten, die, indem wir sie erzeugen, von uns auch erlebt werden.
 
Prof. Manfred Schmalriede lehrt Kunst- und Designtheorie an der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim

Basaltwelle, Staffelstein, 1982, Deutschland

ZEN, Passo de Naret, 2114 über N.N., 1983, Schweiz, Tessin

Felsauge, Topos-Bathos, Schichtung, 2000, Schweiz, Tessin

Bignasco, 1984, Schweiz, Tessin

Ausstellung in Friedberg bei Frankfurt
Charles Compère: Reservate - Visuelle Seduktion
3.4. - 7.5.2004
Subaru Allrad-Auto GmbH, Mielestr.6, 61169 Friedberg
Geöffnet Mo - Fr 8 - 18 Uhr, Sa 9 - 14 Uhr
 
Prof.Charles Compère
E-Mail:info@charles-compere.de
www.charles-compere.de
www.deutsche-fotografische-akademie.com