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Helfried Strauss

 

MARTIN BÜTTNER

 

ZEITZEICHEN , Dinslaken, 11. Februar 2004

 

Martin Büttner, meine sehr verehrten Damen und Herren, hätte ich nicht so früh, vor 27 Jahren nämlich, kennen lernen können, wenn er nicht Verwandte in Borna nahe Leipzig gehabt und sich von ihnen hilfreiche Auskünfte über die Lebensgeschichte seines Vaters erhofft hätte, der ihm selbst aufgrund einer schweren Erkrankung nur noch wenig darüber mitteilen konnte.

Als junger Fotograf, der sich hauptsächlich für Menschen und ihr Leben interessierte und von einer Ausbildungseinrichtung kam, deren Lehrende ein solches Interesse vorlebten (insbesondere sind hier Jörg Boström und Jürgen Heinemann zu nennen) und die ihm deshalb die Empfehlung mit auf den Weg gaben, doch unbedingt in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst vorzusprechen, zögerte er nicht, diesem Rat zu folgen - und so hat alles mit uns begonnen. Leipzig wurde vorübergehend für Martin Büttner zweiter Studienort und die Bornaer Verwandten mutierten vom eigentlichen Anlass zum angenehmen Zweitgrund seiner Erkundungsreisen. Das Leben in der DDR war für ihn so anders, das menschliche Klima so anziehend, wie das gesellschaftliche Leben ihm merkwürdig bis unfreiwillig komisch vorkam. Ihn interessierten die wirklichen Verhältnisse, sofern Fotografie überhaupt in der Lage ist, diese abzubilden.

Wir haben in den letzten Wochen ausgiebig telefoniert, weil mir mein Gedächtnis entscheidende Details einfach nicht mehr freigeben wollte. So machte mich Martin zum Beispiel darauf aufmerksam, dass ich ihm für die Kommandantur der Bornaer Kaserne, für deren Innenleben er sich lebhaft interessierte, einen Brief mit der Bitte um Unterstützung mitgegeben hatte und dieser offensichtlich nur deshalb eine positive Wirkung zeitigte, weil ich ihn in Russisch verfasst hatte.

Überhaupt konnte ich sein Interesse sehr gut nachvollziehen, hatte es mich als Student doch selbst heftig nach Osten gezogen: Moskau als eine der wenigen unter Überwindung extremer bürokratischer Hürden immerhin erreichbaren Weltstädte hatte es mir angetan; die Ergebnisse von elf Reisen dorthin konnte ich 1975 in einem Bildband veröffentlichen. Für s e i n e letzten Leipzigreisen im Jahre 1990, ermöglicht durch ein sechswöchiges DAAD-Stipendium, brauchte Martin kein Visum mehr, denn inzwischen hatte sich bekanntlich das Blatt gewendet. Wiederum gab es sehr Merkwürdiges zu fotografieren, wenngleich nicht immer bemerkenswert, denn die Zeichen, die inzwischen das öffentliche Bild beherrschten, imponierten Martin Büttner weniger als möglicherweise manchem DDR-Bürger.

Deshalb begegnete er der Schamlosigkeit kapitalistischen Marktgebarens mit der gleichen Distanziertheit wie zuvor der hilflos-dümmlichen Programmatik der sozialistischen Losungen. Und siehe da, vor dem Ergebnis stellt man verblüfft fest, wie sich die Bilder gleichen. Zeitzeichen eben. Sie sind Büttners Thema und hier ist der Fotograf dem wirklichen Leben für seine Überspitzungen ebenso dankbar wie jeder Kabarettist. Er findet sie auf seine sympathische, zurückhaltende Art im Alltäglichsten, und er weiß, dass ein gebührender Abstand zu den Dingen auch die Chance für ein möglichst komplexes Bild bietet. Thematische Nähe das lernt jeder Fotograf irgendwann, ist nicht zwangsläufig mit physischer Nähe zum Gegenstand verbunden.

