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Jörg Boström

Körper Reise, Pola Reise, Fotografien von Veit Mette

Einführung, Bielefelder Kunstverein 1. November 2003

Als die Fotografie zuerst auftrat, im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, jammerte man, ab heute sei die Malerei tot. Eine Gruppe von Künstlern, darunter Jean Dominique Ingres, wollten sie staatlich verbieten lassen. Als eine Art unlauterer Wettbewerb zur Malerei.

Es hat auch im Deutschland des 20. Jahrhunderts lange gedauert, bis die Bilder der fotografischen Technik in Theorie und vor allem in Ausstellungspraxis in Kunstgalerien und Museen gezeigt werden konnten, wie hier und heute auch ganz selbstverständlich im Bielefelder Kunstverein. Man glaubte damals, bis ins 20. Jahrhundert hinein, es sei Aufgabe der Kunst, das Sichtbare wieder zu geben und neu zu gestalten, nicht mehr und nicht weniger. Und nun kam die Fotografie weniger mit diesem Anspruch als mit einer für diese einfache Widergabe ungleich besser geeigneten Technik. Die Moderne der Malerei nahm da ihren Anfang. Mit dem Widerspruch gegen den Augenschein, mit der Entdeckung der Energien, welche im Bildnerischen selbst stecken, in Fläche, Material, Form und Farbe. Das Feld des Sichtbaren sollte von nun an der Fotografie vorbehalten bleiben. So die Meinung von Theoriegrößen wie Werner Haftmann, Will Grohmann, Arnold Gehlen in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts und noch die des Herausgebers der legendären Zeitschrift Magnum, Karl Pawek, der meinte Fotografie habe es mit der Realität zu tun, diese abzubilden sei ihre Aufgabe, so verstanden mit Realität, nicht aber mit der Kunst. Auch dagegen begann die Postmoderne sich aufzulehnen. Mit ihrem Widerspruch.

Gegen die verordneten Gesetze das trotzige, ironische All is pretty von Andy Warhol, der mit vielen seiner Künstlerkollegen die Barrieren der Technik als ein Merkmal und eine Vorbedingung von Kunst zum Einsturz brachte. Man kann Entwicklung und bildnerisches Denken fast durchgängig verstehen als eine permanente kreative Haltung des Protests, der sich oft untrennbar mischt mit ästhetischen, sozialen und politischen Aspekten. Man kann die Behauptung aufstellen, Kunst existiere von nun an als gesellschaftlicher und kultureller Protest, als ein nicht mehr zufrieden sein mit dem Gegebenen, Vorgeschriebenen. Ist das ein Grund, weshalb Künstler unter Diktaturen, ob im Irak, im deutschen Dritten Reich, im Russland Stalins, eine auffällige Neigung zum hohlen Pathos, zur Unkunst, zum Staatskitsch haben, sofern sie sich dem verordneten Main Stream unterordnen? Weil sie, die Diktatoren vorschreiben wollen, was zu tun ist, und das meist mit ziemlich schlechtem Geschmack?

An die erste Begegnung mit Veit Mette erinnere ich mich genau. Es war im Souterrain des damaligen Fachbereich Design in Bielefeld, nicht weit von der Toilette. Er sprach mich an, ob ich kaufen oder gar abonnieren wolle die Zeitschrift Arbeiterfotografie. Immerhin eine kühne Frage von einem Studenten an einen Professor. Allerdings war ich schon Jahre zuvor mit dieser fotografischen und politischen Protestzeitung und ihrer Bewegung nicht nur als Abonnent, sondern auch gelegentlich als Autor und Fotograf verbunden und hatte an der Gründungsversammlung des Verbandes 1973 in Essen teilgenommen mit meinem Kollegen Roland Günter.

Später meinte Veit Mette, auch diese Richtung sei ihm zu angepasst, an die eher zum Dogmatischen neigende Linke, was nicht ganz falsch war. Er ging auch dazu in einen Protest.

Den Widerspruch praktizierte der Fotograf Mette weiter in Arbeitsfeldern, die sich den Behinderten, den sozial Benachteiligten, den Knastbrüdern, den Schwarzen in der Bronx zuwandten. Vieles in seiner Arbeit findet statt in der "Dritten Welt" und da nicht bei den Reichen und Schönen, die es dort auch gibt.

