Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Jörg Boström

Reiz der Arbeit

in Fotografien von Knut Zeisel

Die nackten Körper zeigen sich selbst bewusst. Die Haut wird noch greifbarer, haptischer, durch das aufgelegt, aufgewickelte Material. Jeder und jede ist stolz auf diese eigene physische Präsenz. Dies ist Erotik der Arbeit. Ich bin ich. Und ich bin Malerin, Postbote, Fotograf, Künstlerin, Friseuse, Feuerwehrmann. Geschützt mit den Insignien und dem Stoff meines Berufs, der mich bedeckt, aber nur ein wenig, bin ich auch noch Mensch, nackt, wie zwei Götter mich schufen. Wie schön sind normale Menschen, auch wenn sie nicht in professionellen Attitüden von models sich dem Fotografen präsentieren, sich nicht wie Waren anbieten, sondern die einfach dastehen und das Liebste außer dem Liebsten dicht an ihren Körper lassen, die Geräte und Stoffe ihrer Arbeit. Wenn man weiß, dass diese Menschen aus einem kleinen Ort stammen, Ennigerloh, in dem auch der Fotograf lebt, wird diese Fotoserie von Knut Zeisel zu einer lebensfrohen Dokumentation einer Gemeinschaft. Ihren Hintergrund bilden ineinander verschwimmende Farben, Schwarz, Rot, Gold, deutsch eben, aber back ground und schwimmend. Er dient nur dazu, die Plastizität ihrer westfälischen, kräftigen Körper hervorzuheben.

Fotograf

Fotopraktikantin

Das Konzept ist so einfach wie schlagend. Es ist auch Zitat in fotogeschichtlichen Zusammenhängen. Es persifliert und zerstört diese zugleich. Wie hat August Sander die Typen deutscher Berufe und Klassen vor seine Kamera gestellt? Eingehüllt, eingefangen, eingesperrt in ihre Rolle und in ihre Zeit. Eine gewaltige Dokumentation der Enge und des unausweichlichen Rollenspiels der Berufe in der Beklommenheit der Weimarer Zeit. Knut Zeisel, der in Bielefeld Fotografie studiert hat, kennt diesen berühmten Bilderzyklus. Er kennt auch die wie kostümierte Schauspieler ihrer eigenen Rolle in einem fremden Stück vor dem weißen Tuch des Stefan Moses agierenden Putzfrauen und Arbeiter, und die vor seinen Tüchern posierenden Überlebenden der letzten Tage der DDR.

Feuerwehrmann

Germanistikstudentin

In diese Reihe tritt nun eine ausgezogene Kleinstadt, ausgezogen, um das Fürchten zu verlernen. Vorsichtig, mit einigen Freunden, hat Knut Zeisel sein Projekt begonnen, sich selbst und seine Künstlerfrau Christine mit einbezogen, bis immer mehr Menschen aus seinem Ort sich in seinem Studio einfanden, hüllenlos und dann wieder verhüllt, eingewickelt in ihr tägliches Material, fest auf beiden Beinen stehend, wie Statuen, die selbst ihre Bilder bauen. Knut Zeisel stammt aus Bochum. Wer im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, kennt die Skulpturen der Arbeiter und Arbeiterinnen, welche die Portale der mächtigen Verwaltungsgebäude von Zechen und Hüttenwerken und Verwaltungszentralen überwachen, Bergarbeiter, fast nackt mit ihren Hacken und Lampen, Stahlarbeiter mit ihren gewaltigen Zangen, Frauen mit Büchern. Körben und Ähren. Das Arbeiterdenkmal wird in den Fotografien von Zeisel ironisch und liebevoll ins Gedächtnis zurückgeholt, vom Sockel auf den Boden gestellt, ohne pathetischen Muskelschwulst, mit zärtlichen Polstern eher, wie sie die gute Zeit der BRD-Ernährung ermöglicht, ohne Eitelkeit, aber mit sympathischer Präsenz. Einen Hauch von Neoklassizismus strahlen diese Bilder aus, Griechisches aus Westfalen. Der Ringer, der Diskuswerfer, der Faustkämpfer, der Speerträger, Herkules mit dem Löwenfell, so sind die attischen Skulpturen im Nationalmuseum in Neapel zu betrachten. Die Frauen hatten damals keine Berufe, sie symbolisierten Gerechtigkeit, Weisheit, Erotik. Heute auf den Fotografien von Zeisel stehen sie mit ihren Geräten selbstverständlich mit den Männern in ihrer Rolle im Beruf, nicht mehr nur als erotische Stimulans, anziehend wie bisher auch, eher mehr, anziehend wie ihre männlichen Miteinander.

