Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

the GEM: crash-talk, 26.11.2003.aus archtektonischer, ägyptologischer, musikalischer und quantenphysikalischer sicht mit kim bostrem, quantenphysiker, universität potsdam, johannes wallmann, komponist, berlin, andreas effland, ägyptologe, akademie der wissenschaften göttingen, professor lothar e.o.eckhardt und den projektbeteiligten von the gemm, hochschule für angewandte wissenschaften hamburg haw, fb architektur, hebebrandstr. 1, 22297 hamburg

Jörg Boström

Das Bauen im Kopf.

Studierende entwerfen ein Museum für eine ferne Kultur. Ein Kolloquium an der Fachhochschule für Architektur in Hamburg am 26.11. 2003

Zu Beginn eine facettenreiche Präsentation von Bildvorträgen zu einem zugleich fiktiven und realen Unternehmen. Ein Museum für ägyptische Kultur bei Kairo, eingebettet in die Landschaft und antwortend auf die zeitlich und räumlich so fernen Pyramiden. Diskutiert wird das Vorhaben mit drei Gästen, dem Ägyptologen Andreas Effland, dem Komponisten Johannes Wallmann und dem Physiker Kim Boström. Fast unbekannt noch sind Architektur und die Lebensformen der fernen Kultur, ihre Schriften werden immer wieder neu gelesen und gedeutet, ihre Rolle im Wechselspiel der Zeiten und Kulturen. Die Ägypter gestalteten nur ihre religiöse Welt in Stein. Sie ist uns überliefert und scheint für uns immer wieder das Ägypten des Altertums im Ganzen zu repräsentieren. Dabei ist es nur der jeweilige religiöse Aspekt. Das tägliche Leben, die Anlagen der Städte, ihre Straßen, Plätze, Lebensräume waren aus vergänglichem Material gebaut, aus Holz und Lehm. Nichts davon ist geblieben und so reduziert sich diese Kultur auf seine sakrale, auf die Unsterblichkeit der Pharaonen kalkulierte Existenz. Ein modernes Museum muss dieser Beschränkung Rechnung tragen und soviel wie möglich an Rekonstruktionen aus Reliefs und Texten auch über das Leben im alten Ägypten erahnbar machen, wenn nicht diese Kultur weiterhin zu gewaltigen Tempeln, Pyramiden, Skulpturen erstarren soll. Andreas Effland brachte den Studierenden diesen Aspekt der ägyptologischen Forschung nahe, welcher gerade für architektonisches Planen der Gegenwart in Verbindung mit der Kulturgeschichte von Bedeutung ist. Die Verbindungen zur Denkweise der Gegenwart, der Räume, die in musikalischer Gestaltung zu neuen, dynamischen Erfahrungen führen, brachte Johannes Wallmann in die Diskussion. Seine Kompositionen in freien Räumen von Parks, Felsen und Landschaften erzeugen ein Erlebnis des Raumes, wie er zur Sensibilisierung von kreativen Impulsen wesentlich ist. Kim Boström gab einen anschaulichen Einblick in die enge Verbindung von Raum und Zeit, ihre Dehnungen und Verformungen im Licht der Berechnungen bei neuen Forschungsschritten der Quantentheorie und die möglichen Antworten architektonischer Kultur- und Lebensgestaltung in immer neuen Entwürfen. Wir empfinden niemals Raum ohne zugleich die Zeit wahrzunehmen. Die vierte Dimension ist nichts Magisches oder nur den forschenden Physikern geläufig sondern eine selbstverständlicher Teil unseres täglichen Bewusstseins. Zugleich sind Raum und Zeit in unserer Erfahrung dehnbar, veränderbar in Verbindung mit unserer Bewegung in ihnen, in Raum und Zeit. Es ist die Physik, welche in Berechnungen auch weit darüber hinaus Verbindungen entwickelt, welche sich bis in die Erforschung des Kosmos hin ausdehnen. Die Studierenden waren ein aufmerksames und zuletzt eifrig diskutierendes Publikum. Das Bauen entwickelt sich weiter aus diesen Diskursen und in diesen Zusammenhängen aus den Vorstellungen im Kopf des Architekten, welcher die wechselseitige Verbindung in ständiger Veränderung von Strecke, Fläche, Raum und Zeit immer wieder neu erlebt. Es geschieht dies in besonderem Maße im Sprung von den aktuellen architektonischen Formen des 21. Jahrhunderts, welche diese wechselseitige Dynamik immer wieder neu zum