Bürgerlicher Herkunft, aufgewachsen als "Hätschelkind", wie er sagt, aber aus schwierigen Konstellationen ‹landet" er immer wieder bei solch "abseitigen" Themen. Ist er ein politisch motivierter, ein so genannter engagierter Fotograf? Auch das wäre für ihn ein zu gemütliches sich Einkuscheln in eine Kiste mit Deckel und Aufschrift. Er will es nicht, etwas Definiertes sein, er weiß es nicht. Viel verändern und bewegen durch Fotografie lässt sich seiner Meinung nach nicht. Aber wenigstens die Möglichkeit, sich einzumischen, will er nutzen, seine Medienkompetenz einsetzen für die, welche sie nicht haben und auch sonst nicht all zu viel. Die Aufmerksamkeit der Menschen will er erreichen etwa für den in die Länge gezogenen Augenblick einer Stadtfahrt von großformatigen Fotografien Behinderter auf einer Straßenbahn in Bielefeld, oder durch Wand große Bilder auf Stellwänden in Herford, oder auch nur für den Moment eines Bücherblätterns in einem Fotoband. Zu den Einmischungen gehört oder auch eine Ausstellung wie diese hier im Waldhof des Bielefelder Kunstvereins. Hier wird deutlich, dass der Fotograf Veit Mette, der als Bildjournalist und kritischer Dokumentarist im allgemeinen befasst ist mit der Technik der straight photography, der direkten, technisch und ästhetisch unbeeinflussten Aufnahme, dass er hier in diesen Räumen beginnt, das bisher für ihn und viele Kollegen vertraute fotografische Bild neu zu formen. Es ist immer wieder die Kunst als eine Geste des Widerspruchs, der Veränderung, der fortwährenden Neuformung auch der Technik und der Methode, welche bisher vertraute Sichten neu definiert. Statt der bisher und noch heute von im beruflich angewandten direkten Sichtweise bringt Mette nun Bilder an die Wand in Polaroidtechnik, die im Mittelformat Sofortbilder liefern kann, welche aber bei ihm einem weiteren chemischen Umformungsprozess ausgesetzt werden. Dennoch bleiben in seiner Arbeit die Themen, die Inhalte, gesellschaftlich und politisch gebunden.

Die Bilder dieser Ausstellung lassen sich formal zusammenfassen im ästhetischen Prinzip der Unschärfe. Auch diese hat eine lange Geschichte, in der Kunst und der menschlichen Kultur, bei vielen Menschen auch eine persönliche. So hatten z. B. meine Eltern und Lehrer lange nicht realisiert, ich auch nicht, dass ich kurzsichtig bin. Dass ich also die Welt wie durch einen Schleier wahrnahm, verschwommen und in eigenartiger Harmonie zusammengehörig. In der Schule erst begannen die Probleme, indem ich die Informationen auf der Wandtafel, z.B. Vokabeln, falsch abschrieb. Erst kürzlich las ich zu meiner Beruhigung in einem Buch, "Die Geschichte der Unschärfe" von Wolfgang Ullrich, dass diese Myopie, die Kurzsichtigkeit, eine Anregung zur Malerei und zur Kunst überhaupt bedeuten kann. Unter Malern sollen sich überdurchschnittlich viele Myopen befinden. Bekannte Künstler wie Monet oder Cézanne hätten sich ablehnend gegenüber Brillen geäußert, welche den Zusammenhang der Dinge und Räume durch trennende Schärfe zerstören würden. Auch von Goethe ist eine Abwehr der Brille überliefert, wohl nicht aus Liebe zum eigenen Gesicht, mehr aus Neigung zum träumerischen Blick in die Welt, welcher den Gedanken und Fantasien mehr Spielraume lässt. Wie sich die Malerei des Impressionismus der Unschärfe als Methode bediente, die Sicht in eine Welt verschwimmender Farben aufzulösen, ging auch die Fotografie schon früh diesen Weg, die Dinge, Räume und Figuren durch Unschärfe der Einstellung miteinander und mit dem Licht enger zu verbinden. Sie schuf sich damit zugleich eine Annäherung an die Malerei, welche ihr den immer wieder bestrittenen Status als Kunstwerk ein wenig näher brachte. Zugleich gibt die Unschärfe dem Fotografen die Möglichkeit, den durch sonst kurze Belichtungszeiten eingefrorenen Blick auf die Welt wiederum in Bewegung zu setzen, das Vorüberhuschende des Augenblicks selbst zum Thema zu machen, durch die Bewegungsunschärfe. Eine weitere Ausdrucksmöglichkeit kommt noch hinzu.

