Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

MATTHIAS SEEBERG (taz)

Satire im Realen

zu Fotografien von Martin Langer

Es ist ein Foto in Schwarz-Weiß. Ein älterer Herr mit Anzug, Hut und Stock steht vor einer Losbude. Den Stock salopp über den Unterarm gehängt, entfaltet er mit beiden Händen ein Los. Neugierig, aber doch gelassen ist er dabei, denn um ihn herum ist der Boden übersät von unzähligen Losen, die ihren Käufern nicht das erhoffte Glück brachten. Alles deutet darauf hin, dass es auch für den älteren Herrn längst heißt: Rien ne va plus.

Dieses Foto ist weit mehr als nur ein Schnappschuss. Es ist eine Geschichte, die ohne überschwängliches Pathos mit viel Sinn fürs Detail von etwas erzählt, das wir alle kennen: von der mitunter komisch wirkenden Suche nach Glück.

Der Hamburger Fotograf, der unter anderem für Spiegel, Stern und Greenpeace arbeitet und dessen Fotos bereits mehrfach ausgezeichnet wurden, versammelt hier Aufnahmen, die zwischen 1985 und 2004 entstanden. Langer geht es bei dieser Auswahl nicht um das Formulieren einer Botschaft oder gar um einen Beitrag zur Genderdebatte. "Meine Bilder", sagt er, "erheben nicht den Anspruch einer Wahrheit, sondern geben Situationen wieder. Sie sollen unterhalten. Die Fotos sind Momentaufnahmen, die sich einer klaren Deutung entziehen, und die über die Dokumentation des Komischen eine augenzwinkernde Sicht auf den Alltag werfen wollen." Deshalb tragen die Aufnahmen auch keine Titel, sondern sprechen als Anekdoten in Bildform für sich.

Da ist das Männertrio, das sich am Strand gegenseitig den Rücken eincremt und der volltrunkene Käpt'n, dessen Rotweinflecken auf seiner weißen Uniform die Poetik des Liebeskummers um eine Metapher reicher machen. Da ist der bedrohlich dreinblickende Zuhältertyp, der mit seinem winzigen Hündchen vor dem Supermarkt posiert und das verträumte Ehepaar auf dem Dorf, dass sich gegenübersitzt und einen Zaun streicht.

 

Die Fotos zeigen das, was man Realität nennt, ohne dabei einer sozialen oder sonstigen Typologie verpflichtet zu sein. Die hintersinnige Komik in Langers Fotos ist nicht konstruiert oder gestellt. Hier werden die Menschen auch nicht in einer Freakshow des Alltags vorgeführt. Die Komik entspringt vielmehr der Situation selbst und wird vom Protokollanten Langer festgehalten. Deshalb sind es keine Kunstfotos oder inszenierte Fotoreportagen, sondern Dokumente unserer von Kuriositäten durchzogenen Umwelt. Am ehesten ließe sich die allen Fotos gemeinsame liebenswerte Ironie mit den "visuellen Wortspielen" des magnum-Fotografen Elliott Erwitt vergleichen, der das Erzählen menschlicher Geschichten als künstlerische Berufung empfand. Dazu bedarf es einer geduldigen Selbstdisziplin, die auch Martin Langer für das Wichtigste hält. Er jagt den Ereignissen nicht nach, sondern lässt sie auf sich zukommen und wartet ab: bereit für die komischen Momente im Leben, die viele von uns gar nicht mehr in der Lage sind zu sehen.

Ausstellung vom 22. April 2004 bis zum 25. Mai 2004 in der Galerie 11 Gruner&Jahr Pressehaus, Hamburg, Baumwall 11