Das Titelbild seines schmalen Kataloges, der 1992 von der VHS Detmold ermöglicht wurde, bestätigt diese These sehr anschaulich. Zu sehen ist eine streng geometrisch ins differenzierte Grau des Querformats gefasste sonntäglich leere Straßensicht in Altenburg. Ihr im Bildzentrum gelegener Teil, unmittelbar nach Überquerung der Hauptstraße deutlich ansteigend, bildet mit seiner schiefen Ebene den idealen Fond für die einzige und mit gefasster Würde auftretende Bildfigur. In ihrem feierlichen Schwarz durchschreitet sie quer zu unserer Blickrichtung den Raum zur Bildmitte hin. Doch wird sie den Grund, vor dem sie sich so klar abhebt, nicht betreten. Aus diesem alltäglichen Balanceakt und der Tatsache, dass die alte Dame noch deutlich mehr Raum zu bewältigen hat als hinter ihr liegt, bezieht dieses sorgsam beobachtete Bild seine magische Wirkung, deren Zeichenhaftigkeit durch weitere Bildelemente gestützt wird: Einsamkeitssteigernd wirkt beispielsweise das jenseits der Bildmitte (und des zentralen Handlungsraumes) im Straßenhintergrund abgestellte, halb verdeckte Auto bar jeder Mobilität, wie ein unerreichbarer Partner. Zu allem Überdruß schließlich wird die einzelne Figur von paarweise auftretenden Elementen eingekreist: zwei Bordsteine, zwei Straßenschilder, zwei Betonmasten.

Ich kann es nun auch einfacher sagen: Wer es schafft, auf solche Distanz, die - wie ich bei Martin Büttner gelernt habe - voller Liebe sein kann, wer also selbst dann eine menschliche Situation mit solcher Einfühlung zeichenhaft zu erfassen vermag, der hat das Zeug zu einem guten Fotografen.

Befürchten Sie nun bitte nicht, dass ich Ihnen alle Bilder unseres Menschenfreundes so gründlich beschreibe. Sie sollen ja auch noch etwas tun. Mir ging es um den Versuch, das Faszinierende eines Bildes annähernd so gut in Sprache zu übertragen, wie es dem Fotografen in der seinen auf einen Schlag gelungen ist, denn das ist es ja, was der Fotograf tut: er entnimmt dem eingekreisten Segment seiner Wirklichkeitswahrnehmung mit einem Schnitt durch Raum u n d Zeit das Viereck seines Bildes.

Überhaupt enthalten Martin Büttners Bilder ein reiches Lektüreangebot. Das in ihnen enthaltene Zeichenhafte ist immer bedeutungstragend. Der heilige Ernst der Schriftzüge, Bilder und Losungen, ihre verkniffene Rhetorik einmal mit dem wirklichen Leben konfrontiert geraten notwendig in Verlegenheit. Büttner, der das Staunen nicht verlernt hat, nimmt´s pur, und wir haben den Gewinn. Dabei geht es ihm überhaupt nicht um ein Entlarven oder vordergründige Politsatire. Vielmehr liegt ihm das doppel- oder hintersinnig Poetische, das unfreiwillig Komische einer Situation. Das Bild der beiden ballspielenden Jungen zum Beispiel bezieht seine Komik aus der Tatsache, dass der Ball nur im wirklichen Leben zu den in erwartungsvoller Spannung nach oben blickenden Spielern zurückkäme. Im Bild, das seiner Natur nach Stillstand ist, tut er das nie und nimmer, zumal es Büttner zum Zeitpunkt der Aufnahme mindestens so konzentriert wie seine Mittänzer in Kenntnis der Mittel so eingerichtet hat, dass der weiße Ball absolut mittig auf eine scharf gezeichnete Senkrechte der Hinterhofarchitektur geheftet wird und zur Bekräftigung seines Gefangenseins genau in diesem imaginären Schnittpunkt einen seiner schwarzen Punkte zeigt und damit den Blick des Betrachters eine Weile festhält. Im Katalog stellt Büttner dieser Fotografie ein aus ähnlicher Distanz aufgenommenes Straßenbild zweier schwarzbemützter Männer gegenüber, die vornübergebeugt in ein gardinengeschmücktes Schaufenster starren und sich im konzentrierten Doppel der öffentlichen Zeitungslektüre ergeben. Von ihnen unbemerkt, räkelt sich über ihnen (und wiederum exakt mittig) vor einem fünfteiligen, den hellen Himmel reflektierenden Fenster eine verknautschte DDR Fahne.

