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Jürgen Meier

 

Kunst ist parteilich- Parteiprogramme zur Kunst .

Fortschritt! Ein großer Begriff in der Geschichte der Menschheit. Wenn er heute von Parteien gebraucht wird, dann verbindet er sich immer mit Wissenschaft und Technik, nicht aber mit Kunst. "Wissenschaftlich-technischer Fortschritt erlaubt uns einen wirtschaftlichen und sozialen Lebensstandard wie keiner Generation vor uns auch nur annähernd," so die CSU in ihrem Programm. Während einige Parteien an der unmittelbaren Identität von technischem Fortschritt und sozialem Lebensstandard zu zweifeln wagen, behauptet die FDP: "Fortschritt ist Freiheit." Skeptischer zeigt sich die SPD: "Nicht jedes Wachstum ist Fortschritt." Und die PDS definiert Fortschritt erst dann als solchen, wenn er "zu sozialem Fortschritt" führt. Die DKP behauptet, dass jeder "wissenschaftlich-technische Fortschritt unter kapitalistischen Bedingungen von Entartung und Zerstörung begleitet" sei. Doch selbst in dieser Negation bleibt unbestritten, dass es einen "wissenschaftlichen-technischen Fortschritt" gibt. Die Definition von Wissenschaft und deren Fortschritt scheint allen Parteien mühelos zu gelingen. Anders ist es bei der Definition von Kunst. Dieser Begriff taucht in vielen Parteiprogrammen nicht einmal auf. Einfach macht es sich die "Party-Partei", sie schreibt: "Alles was als solche bezeichnet wird ist Kunst". Mit Fortschritt bringt jedoch keines der Parteiprogramme Kunst in Verbindung.

 

 

Wissenschaft und Kunst.

Darf man diese Begriffe überhaupt in einem Atemzug nennen, sie gar gleichwertig neben einander stellen? Kann es denn überhaupt einen Fortschritt in der Kunst geben ?

Wer die Programme der deutschen Parteien durchforstet, wird feststellen, dass beide Begriffe gemeinsam nur dann auftauchen, wenn es um deren jeweilige "Autonomie" gegenüber staatlichen Eingriffen geht. Ansonsten scheinen beide Begriffe für die Parteien nicht viel mit einander zu tun zu haben.

Während "Wissenschaft, Forschung und Technik" als tragende Säulen der "Wettbewerbsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandortes" (CDU) beschrieben werden, auf deren stabile Funktion "der Staat die rechtlichen Normen und Rahmenbedingungen" (Grüne) zur Anwendung bringen müsse, steht die Freiheit der Kunst für Freiheit und Unabhängigkeit des Einzelnen, der Kunst wird allerdings wenig allgemein gesellschaftliche Bedeutung beigemessen. Die Wissenschaft steht dagegen für "geistiges Kapital", "wirtschaftliche Innovation". Die Wissenschaft scheint alles, die Kunst nichts gesellschaftlich wirkungsvolles in Bewegung setzen zu können.