Die zitternde Kamera, welche im unscharfen Bild bei seitlichen und zeitlichen Verrissen immer wieder spürbar ist, verleit manchen Ereignissen und Bildern eine Anmutung des Erschreckens, in anderen Fällen gibt sie eine Suggestion des Authentischen, die Bildern anhaftet, welche trotz der Unschärfe, also trotz des an sich doch technischen Fehlers, vergrößert und gezeigt werden als Dokumente eines Vorgangs, der unbedingt festgehalten werden musste. Dazu gehören Kriegs-. Mord- und Täterszenen, die auf Beweiskraft der Fotografie setzen bis hin zu immer wieder unscharfen Bildern von Ufos, den unidentified flying objects der Geisterfahrer aus dem All oder den verschwommenen schottischen Seenlandschaften mit dem verwackelten Ungeheuer von Loch Ness. So bleibt dieses Prinzip der Unschärfe immer auch eine Gegenbewegung in der Kunst der Fotografie bis heute etwa zu der bis in die Poren exakten Schärfe einer Fotografie der neuen Düsseldorfer Schule.

Veit Mette verwendet dieses Stilmittel, das wie jedes in der Fotografie zugleich eine Technik ist, in verschiedenen Ausdrucksformen.

Ground Zero etwa ist eine Arbeit, die vor zwei Jahren, zwei Monate nach dem 11.9.2001 in New York entstanden ist (www.fotobuero.de). Die Arbeiten sind mit einer Mamiya Universal mit einem Polaroid Rückteil aus der Hand fotografiert. Das niedrigempfindliche Polaroidmaterial wurde mit langen Verschlusszeiten belichtet, welche bereits den Eindruck einer erschrockenen, bebenden Unschärfe hervorrufen. Die so entstandenen Polaroidnegative hat der Fotograf in einem Weckglas aufbewahrt und abends bei seinem Bruder Til Mette in Montclair(New Jersey) gewässert und getrocknet. So entstanden Bilder aus der seit dem Anschlag auch von Schrecken geprägten Weltstadt, welche mit dem Ausschnitt zugleich Gefühle vermitteln. Wenn mir die Assoziation erlaubt ist, so ist dies eine Form des Fotoexpressionismus, welche wie die Malerei der Berliner Städtebilder etwa von Ludwig Kirchner zugleich die Beklemmung einer Sicht, einer existentiellen Angst vermitteln.

Eine andere Serie ist in diesem Jahr 2003 entstanden. Sie zeigt wie alle Bilder dieser Ausstellung in der Polaroid-Technik Porträts von Jugendlichen die gegen den Irak-Krieg demonstrierten. Die Bilder sind mit einer Nahlinse fotografiert, die Entfernung war so nur zu schätzen. Die so entstandene Unschärfe wird zum Stilelement, das sich wie gesagt nicht nur in der aktuellen Fotokunstszene immer wieder findet.

Die Fotos wurden nun nicht ganz aus entwickelt, so dass bei einigen der 8 Bilder Solarisationen entstanden, also eine Umkehr der Hell Dunkel Werte, die zu einer symbolisch überhöht wirkenden Verbindung von Positiv und Negativ im gleichen Bild führt. Mette verwendet in seiner Erläuterung dazu sicher bewusst den Begriff symbolisch. Er verleit damit den Porträts der protestierenden Jugendlichen eine über das individuelle hinausgehende, allgemein auch politisch zu begreifende Sicht. Damit wird seine Fotografie selbst nicht nur zum Bericht über den Protest, sondern auch zum Widerspruch selbst in diesen Bildern gegen Krieg.

Hauptsächlich sind hier Arbeiten zum Thema Körper zu sehen. Ein Teil der Bilder zeigt Menschen in einem FKK Verein in Bielefeld. Auch dies kann man betrachten im gesellschaftlichen Kontext. Es war ein um die Jahrhundertwende entstandenes neues Körpergefühl, das als Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen, engen Westen und Korsetts in Vereinen der Freikörperkultur sich organisierte und das zum Beispiel auch in den neuen Bundesländern einen starken Rückhalt bis heute hat, wie man etwa als Strandbesucher der Ostsee in vielen FKK Zugängen beobachten kann. Wieder ist es die Technik des Polaroid in Verbindung mit kalkulierter Unschärfe, welche auch den für die Kunst der Fotografie wichtigen Zufall mit einsetzt. Hier entsteht durch die Unschärfe eine für Aktdarstellungen oft auch aus rechtlichen Gründen und denen der Diskretion eine Ebene der Verallgemeinerung, welche den Betrachter als körperliches Wesen, beim Tanz, beim Bad und beim Bocciaspielen mit einbezieht.