Ausdruck bringen hin zu der auf Stillstand und Dauer angelegten, der Zeitlosigkeit verpflichteten Formensprache der ägyptischen Kultur. So gesehen ist das Projekt der Gestaltung eines aktuellen Museums für ägyptische Kultur unmittelbar an ihrem regionalen Brennpunkt eine extreme Herausforderung an die Vorstellungs- und Gestaltungskraft der Studierenden. Die Verbindungen von Raum, Historie, Klang und Zeit, zwischen den Künsten und den Entdeckungen der Physik zeigt sich bereits deutlich im Beginn der Moderne. Max Planck und Albert Einstein beenden die klassische Physik mit neuen Erkenntnissen über Raum und Zeit, während zugleich im anscheinend davon unabhängigen Gebiet der bildenden Kunst der bildnerische Raum im Kubismus zerlegt und neu montiert wird. Zudem tritt im Futurismus der Faktor Zeit in neuen bildnerischen Formen auf auch in der Malerei. Die gegenwärtige Architektur bietet wiederum anscheinend unabhängig von den Forschungen der Quantentheorie dynamische Bauformen, wie bereits in Scharouns Berliner Philharmonie, die zugleich ein begehbarer Klangkörper ist, in dynamischen Museumskonstruktionen von Frank O.Gehry in Bilbao, Bad Oeynhausen und Herford. Hier wird der Zeitfaktor architektonisch sichtbar gemacht in Form und Raum. Die Wände scheinen in ständiger Bewegung zu sein. Der Besucher erlebt sich beim Durchwandern immer neu in wechselnden Räumen, Flächen und Formen. Als sei das gebaute Gebilde nicht für die Starre und Dauer bestimmt, sondern warte auf neue Impulse für eine neue Bewegung und zuletzt auf den Abflug. Einen größeren Gegensatz zu den ewig scheinenden Pyramiden oder den übermenschlich dimensionierten Tempeln uns Statuen des alten Ägypten kann man sich kaum vorstellen. Dort bewegt sich nichts. Der Mensch wandert verloren durch die riesigen Anlagen. Seine Bewegung verändert die Ansichten nur unmerklich langsam. Es weht ein kalkulierter Hauch von Ewigkeit, wie er von den Pharaonen gewünscht ist auch für ihre physische Existenz. Nicht Zeit und Raum in dynamischer Beziehung wird dargestellt sondern Zeitlosigkeit, Architektur als unbewegte Skulptur. An Beispielen der Architektur im Hitlerdeutschland wird ein vergleichbarer, hier aber deutlich unmoderner und hybrider Anspruch auf Größe und Ewigkeit spürbar. Auch hier ist der Besucher verloren in unbewegten unbeweglichen gigantomanischen Dimensionen. In der Raummusik von Johannes Wallander setzt der Klang, die auf Raum kalkulierte Musik eine ästhetische Spannung entsprechend der dynamischen, organischen Raumkonstruktion des neuen Jahrhunderts. Eine neue synästhetische Dimension. Man begreift nun auch die Musik als ein Ereignis im Raum, in einem Raum, der pulsiert, der sich dehnt und zusammenzieht, der immer neuer Veränderung unterworfen ist in Erlebniszusammenhängen der Sinne. Die Lehre der Architektur, wie sie sich in Hamburg an diesem Projekt darstellt, umfasst einen Zusammenhang der Künste und Sinne, in der die sonst auf starre Reißbrettgestaltung fixierte Baukunst eine lebendige Verbindung eingeht mit den Künsten und Wissenschaften. Sie kann so Ausdruck werden des jeweiligen Geistes einer Zeit, wie schon Baukünstlern wie Walter Gropius vorschlug. Der Gedanke des Bauhauses bleibt lendig in immer neuen Formen des Lehrens und Lernens.

 

Professor Lothar E. O. Eckhardt beim Kolloquium mit Studierenden

Entwürfe und Modelle zum Projekt Ägyptisches Museum bei Kairo

Referenten Johannes Wallmann, Kim Boström, Andreas Effland

Eine sandstreuende, nach unten spitze Pyramide aus Pappe schafft als langes und langsam schwingendes Pendel in der Pause zwischen Kolloquien und Diskussion eine grafische Struktur in Raum und Zeit.

Um die immer dichter werdenden Raumflächenform wird der Kreis der Diskutierenden gebildet. Es moderiert Prof. Lothar E. O. Eckhardt

Ein Student spricht mit Kim Boström über sein dynamisches Modell variabler, in Raum und Zeit bewegter geometrischer Formen.