Während Hegel und Schiller die Kunst die erste Lehrerin der Menschheit nannten, zeigt der schnelle Blick auf irgendeinen beliebigen Stundenplan an irgendeiner beliebigen Schule, wie schwer es diese Lehrerin Kunst heute hat, um gegen die Wissenschaften zu bestehen. Wissenschaftliche Gesetze zu verstehen und anzuwenden scheint etwas nützliches zu bewirken, während Kunst immer deutlicher in die Privatsphäre geschoben wird. Einer Studie des "Deutschen Bankenverbandes" zu folge, fordern 77 Prozent der Erwachsenen und Jugendlichen die Einführung eines eigenen Faches Wirtschaft in der Schule und wünschten sich dort mehr berufsorientierte Inhalte. Das sich diese gesellschaftliche Entwicklung auch in den Parteiprogrammen zeigt, ist verständlich. Es scheint doch jedem sofort einzuleuchten, dass es nützlicher ist physikalische, mathematische, ökonomische oder fremdsprachliche Erkenntnisse zu erlangen, als in den Werken Thomas Manns, Goyas oder Beethovens die menschliche Botschaft vergangener Jahrhunderte zu bewundern. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind anwendbar. Sie sind nützlich, um moderne Technik zur Entfaltung zu bringen. Sie sind, was man von der Kunst nicht behaupten kann, eindeutig und unmittelbar in ihrer Wirkung. Denn auf dem eigenen Gebiet der Technik, der Produktion, besteht das Wesen der Technik in der Rationalisierung notwendiger Arbeitsschritte, deren Ergebnis die Reduzierung der notwendigen Arbeitszeit ist, um ein Produkt herzustellen. Die Zeit ist somit der objektive Gradmesser für den technischen Fortschritt, was die Wissenschaft der Volks-, Betriebswirtschaft nicht nur freudig festzustellen vermag, sondern was sie in Team- und Projektarbeit immer besser zu unterstützen weiß. Während sich also die Wissenschaft reibungslos und hochgeschätzt in die immer dominierendere Gesellschaftswissenschaft der Ökonomie einzureihen weiß, bildet die Kunst für diese Wissenschaft eher einen "weichen" Hintergrund, um möglichst optimal den "subjektiven Faktor", das "geistige Kapital", ausschöpfen zu können. Der Schraubengroßhändler Reinhold Würth, der mittlerweile zu Deutschlands Reichsten zählt, weiß, wie dieser "weiche" Hintergrund, auf die "harten" Fakten der ökonomischen Wissenschaften zu wirken versteht. Würth ist Kunstsponsor. Er weiß warum: "Für unsere Mitarbeiter," so Würth, "entsteht so ein hohes Sozialprestige, der esprit de corps, das Wir-Gefühl, wird gestärkt, und Motivation und Leistungsbereitschaft sind die automatische Folge." Na also, es gibt sie doch, die Verbindung von Wissenschaft und Kunst. Sie schleicht sich auf diesem Sponsoringweg zwar sehr abwegig ins gesellschaftliche Bewusstsein, aber sie zeigt sich deutlich im gesellschaftlichen Sein. Das hat einen ganz simplen Grund. Sowohl Wissenschaft als auch Kunst sind homogene Medien menschlicher Erkenntnis des gesellschaftlichen Seins und der Natur. Homogenes Medium bedeutet soviel wie, die wissenschaftlichen und künstlerischen Ergebnisse sind beide bestrebt die Wirklichkeit in ihrer Objektivität besser begreifen zu können. Wissenschaft, Kunst und Philosophie sind "gattungsmäßige Objektivationen der menschlichen Erkenntnis bzw. Selbsterkenntnis" (Lukács). Sie sind in ihrer Bedeutung dabei für alle Menschen gleich, unabhängig davon, ob sie sie verstehen oder von ihrer Anwendung nutzen ziehen können. Sie betreffen den Einzelnen, indem sie dem allgemein Menschlichem oder Natürlichem auf die Spur zu kommen versuchen. Nun gibt es zwischen den beiden homogenen Medien Wissenschaft und Kunst natürlich Unterschiede. Diese nutzen Unternehmer wie Würth, um ihr Betriebsergebnis zu verbessern. Während die Wissenschaft eindeutig ihren Fortschritt in der Produktion durch Zeitersparnis dokumentiert, wodurch menschliche Arbeitskräfte reduziert werden können, kann sie nicht das leisten, wozu die Kunst in der Lage ist. Die schnellere Produktionstechnik, ermöglicht durch Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse, kann in den abstrakten Arbeitsprozess, - an dem die Mitarbeiter nur insofern interessiert sind, als sie durch ihre tägliche Arbeitsleistung ihr regelmäßiges Gehalt beziehen -, keine Sinnhaftigkeit tragen, dies kann aber die Kunst. Als "weicher" Hintergrund, vermag sie den Mitarbeitern Sinnhaftigkeit in die eigene tägliche Arbeitsleistung zu vermitteln, die durch computergesteuerte Schraubenverpackung, verkauf und -versand wohl nicht leicht herzustellen ist. Plötzlich bekommt die tägliche Anstrengung einen Sinn. "Wir sponsern Kunst!" "Unsere tägliche Arbeitsleistung hat einen Zweck, der mehr ist als Umsatzsteigerung!" Das nennt sich dann "Wir-Gefühl. Der Einzelne erfreut sich der Anerkennung anderer Menschen in seinem Privatkreis, die nicht zu dieser Firma gehören.