An Büttners Bildern wird sehr deutlich, dass Fotografie sich in erster Linie auf die Zeit, im weitesten Sinne also auf Geschichte richtet, und als Martin und ich vor etwa einer Stunde einen ersten Rundgang durch die Ausstellung unternahmen, war mir klar, dass ich Ihnen (oder sagen wir genauer mir) noch den Versuch einer Antwort schuldig bin, wie denn heute, nach über 15 Jahren und dem, was uns die Zeit inzwischen gebracht hat, sein Blick zu bewerten ist. Nun kann natürlich niemand Künftiges vorwegnehmen, ahnen aber schon; insofern sind zwei Bilder Martin Büttners, die ich noch nicht kannte, für mich bemerkenswert. Eines davon präsentiert er uns ob seiner Symbolik in Extragröße: Auf ein paar fast jämmerlich wirkenden Trümmern der Berliner Mauer, zwei ihrer winkelförmigen Versatzstücke von einem unbekannten Schelm in die Form eines halbierten Hakenkreuzes gebracht, stehen bzw. lagern drei Kinder, von denen mich ein Mädchen am meisten beeindruckt, denn in seiner Figur schlägt der Fotograf dem zweifelhaften Witzbold ein Schnippchen, indem er das Mädchen, dessen beidhändige Zeigegeste gleichzeitig seinen eigenen Blick verstellt, durch Berührung mit dem Bildhintergrund in einen Halbengel verwandelt. Die andere, zentrale Figur (das vierte Kind), cool mit einer Spielzeugpistole auf den Fotografen, also auch auf mich, den Betrachter zielend, tut ein übriges und wollte ich die ganze Komplexität nur dieses Bildes schildern, hätte ich noch ziemlich viel zu sagen. Ich belasse es bei einem Satz: Gute Fotografie ist wunderbar!

 

Lässt das beschriebene Bild hinsichtlich des Geschichtlichen die Optionen auf die Zukunft völlig offen, so ist es erstaunlich, wie viel eine von Martin aufgezeichnete reale Konstellation Künftiges vorwegzunehmen vermag - ich meine das Bild der beiden Frauen vor der Wahlplakatwand aus dem Jahre 1990. Am schwersten zu lesen mittendrin der Slogan: Für die unbeherrschte Vernunft der Frau, als nächstes fallen inmitten all der Zukunftsformeln und wertebeschwörenden Allgemeinplätze unmittelbar untereinander gefügt zwei Namen ins Auge: LOTHAR SPÄT und LOEST LIEST, das ist Poesie pur! Am meisten zu schaffen macht mir in all dem Textwust jedoch der Kontrast zwischen den bildbeherrschend protzigen Lettern S i c h e r w ä h l e n und der am äußersten Bildrand fast nicht zu findenden und obendrein perspektivisch verzerrten Bildzeile S o z i a l e S i c h e r h e i t .

Wie kommt es nun aber, dass diese nüchternen, fast dokumentarisch anmutenden Bilder uns so anrühren, was ja eindeutig auf ihre subjektive Qualität verweist? Als ich Martin Büttner kennenlernte, war er auch als Mensch noch sehr auf der Suche. Ich erinnere mich, dass er Zweisamkeit in seinem Leben stark vermisste und dieser Sehnsucht in gelegentlichen Gesprächen auch Ausdruck verlieh. Dieses Gespanntsein auf die noch völlig offene eigene Zukunft hat sich meines Erachtens in Büttners Bildern mit seiner allgemeinen Neugier auf Leben und dessen spezifische lokale Ausprägung auf recht glückliche Weise verbunden. Und so erkläre ich mir auch das massierte Vorkommen von Zweier-Konstellationen in seinen Bildern. Das Bild von der Insel für zwei beispielsweise ist eben deshalb so gut, weil in ihm als Bild der Zeit a u c h eine individuelle Sehnsucht aufgehoben ist.

Das ist überhaupt das Wunderbare, aber oft Missverstandene an der Fotografie; sie braucht zwar ein Objektiv, aber sie ist es nicht: Als Fotograf bist du am besten beraten, wenn du dich, Bilder machend, um die Welt bemühst, ohne in einem ganz eigenen Zugang zu ihr etwas Widersprüchliches zu vermuten. Das Gegenteil scheint richtig: Du kannst die Welt nur dann verraten, wenn du dich selbst verlierst. Die amerikanische Fotografin Lisette Model, der man nachsagt, eine der besten Lehrerinnen unseres Faches gewesen zu sein, hat ihren Studenten zum Beispiel kategorisch verboten, irgendetwas zu fotografieren, was sie nicht interessiert. Sie wusste, wovon sie sprach. Die einzigartigen Typen, die sie selbst fotografierte, stehen für ihre Zeit, die Art, w i e sie diese, sozusagen dem eigenen Namen folgend, mit Hilfe der Kamera zur Skulptur modellierte, stand nur für sie selbst.