Auch hier wird die fototypische Methode der Kunst, die auf die Haut geht, porentief auch in der neuen, pixelreichen Digitaltechnik, wie durch einen darüber bewegten Schleier aufgelöst. Aus den festen Körpern werden schimmernde Wolkenformen, aus dem entkleideten Akt wird zugleich ein Schleiertanz. In formaler Sicht bewirkt die Methode der kalkulierten Unschärfe eine ihr eigene bildnerische Qualität. Die Scharfzeichnung des normalen Kamerabildes setzt, wie der Name schon zeigt, eine scharfe Trennung von Objekt, von Figur und Grund, von Vorder- und Hintergrund und von den jeweiligen Materialien, Objekten und Figuren. Diese Bildelemente erscheinen im scharfen Bild vereinzelt, voneinander abgegrenzt, in Bildraum und Fläche deutlich neben- und hintereinander gestellt, perspektivisch in geometrischer Raumerfassung festgekeilt. Die Verwischungen der Unschärfe heben diese Trennungen auf und verbinden die Gegenstände mit dem Raum zu einer alles überlagernden grafischen Struktur, vergleichbar etwa in der Malerei mit dem die Bildfläche überziehenden Pinselduktus eines Impressionisten. Zum Thema der Nacktheit, wie sie der Lehre der Freikörperkultur entspricht, ist eine solche Verschmelzung von Körper und Natur zugleich eine fotografische Deutung.

Hinzu kommt, dass diese Verwischungen die persönlichen, privaten Signale von Mimik und Körperbau, von identifizierbarer Porträthaftigkeit aufheben, eine Gestaltung, welche die Personen in eine dezente Anonymität rückt und dabei zugleich ihre Privatsphäre respektiert. Sie geht eben gerade nicht auf die Haut, wie es der klassischen Fotografie entspricht. Diese verwischende Form der fotografischen Gestaltung löst die Grenze zwischen dem Individuellen und dem Allgemeinen auf und verwandelt die reale Szene der agierenden nackten Menschen in eine Folge von grafischen Erscheinungen.

Dass Veit Mette immer wieder Stellung bezieht, auch wenn er es vielleicht nicht immer möchte, zeigt auch seine Arbeit über die Sexmesse Venus 2002 in Berlin.

Hier verwendet er die Technik der Bewegungsunschärfe, um erotische Puppen ins Leben zu rufen, zu verwandeln in monströse Angebote des sexuellen Notdienstes. Aus einer an sich doch zarten, wenn auch anspruchsvollen Liebesgöttin, wird auf seinem Bild ein fratzenhaftes, gefräßiges Ungetüm.

Eine weitere Serie in der Technik der verwischten Polaroidfotografie zeigt dagegen ruhig gestellte Körper. Sie nennt der Künstler "Hälfte des Lebens", im Gedanken an ein Gedicht von Friedrich Hölderlin. Es sind Aktfotografien von Menschen in ihrer Lebensmitte, noch vital und doch den Beginn des fortschreitenden Verfalls ahnend. Die Modelle waren Menschen zwischen Reife und Alter, 30 bis 50 Jährige, zugleich noch im Aufbau ihres Lebens begriffen und zugleich schon dem Verfall zu gleitend.

HÄLFTE DES LEBENS, was sagt Hölderlin dazu? Sein Gedicht ist zugleich eine Herbstempfindung, wie sie der gegenwärtigen Zeit der Ausstellung entspricht.

 

Mit gelben Birnen hänget

Und voll mit wilden Rosen

Das Land in den See,

Ihr holden Schwäne,

Und trunken von Küssen

Tunkt ihr das Haupt

Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn

Es Winter ist, die Blumen, und wo

Den Sonnenschein,

Und Schatten der Erde?

Die Mauern stehn

Sprachlos und kalt, im Winde

Klirren die Fahnen.

Hier ist Veit Mette sicher auch bei sich selbst angekommen. In der Mitte seines Lebens. Weh dir? Weh mir? Weh uns?

 

Lansen 18.10.03

Jörg Boström