Bevor wir gründlicher untersuchen, wie dieses Gefühl entstehen kann, das in dem geschilderten Zusammenhang sicher ein manipuliertes ist, denn es dient sozusagen als Pflaster auf einem entfremdeten Arbeitstag, werfen wir einen Blick in die Parteiprogramme, um zu sehen, wie diese Kunst definieren.

 

Definition Kunst

Für die Grünen ist "der Kunstbegriff offen" und muss "vor staatlichen Zugriffen und Vereinnahmungen geschützt werden." Die Kunst habe "Bedeutung für die Entfaltung der schöpferischen Kräfte des Menschen und damit für die Kreativität unserer ganzen Gesellschaft; in der Begegnung mit ihr gewinnt der Mensch ein vertieftes Verständnis vom Leben....In vielfältigen Ausdrucksformen reflektiert die Kunst Erfahrungen, die Menschen mit sich selbst, mit der Natur und der Gesellschaft machen. Sie bietet normative und ästhetische Orientierungen für das Leben der Einzelnen und der Gesellschaft."

Tatsächlich sind die Grünen die einzige Partei, die sich relativ ausführlich darüber auslassen, was Kunst sein könnte, ohne sich allerdings definitiv festlegen zu wollen. Damit entspricht sie ganz den Vorstellungen vieler ihrer intellektuellen Wähler, die sich nicht gerne festlegen möchten, sondern sich gerne subjektiv als Rebellen und Antiphilister darstellen, doch objektiv bei der Verteidigung eines Kunstbegriffes ankommen, der die Partikularität, also den einzelnen Menschen in seiner Einzelheit, verteidigt. Die Kunst wird in dieser Reduzierung nicht als homogenes Medium der Menschheit, sondern als Alltagsfreude für den Einzelnen definiert. Der Alltag ist heterogenen Tendenzen unterworfen. Er ist für jeden einzelnen Menschen unterschiedlich. Jeder fällt hier für sich ganz eigene Entscheidungen, und muss sie fällen, um leben zu können. Sicher macht es Freude, neben der entfremdeten Arbeit in der Firma, sich Daheim als Hobbymaler oder ­filmer zu versuchen, um Geschmack und manuelle Fähigkeiten zu erkunden. Doch eingebunden in die Unmittelbarkeit des Alltags bleibt das Malen oder Filmen dem Geschmack unterworfen, der eine rein subjektive, emotionale Kategorie ist. Kunst ist nicht nur Geschmack, auch nicht nur Wissen, wie der Pinsel oder die Kamera geführt werden müssen. Kunst ist eben ein homogenes Medium. Der Alltag ist bei Reinhold Wörth ein anderer, als bei seinen Lagerarbeitern. Während der eine seinen Park und Haushalt von "Dienstleistern" versorgen lässt, muss der andere darum zittern, seine Kreditrate für das Siedlungshaus noch in zwanzig Jahren zahlen zu können. Dennoch könnten sich beide an einem Alban Berg Konzert erfreuen. In der unterschiedlich erlebten, aber gleichermaßen entfremdeten Partikularität des Alltags, entsteht unmittelbar weder Kunst noch Wissenschaft. "Das künstlerische Subjekt an sich ist gesellschaftlich, nicht privat," schrieb Adorno . Darum kann Hegel von der Kunst sagen, dass ihre Aufgabe sei, "die tiefsten Interessen des Menschen, die umfassendsten Wahrheiten des Geistes