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Hartmut Barth-Engelbart
 
Eintrag in das Gästebuch im Foyer des Depots zur Aufführung des "Eisler-Materials" am 03.03.2001
An die Redaktion des FR-Kulturspiegel und an die Feuilleton-Redaktion
 
Ist Heiner Goebbels “Eislermaterial” ein versuchter posthumer Totschlag ?
 
“Ich glaube, Hanns Eisler und Heiner Goebbels haben ... gemeinsam, dass sie keine elitären Komponisten sind, sondern immer an die Leutedenken, denen sie die Musik vermitteln wollen. Material ist etwas, das allgemein zugänglich sein soll. Das hat auch einen politischen Aspekt.” (Catherine Milliken vom ensemble modern im Gespräch mit dem FR-Redakteur Hans Jürgen Linke am1.3.01.)
 
“Es kommt natürlich darauf an, aus welcher Perspektive man ihn sieht. Eisler hat vermutlich auch ganz andere Seiten, aber so, wie Heiner Goebbels ihn uns vermittelt, war er ein sehr lustbetonter Mensch und ein Philosoph. Also nicht der knarzige Agitprop-Komponist des Klischees.”(Hermann Kretschmar vom ensemble modern im gleichen Gespräch.)
 
Der FR-Redakteur macht daraus flugs die Bildunterschrift: “Eisler war kein Agitprop-Komponist des Klischees.”(FR,1.3.01 S.35)
 
Zum ersten Zitat ist anzumerken, dass der Eintrittpreis stolze DM 50,- betrug.
 
Zum zweiten: es ist erfreulich, dass die ensemble-Mitglieder doch einiges mehr über Eisler und seine politische Ästhetik , seine Musiktheorie wissen als es Heiner Goebbels durch seinen Eislerzitatsalat die ZuhörerInnen erfahren lässt.
 
Zum Dritten: mit keinem Artikel, mit keinem Wort geht der FR-Redakteur auf die von Eisler transportierten Inhalte ein.
Linke beschreibt das Konzert als Déja-vue-Revival: “Aus dem musikalisch-politischen Ansatz (des ÔSogenannten Linksradikalen Blasorchesters‘ und desGoebbels/Harth-Duos) von damals ist Musiktheater geworden ­ wahrscheinlich eine unvermeidbare Entwicklung.”(FR-Linke am 3.3.01 nach der Aufführung). Ungefähr so unvermeidlich wie die Entwicklung des “Vorläufigen Frankfurter FrontTheaters” zum “Endgültigen ... ” für Fischarpings natoolive Jungs an der Adria.
 
Der folgende Brief an Goebbels und das ensemble modern ist im Zorn geschrieben, den man lesend deutlich spüren soll.
Er wurde geschrieben als Fortsetzung eines zweiseitigen Eintrags im Gästebuch des ensembles im Frankfurt-Bockenheimer Straßenbahndepot, im TAT.Er wurde mit der Absicht geschrieben, eine öffentliche Diskussion über Eisler/Goebbels loszutreten.
 
Lieber Heiner Goebbels,
liebe Menschen vom ensemble modern,
 
die Aufführung des “Eislermaterials” Anfang März 2001, in einer Zeit, wo die Fischerchöre immer noch jubilieren: “Es grünt so grün wenn Serbiens Städte glühen...” , das ist an sich schon ein hoch politisches Unterfangen. Gerade dann, wenn bereits der nächste Evergreen intoniertwird: “ wenn bei Baku die rote Flotte im Meer versinkt... “ weil dort nicht etwa der Zugriff auf das Öl, Mangan.... um den ARAL-See (!) herum sondern die Menschenrechte in Gefahr sind, wie immer, bei jedem Bush-Krieg. We are fishing , we are sharping......
 
Und der da Somalisch nebenbei wüstengestrauchelte CDU-Kriegsdienstverweigerer zeigt dankenswerter Weise den drei amtierendenKriegsdienstverweigerern Scharping, Fischer, Schröder in einem FR-Interview wegweisend auf wo’s langgeht mit der deutschen Kontinuität inder Außenpolitik.
 
Zu dieser Zeit Eislers Hymne zu hören, “...dass ein neues Deutschland blühe...”, na , das. tröstet, macht Mut, bringt einen zum Heulen vor Trauer und Wut über die Geschichte, wie sie gelaufen ist und gemacht wurde., die jüngste!!!!, wenn man’s sich zu Herzen nimmt.
 
