Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Eckart Schönlau

 

Viele vergessene Laute kommen nie wieder zurück

 

Bielefeld. "Am liebsten schlägt sie gleichzeitig viele weiße Tasten, die nebeneinander liegen. Jeder Ton greift seinen Nachbarn an. Die Töne ätzen, stechen, brennen und erzeugen Hitze. Leda hört gerne zu, wie die Töne miteinander streiten und in der Luft explodieren. Splitter der Töne schweben noch lange im Raum, bleiben aber bis zum Schluß unhörbar für die anderen", schreibt Yoko Tawada in ihrem neuesten Prosaband "Opium für Ovid". Bei ihrem gemeinsamen Auftritt mit der Pianistin Aki Takase im Bunker Ulmenwall scheinen die Grenzen von Sprache und Musik zu verschwimmen. "Musik muss jeden Moment klar sein. So wie die Gedanken, wenn man was sagt. Das Klavier hat 88 Tasten, aber für jede Note gibt es den richtigen Moment", so die Pianistin. In ihrem Spiel vereinen sich Empfindsamkeit und Entschlossenheit. Keinerlei ekstatische Hingabe wie sie oft bei Jazzmusikern zu erleben ist. Sie lässt sich in ihren Soloauftritten nicht mitreißen vom Strom aus Ragtime und Jazz, findet ihren eigenen Weg, rudert dagegen an.
Ihre Improvisationen entstehen oft aus einfachsten Motiven heraus, die sie dann mit unbändiger Spannung und Logik weiterentwickelt. Kleine Miniaturen mit einer Fülle von Nuancen. Klavierspiel, so vollendet wie ein japanisches Haiku-Gedicht.
 

Aki Takase spielt viel vom Blatt: Vor ihr liegen Tawadas Texte. Durch Kontrast und Spannung verschafft sie den oft brüchig-spekulativen Aphorismen eine freche drängende Wirklichkeit. Text und Musik haken sich mitunter ineinander wie ein Reißverschluss. Oft gibt sie der, in schlichter untheatralischer Weise vortragenden, Dichterin mit der Hand Einsätze oder unterstreicht mit seltsam keifender Stimme einzelne Worte und Buchstaben.
Yoko Tawada malt mit Worten. Und schafft dabei trotzdem keine Abbildungen der gegenständlichen Welt. Durch Umräumung der Gegenstände aus Worten und Buchstaben erfindet sie eine neue Welt. Ihre Gedichte sind freie Balanceakte, die zu surrealistischen Phantasien einladen, zugleich aber den Brennpunkt im Auge behalten, der das Motivmaterial bündelt.
Texte, die messerscharf sezierend, assoziativ mit der deutschen Sprache umgehen, diese ad absurdum führen, zum Schmunzeln, Lachen und Nachdenken einladen. So berichtet sie von ihrer kleinen Schwester, die statt Schwiegermutter von der Schwierigmutter sprach oder statt Waschmaschine Waschine sagte. Oder lässt Zuschauer aus einer Schachtel mit Teebeuteln ihren persönlichen Teesatz ziehen; mit der Bitte, diesen "sehr weisen Satz" doch bitte sehr persönlich auf sich selbst zu beziehen.
Es sind nicht nur Texte auf Deutsch zu hören, sondern auch auf Japanisch und auch solche, in denen beide Sprachen durcheinander gehen.
"Die Neugeborenen haben weiche Lippen, geschickte Zungen und elastische Wangen. Sie können alle Laute aussprechen, die auf dieser Erde existieren. Die Muttersprache zu erlernen bedeutet: die Laute zu verdrängen, die man nicht braucht. Viele vergessene Laute kommen nie wieder zurück".
So durchleuchtet die, seit 1982 in Hamburg lebende und in Deutsch und Japanisch schreibende Autorin das sie umgebende System aus Sprache und Konvention. Allein eine Dichterin der Befremdung ist Yoko Tawada trotzdem nicht. Ihre Phantasie spinnt sich weiter in Nacht und Traum.
Selten haben so viele Menschen auf so engem Raum einer Autorin zugehört, wie an diesem unvergesslichen Abend im Bunker.