zum Bewusstsein zu bringen und auszusprechen". Die antike Kunst war keine Dienstleistung, "Event" oder das Hobby von faulenzenden Sklavenhaltern, sondern sie war geeignet, um bestimmte Menschentypen fördernd oder hemmend zu fördern. Sie legte sich fest. Kunst war für sie homogenes Medium menschheitlichen Selbstbewusstseins. Ihr allgemeinster Inhalt war das Menschheitliche. In dieser Tradition der Griechen wähnten sich allerdings viele Politiker, - das macht die Definition von Kunst so schwierig für die heutigen Parteien-, für deren Machterhalt die Kunst "höhere Ziele" zur Gestaltung bringen sollte. Hitler, ein Bewunderer der Antike, verlangte die Hingabe des "Volksgenossen" an das, was er als gemeinsame "Sache" bezeichnete, was den Einzelnen aber tatsächlich in seiner Partikularität festhielt, statt in ihm eine Emotion zur Überwindung dieser Vereinzelung zu entfachen. Hitler manipulierte. Ebenso war Stalins Begriff vom Künstler als "Ingenieur der Seele" eine Verengung der Kunst auf den Einzelnen. Stalin verwischte die Unterschiede der homogenen Medien von Wissenschaft und Kunst. Kunst sollte wie die Wissenschaft fungieren. Sie sollte nicht die unmittelbaren Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens zum Motiv nehmen, sondern, wie die Wissenschaft, sollte sie das Wesen, das gesellschaftliche Entwicklungsgesetz, so wie es Stalins Doktrin vorgab, in den Mittelpunkt setzen. Der Künstler sollte nicht mehr über "sinnliches Wissen" und über ein Denken in Bildern verfügen, sondern er sollte für das große gesellschaftliche Entwicklungsgesetz des sozialistischen Aufbaus im Sinne Stalins, einzelne Beispiele unter den Menschen zeigen. Der Einzelne galt nur als Beispiel für das "große Ziel". Deshalb wurde auch hier die Kunst degradiert zu einem Werkzeug politischer Macht, das die Menschen aber tatsächlich in ihrer Partikularität fixierte, wodurch ein russischer Chauvinismus erst entstehen konnte. Das macht die Wirkung der meisten Bilder aus der Stalinära so leblos. Denn ein Kunstwerk artikuliert das Selbstbewusstsein der menschlichen Entwicklung, gerade deshalb, weil es nicht sein Ziel ist, sich unmittelbar ins Leben einzumischen oder zu erziehen. Kunst ist eine Objektivierung menschlichen Selbstbewusstseins. Sie geht, anders als die Wissenschaft, die ihren Ausgang im Arbeitsprozess nimmt, - also in jenem Alltagsbereich der Menschen durch den Kultur erst möglich wurde -, vom Alltag der einzelnen Menschen aus, und hebt die Fragen dieses Alltags auf eine allgemeine gesellschaftliche Ebene, in dem sie das Besondere der menschlich konkreten Beziehung herausstellt. Wissenschaft und Kunst haben beide ihre Wurzeln im Alltagsleben, aus denen sie hervorgehen und in die sie zurückkehren. Wird diese Verbindung zum Alltagsleben abgeschnitten, verlieren Wissenschaft und Kunst ihre Berechtigung als selbständige Lebenssphären menschlicher Reflexion, die über den Alltag hinaus steigen.

 

Romeo liebt Julia.