 

Wie es scheint, kommt man also auch in der Fotografie nicht ohne Vorbilder aus. Martin Büttner hat sich gerade in der Zeit seines Studiums nach solchen Lehrern umgetan und sich um Kontakt zu ihm wichtigen Fotografen bemüht. So hat er Evelyn Richter, ebenso ihren ehemaligen und inzwischen verstorbenen Lehrer Pan Walter, Arno Fischer, Roger Melis oder Walter Ballhause besucht und porträtiert. Mit letzterem verband uns beide eine äußerst fruchtbare Freundschaft. Walter Ballhause, mehrfach begabter, vitaler Autodidakt, der eigentlich nur drei Jahre seines Lebens, als junger Arbeitsloser Anfang der dreißiger Jahre, in Hannover bis zur Machtergreifung durch die Faschisten intensiv fotografiert hatte, zählt mit der in 50 Filmtaschen konzentrierten Essenz seiner hellsichtigen Beobachtungen, die hinter der Kartoffelkiste in Ballhauses Keller die dunkle Zeit des Faschismus überdauerten, zu den wesentlichen Fotografen des vergangenen Jahrhunderts. Und zwar deshalb, weil ihm seine Bilder nicht als Selbstzweck, sondern als eindringliches Zeugnis der Veränderungswürdigkeit einer ungerecht konstruierten Welt dienen sollten. Eine solche trotz aller Rückschläge konsequent gelebte Haltung in Walter Ballhause kennengelernt zu haben, gehört zu den prägenden Einflüssen in Martin Büttners Leben, wie in meinem auch.

Ein guter Porträtist, und das ist Martin Büttner, trennt nicht zwischen den Berühmten und den Menschen des Alltags. Jede menschliche Begegnung ist für einen solchen Fotografen kostbare Gelegenheit und Herausforderung. Er muss seinen Apparat vergessen und sein Gegenüber glauben machen können, dass er mit diesem "verlängerten Auge",wie es Henri Cartier-Bresson ausdrückt, sozusagen schon auf die Welt gekommen ist. Weiter empfiehlt dieser andere Meister, der keiner sein möchte und an dem doch kein am Leben interessierter Fotograf vorbeikommt, dem Porträtierten den Apparat gewissermaßen zwischen Hemd und Haut zu schieben. Auf solch sensible Weise sind Martin Büttner zum Beispiel die bemerkenswerten Porträts seiner fotografierenden Kollegen, von russischen Menschen in Borna oder ostdeutschen Rentnern gelungen, obwohl er sie aus einer fast schüchtern zu nennenden Distanz realisiert.

Diese besondere Befähigung zur Einfühlung in den anderen, in das was da ist, scheint mir eine starke Affinität zur Fotografie zu haben; ich frage mich manchmal, was haben solche Menschen bloß vor der Erfindung der Fotografie gemacht. Erst seit es sie gibt, können wir dieses elementare Bedürfnis, Gesehenes anderen mitzuteilen, auf so einzigartige Weise befriedigen. Andererseits gibt uns die Geschichte ausreichend Beispiele, wie unerwünschtes Sehertum zurückgewiesen wurde, bis zur physischen Vernichtung, von der gerade in jüngster Zeit fotografierende oder filmende Journalisten in ihrer Eigenschaft als potentielle Zeugen immer wieder betroffen sind. Die eben aufgeworfene Frage weitergedacht, bietet jedoch das stille Medium Fotografie dem Seher auch einen gewissen Schutz: er verschlüsselt die Botschaft in den stummen visuellen Code und überläßt die Hosianna, oder Kassandrarufe dem Publikum. Denn dass erst der Betrachter die Kunst vollendet, indem er sie aufnimmt, gilt seit geraumer Zeit als selbstverständlich auch oder gerade für die Fotografie.

Und damit, meine sehr verehrten Damen und Herren, schließe ich den Kreis meiner Überlegungen und übergebe Ihnen den Stab und wie es meine Aufgabe heute ist, Martin Büttners Bilder. Eignen Sie sich diese Fotografien an, vollenden Sie sie mit Ihrem kritischen Urteil und wie immer es auch ausfällt, scheuen Sie sich bitte nicht, es dem Autor mitzuteilen, denn das ist das einzige Äquivalent, das Sie ihm zurückgeben können. Der Schaffende braucht diese spezifischen Reaktionen, und er hat für alle Meinungen Verwendung, solange seine Bilder niemanden gleichgültig lassen, aber das ist auch das einzige, scheint mir, was Martin Büttners Fotografien einfach nicht vermögen.

Helfried Strauß Leipzig und Dinslaken, Februar 2004