Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Kerstin Parlow
 
Ein Raum versucht sich aufzulösen.
 
 
Die Kunst streitet mit dem Kontext. Laut und nervös liegt sie am Boden. Ein Raum versucht sich aufzulösen. Wie bin ich hier nur her geraten?, denke ich, als ich zur Vernissage die Galerie betrete. Das hat doch mit Berlin zu tun, was soll denn da ein Hafen aus Ägypten?, werde ich gefragt. Ja, nicht mal die Fakten passen. Aber was ich meinte war: Wie hat sich so etwas Leises in diesen Großstadtlärm verirrt?

Ich wurde eingeladen auszustellen. Das Konzept, das mir Herr Schweitzer gibt, liest sich wie eine Backsteinwand. Nach einer Weile sehe ich einen Riss im Putz, gehe näher und kann durch den Riss den Himmel sehen. "Jede Hoffnung muss heutzutage im wahrsten Sinne des Wortes ohne Begründung, ohne intellektuelles Fundament auskommen. Aber das macht sie fast unmöglich." Die Wand löst sich auf.
 
Die Hoffnung. Die Bilder.

Die Bilder wurzeln im Realen.
Physikalisch existente Wirklichkeit,
mess- und fixierbar.
Ort und Zeit.
Ich halte mich dort auf.
Sehe, gehe,
die Welt weht durch mich durch,
ein Teilchenstrom aus weißlich hellem Licht.
Wahrnehmungsspiralen,
nach innen und in die Ferne offen, angeregt von etwas - reagieren.
Reagieren, nicht denken. Das Gegenteil.
Ich löse mich in den Moment hinein, mich auf.
 
Die Bilder wurzeln im Realen.
Das Bild an sich ist frei von Wurzeln.
Das Wissen um den Ort, die Zeit, der Respekt davor,
das bleibt. Was ich meine ist:
Den Augenblick herauszulösen.
Frei vom Denken, vom Angebunden-Sein.
Dämonenkinder eines dunkelbunten Geistes.
Ein Augenblick herausgelöst.
Transformiert in einen Zustand,
den die Seele trinken kann.
 
Von hier aus geht der Weg zurück.
Die Bilder bilden Wurzeln aus und pflanzen sich aufs Neue,
anderswo. Fremde Hände hängen sie an eine Wand.
Sie müssen für sich selbst bestehen jetzt,
bestehen in einem Kontext,
der nach Form verlangt.
Kultur, Gesellschaft, Galerie.
Eine vom Menschen hergestellte Wirklichkeit.
Was stellen wir denn her und wonach suchen wir darin?

Dem Innen Form zu geben? Das zu formen, was mit keinem Körpersinn erfahrbar ist, es begreifbar machen, es auszutauschen? Das war ja anfangs meine Frage. Was suche ich auf dieser Vernissage und warum sind meine Bilder hier? - Nun, sie ernten mir Kritik und Blumen, zwei Gläser Wein und einen Abend am Kamin. Man redet viel und lacht und streitet auch, am Ende steht der Plan, gemeinsam neue Bilder herzustellen. Ein Teilchen stößt das andere an. Nicht alleine lässt es sich besser leben.
 
Darum geht es wohl im Grunde. Kunst als Kristallisationspunkt für den Austausch von Informationen zwischen lebenden Systemen. Der Austausch von Informationen zwischen lebenden Systemen. Das habe ich in einem Lexikon gelesen, als Definition für den Begriff 'Kommunikation'. Über 'System' könnte ich jetzt streiten. Statt dessen ändere ich einfach das Wort 'lebend' in 'lebendig' und antworte auf den oben zitierten Satz von Tobias Schweitzer: Hoffnung ist möglich, solange man lebendig ist. Bereit, jeden Tag neu zu scheitern.