Das ist zunächst eine ganz alltägliche Beziehung zwischen zwei sich liebenden Menschen. Im Drama erhebt sich diese Beziehung zu einer gesellschaftlichen Darstellung der individuellen Liebe, die im Zuschauer Zorn darüber entstehen lässt, dass Klassenschranken der Gesellschaft diese individuelle Liebe verhindern wollen. In diesem Drama macht sich der Mensch auf einer konkreten gesellschaftlichen Entwicklungsstufe die Schranken seiner gesellschaftlichen Beziehungen bewusst. Dieses Drama, wie alle Kunst, ist in diesem Sinne parteilich. Es werden die Hindernisse gezeigt, die den einzelnen Menschen auf dem Weg zur bewussten Persönlichkeit im Wege stehen. Es werden die Möglichkeiten gezeigt, die ihm andererseits zur Verfügung stehen, um diesem Ziel näher zu kommen. Die Liebe und die Vernunft sind nicht von ungefähr ständiges Motiv großer Kunstwerke, die stets Fesseln zum Motiv wählen, die der Liebe und Vernunft gesellschaftlich und im partikularen Alltagsleben den Weg behindern. Bei der Definition von Kunst kann es also nicht darum gehen, deren staatliche Autonomie zu betonen, sondern gilt es, deren Möglichkeiten zu nennen, über die sie verfügt, um den Menschen zum bewussten Subjekt seiner Geschichte zu machen. Ähnlich wie bei den Grünen heißt es bei der CDU: "Kunst ist eine eigene Weise der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Sie hat Bedeutung für die Entfaltung der schöpferischen Kräfte des Menschen und damit für die Kreativität unserer ganzen Gesellschaft; in der Begegnung mit ihr gewinnt der Mensch ein vertieftes Verständnis vom Leben." Die Kunst setzt sich nicht nur "auseinander" mit der Wirklichkeit, sondern sie lässt eine eigene Welt entstehen, die Welt der Kunst. Sie ist die Welt des Menschen. In dieser Welt ist die Partikularität des Alltagsmenschen aufgehoben. Sie springt vom einzelnen Menschen zur Menschheit und entlarvt im Hier und Jetzt, ohne transzendent zu werden, was den Menschen in seiner Entwicklung zum ganzen und sinnlichen Menschen behindert. Darin besteht sozusagen der soziale Auftrag der Kunst. Während in der Wirklichkeit das Wohin? Aus dem Woher? entspringt, bestimmt in der künstlerischen Gestaltung das Wohin? Inhalt, Art, Auswahl und Proportion dessen, was aus dem Woher? im Kunstwerk zur Geltung kommen soll. Kunst ist daher mehr als ein kritischer Begleiter, der von außen auf die menschliche Wirklichkeit peilt. "Die Bildung der Kunstsinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte." (Marx) Wenn die Parteien Kunst in den Bereich der "kreativen" Freizeitbeschäftigung drängen wollen, ohne sich dessen unbedingt bewusst zu sein, dann bedeutet dies, dass die Kultivierung aller Sinne, sowie die Kräftigung der Fähigkeit zu Liebe und Vernunft, für die Gestaltung der Wirklichkeit, als gering geschätzt wird. Die junge Bourgeoisie drängte noch in der französischen Revolution auf Schaffung einer eigenen Welt der Kunst. Hölderlin, Heine, Lessing, Goethe, Schiller, Delacroix etc. stehen als Persönlichkeiten für diese eigene Welt der Kunst, die ein "Reich der Vernunft" gestaltete, um an diesem die Wirklichkeit der bürgerlichen Produktionsverhältnisse auszurichten . Was misslang und viele der Protagonisten dieser Absicht (Hölderlin) in den Wahnsinn trieb. Dennoch entstanden in dieser Zeit die meisten europäischen Theater, von deren Bühnen evokative Wirkung erzielt werden sollte, um die Bourgeoisie als fortschrittliche Klasse zu verbinden und zu vereinheitlichen. Heute ist die bürgerliche Produktionsweise mit ihren negativen Auswirkungen auf den Alltag der einzelnen Menschen (Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes, Konkurrenz, Depression, Einsamkeit etc.), sowie auf die Natur (ökologisches Ungleichgewicht) ohne jeglichen Pathos. An die Stelle von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" ist der banale "Global-Player" getreten, den Habsucht, aber nicht die Lust an Sinnlichkeit, Liebe und Vernunft in den Reihen der einen Menschheit treibt. Die Bourgeoisie ist nicht mehr in der Lage eine eigene Welt der Kunst zu schaffen, denn dazu nötig ist eine Perspektive die das partikulare übersteigt und sich dem gattungsmäßigen, also der Menschheit, zu wendet. Partikularer