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Jörg Boström

 

Zurück ins Schwarze Viertel - Sondershausen 1945 und 1990

 

Das Gürteltier flog hundert Meter weit. Am nächsten Morgen lag es am Abhang vor dem Zoogeschäft. Die Bombe hatte unser Haus aufgeschlitzt. Mit dem Einschlag war der Keller schwarz. Erst beim Biss in den Staub auf meinem Blutwurstbrot begann ich zu schreien wie später nie wieder. Als wir unter nassen Wolldecken durch den brennenden Hof rannten, sah ich kurz zurück.

Der Sessel von Tante Clara klammerte sich an die Wand. Sie gab es danach nicht mehr. Als wir am nächsten Tag auf dem Schuttberg nach ihr suchten, betete ich, dass wir nichts von ihr finden mögen und so blieb sie versteckt.

Mein Bruder mit zehn Jahren passte noch durchs Kellerfenster, wenn man nachschob. Alles kaputt, neuer Brandbombenangriff, piepste er. Wir kletterten über Trümmerberge. Unsere Spielwelt brannte, die der Großen ging in Stücke.

 

Wir hatten ein Haus am "Sternplatz" bezogen, heute benannt nach Karl Marx. Es gehörte einer alten Dame, die beim gleichen Angriff getötet wurde. Ich stellte mir vor, wie sie da liegt, auf der Frankenbergstraße. Hier gibt es noch ein wichtiges Kellerloch. Ich starre hinaus. Es ist wie im Kriegsbilderbuch. Soldaten kriechen über die Wiese, Amerikaner. Einer läuft vor auf die Mitte des Platzes und schießt in die Fenster. Kein Gegenschuss, der Trupp stürmt weiter. Sie haben keine Schweinsgesichter, wie ich erwarte vom "Feind", sie sehen normal aus. Kinder lernen schnell. Später bestaune ich ihre fetten Ärsche. Wir sind scharf auf ihre Kaugummis." Man nimmt doch nichts vom Feind!" Die Großen wissen nicht immer, was gut schmeckt. Später kaufen wir andere Gummis, Blausiegel, blasen sie auf, halten sie vor den Hosenschlitz und lassen sie flitzen. Mädchen lassen sie uns besorgen. Wir wissen so ungefähr wofür. Die Amis haben für sie noch anderes übrig als Kaugummi und Schokolade.

Erst die Amis, dann die Russen. Lässige Schwarze am Steuer, noch nie gesehen, dann steife, unnahbare Mongolen mit echten Schlitzaugen. Ich kannte ich nur aus dem Märchenbuch. Die russischen Soldaten singen vierstimmig beim Marschieren. Singen konnten wir auch, aber nur "Deutsche Panzer im Sonnenbrand...oder "Erika..." Sie riechen auch anders. Statt Kaugummis gibt es jetzt Wurststücke, auf dem Feuer im Vorgarten gebraten. Aus einem Sowjetpanzerdeckel in meinem Kriegsbilderbuch wirft eine gelbe Hand eine Granate. Diesen Farbton seh ich jetzt wieder. Hinter diesem Gitterzaun haben sie gesessen, in ockergelben Blusen und weiten Hosen, mit rasierten Köpfen und großen Händen. Die Soldaten werden nicht als Befreier begrüßt. Kein Jubeln, kein Klatschen, keine Blumen, nur bitteres Starren vor sich hin. Aber für Kinder ist die Lage immer spannend. Oft werden wir heimlich geschubst und gekniffen, wenn wir unsere Neugier zu deutlich zeigen. Misstrauen und Angst sitzen auch im Fundament des neuen Staates. Ungeliebt, übernehmen Antifaschisten und Kommunisten im Schatten der Roten Armee die Macht, psychisch und körperlich gezeichnet von KZ und Emigration. Umerziehung und Anpassung sind jetzt verlangt. Als die führenden Altnazis und PGs in den ehemaligen Konzentrationslagern festgesetzt werden, einige nicht wieder kommen, wird auch die Angst zum Verwaltungsinstrument. Man beeilt sich, die neuen Sprüche zu lernen und Fahnen zu schwenken als Tarnung. Die DDR ist kein Kind der Liebe.

Das Schwarze Viertel ist die Altstadt von Sondershausen. Es war ideal zum Spazieren, Verstecken, Verlaufen. Heute wartet es verfallen auf den Leichenbeschauer neben renovierten Geschäftsstraßen und einem Großplatten Neubauviertel, "der Zukunft zugewandt." Die DDR liebte nicht ihre Vergangenheit und sich selbst auch nicht. Nun ist sie selbst vergangen. Der Kampf um die Verdrängung geht in die vierte Runde. Immer flattern dabei Fähnchen, "Winkelemente" auf deutsch-demokratisch-republikanisch. Und immer signalisieren sie Kapitulation.

Zurück ins Schwarze Viertel, Kinderhalluzinationen aus dem Entwicklerbad.

Auf dem Straßenpflaster sind noch die Eindrücke zu sehn vom Einschlag der Brandbomben. Ihr Stakkato ist mir im Ohr geblieben.

Als wir, meine Mutter mit drei Kindern, mit Leiterwagen und Pappkoffern im Januar 1946 Sondershausen verlassen, liegt die Majorsuniform meines Onkels unter den Kartoffeln. Ein Jahr später werde ich sie als Jägeranzug bei der Aufnahmeprüfung für die Sexta tragen. Jetzt haben wir auch deshalb Angst bei jeder Kontrolle. Als der Zug voll gestopft mit Flüchtlingen und Evakuierten den Bahnhof verlässt, eingeschlagene Fenster und geplünderte Sitze, bleibt der Leiterwagen, angebunden zwischen die Stoßstangen, damals wichtiger als heute ein Auto, immer im Auge.

 

"Es ist der Mensch, der sich erinnert - nicht das Gedächtnis", schreibt Christa Wolf in "Kindheitsmuster". Es ist auch nicht die Kamera. Ich entwickle Erinnerungsbilder. Mit dem Pinsel male ich wie ein Kind, das gern matscht, die Bruchstücke hervor. Die starren Kamerabilder verflüssigen sich, zeigen Brüche und Streifen, fetzen herum wie zerschossene Wäsche, Schlitze und Risse für Nachbelichtungen des Hirns, Halluzinogene.

 

Herford , Oktober 1990

Jörg Boström

 

s. auch: Boström, Zeitbilder Schwarz 1966 - 1999, Bielefeld 1996