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UNRAUM BERLIN

Spaziergang zwischen Wahn und Wirklichkeit, Psychiatrische Station Berlin, bankrotte Finanzen, bankrotte Seelen verlaufen sich im einstürzenden Unraum der Galerie. Dr. Caligari kehrt nach Berlin zurück. Nicht Sinnsuche, sondern Sinnaufgabe ist angesagt. Dix wird Dixiklo. Marlene Dietrich als Alzheimerpatientin, Harald Juhnke fährt lallend im Rollstuhl vorüber. Nicht die kunstverkorkste Abstraktion, sondern der Spiegel unserer emotionalen Zerrissenheit ist Inhalt der Ausstellung. Unsere verwesende Gegenwart ist der Unraum in dem wir leben müssen. Er soll die unüberschaubaren Zusammenhänge und die daraus resultierende Unfähigkeit zu einer Zukunftsversion als ästhetisches Konzentrat erfahrbar machen. Jede Hoffnung muß heutzutage im wahrsten Sinne des Wortes ohne Begründung, ohne intellektuelles Fundament auskommen. Aber dadurch wird sie fast unmöglich. So befinden wir uns auf einem Spaziergang zwischen Wahn und Wirklichkeit, dessen potentiellen Folgen im UNRAUM BERLIN eine multimediale interdiziplinäre Artikulation finden sollen.

 

Der Unraum ist so ein Präventivschlag für alle intellektuellen Kräfte, deren Werte schon lange jenseits von gegenwartsbezogenen Visionen und Ideen liegen.

Die Galerie Anyway verfügt über 85m2 Raum. Der wird in viele kleine Räume zergliedert. Die dadurch entstehenden Zellen des kranken Geschwürs Unraum beinhalten Objekte von unbekannten bis weltberühmten Künstlern (z.B. Original-Werke von Karl Lagerfeld, Stephen Gans Visionaire, bis hin zu Beiträgen von Obdachlosen). Sie alle werden im Kontext der Raumkonzeption entwertet, im Präsentationsrhytmus zergliedert. So wie die Wahrnehmung der Realwelt nur noch fragmentarisch möglich ist, so wird auch der Besucher und seine Wahrnehmung zerstückelt. Je tiefer man in den Raum eindringt, umso mehr ist die Wahrnehmung desselben und der in ihm ausgestellten Objekte durch Folienschleier, Licht und Projektionen verzerrt, gestört, verfälscht und fragmentarisiert. Ein schräger und destruierter Boden verhindert zudem einen gemütlichen Gang durch den Unraum, zwingt den Betrachter zur Verrenkung, zum Balancieren. So sind die Menschen nur noch rudimentäre Unkörper, liegen als Ganzes oder in Stücken in unserem Unraum. Lediglich die unters Publikum gemischten und vorüber ziehenden Performancedarsteller drücken ein bizarres, ein krankes Hoffen aus. Es bleibt dem Betrachter überlassen, dies als lebensnotwendig oder als therapiebedürftig und wahnhaft zu interpretieren.