werden dementsprechend auch die Kunstwerke der zeitgenössischen Gestalter, die sich damit brüsten alles aus dem "Innern", der "Intuition", dem "reinen Gefühl" zu schöpfen. Dies geht soweit, dass selbst zwischen der Werbung und der künstlerischen Produktion kein Trennungsstrich mehr klar gezogen werden kann. Die Werbung ist ein Produkt der Volks- und Betriebswirtschaft, deren Aufgabe es ist, die stets wachsende Zahl an Produkten, entstanden in gigantischer Massenproduktion, die nur durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt möglich wurde, an vereinzelte und einzelne Konsumenten auf der ganzen Welt zu verkaufen. Die Werbung ist kein homogenes Medium, wie die Kunst und Wissenschaft, sie verfolgt lediglich die Beeinflussung des einzelnen Menschen in dessen heterogenen Alltagsentscheidungen, bei denen der Einzelne das Haben will, was ihm angepriesen wird, wodurch Habsucht gedeiht und die Fähigkeit zum Kunstgenuss stets weiter reduziert wird. Der Verkäufer der Massenware sucht mit der Werbung (Print, Film, Internet etc.) als Vermittler, seinen Käufer, den vereinzelten Menschen, dem Glück, Freiheit, Erfüllung, Liebe versprochen wird, also alles das, was die Kunst als homogenes Medium in ihrer Welt evokativ für den Rezipienten entstehen lässt, um ihn zu selbstbewusstem Handeln ermuntern zu können. Die Werbung, die als heterogenes Medium unmittelbar im Alltag, also in der Partikularität verhaftet bleibt, kann keine eigene Welt schaffen, sondern bleibt nur Dienerin der Vertriebschefs. Sie wirkt manipulierend auf das partikulare Subjekt ein, dessen Sehnsucht scheint verdinglicht leichter und schneller zur Verwirklichung gelangen zu können, als über den mühsamen Weg der Kunst, der eigenen Kunstsinn und Lebenswillen fordert. In Literatur einzutauchen gelingt immer weniger Männern, sie bevorzugen als Lektüre Fachzeitschriften. Literatur verstehen sie oft nicht mehr, weil sie zu sehr die Sinnlichkeiten ihres eigenen Lebens vor den Statistiken, Börsenkursen und Formeln vergaßen. Eine menschliche Tragik, die sich auch in den Scheidungsstatistiken zeigt. Denn welche Frau, die nachweislich diejenigen sind, die noch Literatur lesen, will mit so einem verdinglichten Objekt das Bett teilen? Der Einzelne, sofern er seine Sinnlichkeiten noch spüren kann, wünscht sich aus der Welt der Entfremdung, der Konkurrenz, der Angst, des Krieges, des täglichen Einerleis fort, und glaubt zu leicht an die Versprechungen der Werbung, die mit wissenschaftlichen Methoden im einzelnen Menschen nicht das menschliche Subjekt, sondern das handelsfähige Objekt erspäht. Während die Wissenschaft (Gentechnologie etc.) immer prächtigere Blüten treibt, um die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Herstellung der Waren stets weiter senken zu können, was zu einem Erfolg in der Schlacht gegen die Konkurrenten beitragen soll, - manche glauben gar, dadurch würden neue Arbeitsplätze geschaffen-, werden Stadttheater, Musikschulen, Opernhäuser, Filmfördermaßnahmen geschlossen oder deren Budgets drastisch gekürzt. Doch wo Kunst stirbt, verschwindet auch eine Lebenssphäre, die eine menschliche Fähigkeit oder Signalsystem objektiviert, das über den unmittelbaren Reiz und die Sprache hinausgeht, zu dem z.B. das gehört, was wir die Menschenkenntnis nennen. Die Wissenschaft steht ganz im Banne mit den Gesetzmäßigkeiten, die sich hinter den Erscheinungen und unabhängig vom Menschen als tätigem Subjekt verbergen. Die Kunst bleibt dagegen bei diesen Erscheinungen, wie einem lachenden oder weinenden Gesicht und vermittelt das, was wir im Alltagsleben immer mehr brauchen, je mehr uns die grinsenden Gesichter der Werbung, im Büro, auf der Party, im Rathaus oder der Parteiversammlung, auf vereinsamte Pfade jagen wollen. Nur ein Beispiel sei genannt. "Ich muss mir's niederschreiben," sagt Hamlet, als er den Schurken entlarvt, "Dass einer lächeln kann, und immer lächeln, Und doch ein Schurke sein." Hamlet erkennt die Entfremdung jenes menschlichen Signals, das Nähe und Freundschaft vermitteln soll, das Lächeln. Kunstwerke richten sich permanent gegen die verschiedensten Formen der menschlichen Entfremdung. Das ist ihre soziale Aufgabe.