Koch

Kosmetikerin

Knut Zeisel ist inszenierender Fotograf, nicht nur bei diesem Projekt. Wenn er als Industriefotograf Bilder von Werkhallen, Maschinen, Architekturen gestaltet, leuchten diese in einem besonderen Licht, in ausgesuchten und sorgfältig gesetzten Farben. Magie und Realität gehen eine suggestive Verbindung ein. Der Industriefotograf ist nicht ein blinder Gläubiger des ungebremsten Fortschritts. Er ist nicht nur engagiert in die Faszination des Mediums. Er richtet seine bildnerische Energie auch wie eine Waffe gegen Entwicklungen, die uns bedrohen. So findet man auf einem seiner Bilder seinen auch hier nackten Körper wie ans Kreuz geschlagen den Strahlen einer unheimlichen Sonne ausgesetzt, die über die geometrischen Konturen eines Kernkraftwerks streichen. Seinen wütenden Protest gegen eine offenbar unkontrollierbare Technik gestaltet er in realistischen Szenen, welche wie Ausschnitte eines Films mit surrealer Gestik anmuten. Das Element Wasser wird von einer anderen Bildmontage in sich auflösenden Schwimmerkörpern vor die Augen gesetzt. Solche Fotografien tauchen in Kunstausstellungen auf, in welchen Knut Zeisel neben die Malerei und Grafik anderer Kollegen seinen Anspruch als Künstler anmeldet

Musik Kabarettist

Schneiderin

Knut Zeisel ist inszenierender Fotograf, nicht nur bei diesem Projekt. Wenn er als Industriefotograf Bilder von Werkhallen, Maschinen, Architekturen gestaltet, leuchten diese in einem besonderen Licht, in ausgesuchten und sorgfältig gesetzten Farben. Magie und Realität gehen eine suggestive Verbindung ein. Der Industriefotograf ist nicht ein blinder Gläubiger des ungebremsten Fortschritts. Er ist nicht nur engagiert in die Faszination des Mediums. Er richtet seine bildnerische Energie auch wie eine Waffe gegen Entwicklungen, die uns bedrohen. So findet man auf einem seiner Bilder seinen auch hier nackten Körper wie ans Kreuz geschlagen den Strahlen einer unheimlichen Sonne ausgesetzt, die über die geometrischen Konturen eines Kernkraftwerks streichen. Seinen wütenden Protest gegen eine offenbar unkontrollierbare Technik gestaltet er in realistischen Szenen, welche wie Ausschnitte eines Films mit surrealer Gestik anmuten. Das Element Wasser wird von einer anderen Bildmontage in sich auflösenden Schwimmerkörpern vor die Augen gesetzt. Solche Fotografien tauchen in Kunstausstellungen auf, in welchen Knut Zeisel neben die Malerei und Grafik anderer Kollegen seinen Anspruch als Künstler anmeldet.

Sekretärin

Postbote

The Charm of Labour

The nude bodies are demonstrating self-consciousness. The skin becomes still more tangible, more touchable, by the laid-on, winded-up material. Each he and she is proud of his and her physical presence. This is eroticism of labour. I am I. And I’m a painter, a postman, a photographer, an artist, a hairdresser, a fireman. Protected by the insignia and the material of my occupation, covering me, but only a bit, still a human being, naked as two gods have created me. How beautiful can normal people be even if they don’t present themselves to the photographer with the professional attitude of models, not offering themselves like goods, but simply standing there allowing the best they like, except for their loved ones, to get close to their body: just the utensils and the fittings of their work.