Genau diese wichtige Bedeutung für die Menschheit wollen einige Parteien verhindern. Die Deutsche Partei (DP) fordert, dass der Kunst "ein Ethik-Gebot zur Seite" gestellt werden müsse. Ethik und Ästhetik seien "die klassischen Merkmale des abendländisch-christlichen Kulturverständnisses in Europa. Die Zersetzung tragender bürgerlicher Kulturfundamente und der Verfall kultureller Identität der Deutschen in Sprache, Geschichte, Religion und Kunst müssen überwunden werden." Die "Christliche Mitte" fordert für "Film und Theater", dass "Gotteslästerungen" verboten werden müssen und die "Deutsche Soziale Union" schreibt, "Es ist Pflicht der Künstler, die Menschenwürde zu achten."

Als die Maler der italienischen Renaissance die Nacktheit als Befreiungsakt aus dem feudalistischen Asketismus zeichneten entsprachen sie nicht der herrschenden Moral, aber sie machten auf ein wichtiges Hindernis, den Asketismus aufmerksam, der die menschheitliche Entwicklung zu stoppen drohte. Die Ethik, auf die stets dann verwiesen wird, wenn Kunst die bewusste Selbstschöpfung der Menschen mit all ihren Sinnlichkeiten in ihrer eigenen Welt evozierend zeigt, ist unmittelbarer Bestandteil der Wirklichkeit, während die Ästhetik stets die Widerspieglung dieser Wirklichkeit ist. Wodurch sie überhaupt zu einer eigen Lebenssphäre der Menschen wird. Ethisch die Kunst kontrollieren zu wollen ist daher ein fauler Trick. Denn natürlich ist die Kunst ethisch, wenn sie in ihrer eigenen Welt, in der Mensch stets vermittelnd mit seiner Gattungsmäßigkeit als gesellschaftliches Wesen, Entfremdungen positiv überschreitet. So war die Befreiung der Kunst aus dem Banne der Religion ein langer Weg, der letztlich erfolgreich sein konnte, weil in der Gesellschaft, durch den Fortschritt der Wissenschaft bewirkt, längst klar wurde, dass der Mensch selbst Schöpfer seiner eigenen Geschichte ist. Die er allerdings immer unbewusster in Angriff zu nehmen scheint, denn sonst würde die Kunst in ihrer Lebenssphäre gestärkt und nicht misshandelt. Die Kunst brachte den Selbstschöpfungsakt des menschlichen Subjektes ins Selbstbewusstsein. Sie prägte so einzelne Menschen und wirkte im eigentlichen Sinne ethisch. ("Zauberflöte", "Der Stellvertreter", das Bild "Die Steineklopfer" von Courbet etc. etc.)

Nun sind wir wieder bei unserer Ausgangsfrage angelangt. Kann von einem Fortschritt der Kunst gesprochen werden? Auf die gesamte Geschichte der Menschen betrachtet, kann man dies sicherlich bejahen. Die Kunst ermöglichte durch ihre evozierende Darstellung, die wir als breite Wirkung heute durchaus noch im Film beobachten können, ein Selbstbewusstsein, dass dem Einzelnen hilft sich aus seiner Partikularität zu befreien, um Individuum zu werden, was ja soviel bedeutet wie, Teil des Ganzen zu werden, also Gattungswesen, Persönlichkeit, die über den Tellerrand des eigenen Alltags schaut, den sie in Beziehung zu den Gattungsfragen setzt, um letztlich den eigenen Alltag zu verändern. Denn das ist immer die Absicht wirklicher Kunst, die Entfremdungen in unserem Alltagsleben unmittelbar bewusst zu machen, um sie bewusst beseitigen zu können. Da dies ein permanenter Prozess menschlichen Fortschritts ist, wird er, mit ihr die Kunst, niemals an ein Endziel gelangen.