If one knows that these people are all coming from a small town, Ennigerloh, where the photographer is also living, this series of photos from Knut Zeisel becomes a cheerful documentation of community. The background is made up of colours flowing into one another, black, red, gold, the German colours, but background only and flowing, serving the only purpose of accentuating the plasticity of their healthy Westphalian bodies. The concept is as simple as it is striking. It is also a quotation of photo-historical connections. It satirises and destroys them at the same time. How did August Sander put the types of German classes and occupations before his camera? Wrapped-up, captured, and locked-up in their roll and their time. A powerful documentation of the narrowness and of the inescapable play of rolls immanent to the occupations during the uneasiness of the Weimar period. Knut Zeisel, who studied photography in Bielefeld, is familiar with this famous cycle of pictures. He also knows the charwomen and workers playing like costumed actors of their own rolls in a strange stage play in front of the white cloth of Stefan Moses, and the survivors of the last days of the GDR posing before his cloths. This line is now entered by an „undressed“ small town, set out to forget their fears. Carefully, with a couple of friends, Knut Zeisel started his project, always involving his artist-wife Christine and himself, until more and more people from his town turned up in his studio, unveiled and then covered again, wrapped up in their everyday materials, standing firmly on both feet like statues creating their own pictures.

 

Grundschullehrerin

Zimmermann

Knut Zeisel comes from Bochum. Anybody grown up in the Ruhr-district knows the sculptures of male and female workers watching over the portals of the huge administration buildings of coal mines and steel mills; miners, almost naked, with their picks and lamps, foundry workers with their mighty tongs, women with books, baskets and ears. In Zeisel's photographs the traditional Worker‘s Monument is ironically and kind-heartedly called back into memory, removed from the pedestal to the floor, without lofty muscle bombast, rather with tender little pads brought about by the good times of the Federal Republic’s nourishment, without vanity but with sympathetic presence. These pictures radiate a breath of Neo-Classicism, something Grecian from Westphalia. The wrestler, the discus-thrower, the pugilist, the javelin-bearer, Hercules with the lion’s skin: all the Attic sculptures as they can be seen in the Naples National Museum. In those days women didn’t have professions; they symbolised justice, wisdom, eroticism. On today’s photographs of Zeisel they stand, like a matter of course, with their utensils in line with the men’s occupational roll, no longer as pure erotic stimulant, attractive as ever before, even more so, attractive like their masculine fellows. Knut Zeisel stages his photographs, not only with this project. When he, as a photographer of industrial plant, creates pictures of workshops, machinery and architecture, the same are shining in a special light, in selected and carefully set colours. Magic and reality meet in a suggestive alliance. The industry-photographer is not a blind believer in an unbridled progress. He’s not only engaged in the fascination of the medium. Like a weapon he aims his graphical energy at developments that threaten us. So, on one of his pictures there is his body, naked again, like being crucified, exposed to the rays of an uncanny sun that are touching the geometrical contours of a nuclear power plant. He transforms his angry protest against an obviously uncontrollable technology into realistic scenes which appear like cuts from a film with surrealistic gestures. There is another graphic composition where the element of water is put before the eyes in dissolving bodies of swimmers. Such photographs turn up in art exhibition where Knut Zeisel announces his claim as an artist among the painting and graphic work of other colleagues. Not least does such nearness to art lead to human nearness which in the co-operation and the matrimony with Christine Zeisel leads to new results again and again. Their two children, occasionally appearing themselves on both parents‘ pictures, are part of this cycle as well, with the insignia of tennis-players. The team of these two artists has always created new and inspiring works of art. The small town of Ennigerloh has a cultural centre of gravity in Zeisel’s workshop and shows its gratefulness by increased attention and co-operation.

By their project of wrapped-up bodies, Knut and Christine Zeisel for their part have given the hitherto rather unknown town a nationwide publicity. From time to time, art and regional advertising join forces in a fruitful connection. By the plain directness of their touch, the materials of economic and social existence on the naked skin create an aesthetic and life-embracing accord that one will never forget.

 

S. auch: Zeisel, Knut und Stine, VERWICKLUNGEN, Berufsprträts der anderen Art, fotografiert von Knut Zeisel, Malerei von Stine Zeisel

regioprint Werbemedien&VerlagKG ISBN 3-937053-00-x