Nun gut, diese eindeutigen Aufforderungen Eisler/Brechts vor einem handverlesenen Publikum zu spielen, - ein Hunderter geht da locker bei drauf - , das ist so nicht sonderlich demokratisch. Gut, wer's unbedingt hören will, kann sich die Lieder, die Musik ­ so lange es das Material noch nicht auf CD gibt ­ in (nicht allen) Einzelteilen bei “2001” zusammenkaufen. Aber, hat Eisler das mit der Mechanisierung, der leichten Reproduzierbarkeit als Demokratisierung gemeint ? Das glaube ich so nicht!
 
Die Leute im Hanauer Lamboy-Viertel, im Frankfurter Kamerun-Gallus und in Greisheim, im Ben-Gurion-Ring, in der Lohwaldsiedlung in Offenbach, im Rödelheimer Zentmarkweg, in Dietzenbach-Steinberg, am Frankfurter Berg und anderen Prolo-Vierteln hätten die Eisler/Brecht-Songs sehr gut verstanden und praktisch beurteilen können . Da war Manches, Vieles, das Meiste aus dem satten Hungerleiderleben gegriffen. Das wäre ein glänzender Beitrag gegen rechte Gewalt in den tötlichen Häuserschluchten gewesen und für viele eine kleine Hilfestellung, um vom falschen Gaul zu steigen.
 
Die Leut, würden die Wiener sagen, die Leut wissen gar nicht, dass sie mit ihrer ganzen Scheißlage die Subjekte dieses hohen Kulturgutes sind, dass sie in diesen hohen Hallen besungen werden.
 
Es ist immer noch so gut wie verboten in Liedern zusammen den Kids die Realität auch nur zu beschreiben, weil das nicht in die befriedeten Schulgemeinden passt. Und statt Süverkrüpps “Baggerführer Willibald” (den ich auch nicht unbedingt für’s Gelbe vom Ei halte) darf altesdeutschtümelndes Liedgut geträllert werden: “Wer will fleißige Handwerker sehn...” ganz modern in Rock-Disco-HipHopVersion. Und es dauert nicht lange, da erscheinen die Uniformierten von dem größten deutschen Friedensdienst und trällern den Kleinen ins Ohr “Wer will unter die Soldaten, der muss haben ein Gewehr, der muss haben ein Gewehr und muss es mit Pulver laden und mit einer Kugel schwer...” aber feste, immer druff, für die Menschenrechte. Das macht der Jugendoffizier oder die Kinderbetreuungsoffizierin im Bereich friedenspolitischeFrüherziehung und Konfliktmanagement.
 
Freunde, dort, wo ihr leider nicht hinkommt, geht die Post ab. Auf deutsch gewaltig, auf türkisch gewaltig, auf kurdisch gewaltig, auf polnischgewaltig, in Romanese gewaltig, auf spanisch-marokkanisch gewaltig, auf russisch gewaltig, mit Vollkontischicht, vollem Jagoda-tuning-offroadprogramm mit Speedway zum tiefer gelegten Lohnniveau, mit Vergewaltigung innen und außen, mit Kinderprostitution, Fix-Sniff-Suff- und Kiff-Beschaffungskriminalität....
Nix Randgruppen...hier gehen ganz zentrale Schichten Faust auf Faust mit den schon unten Angekommenen vor die Hunde und es ist nicht klar ersichtlich, wohin der Zug abfährt. Hinter jeder Ecke lauern die Reps wie Aasfresser und warten darauf, was ihnen die großen Volksgemeinschaftsparteien an äußerst rechten Rändern noch übriglassen.
 
Ihr wisst zum Teil was los ist, woran's liegt, was eventuell zu tun wäre, aber ihr lasst den Eisler nicht an die Leute, ihr begrabt ihn im Depot, in Opernhäusern und sonst wo.
Man muss ihn gar nicht so viel übersetzen, wie ich es in meinem Gästebucheintrag vorgeschlagen habe.
Er und Brecht haben ziemlich klar gesprochen und verständlich. Auch für Zugereiste, Eingeschleuste, des Hochdeutschen nicht - und auchanderweitig ohnmächtige egal welcher Muttersprache.
Es sind nicht nur die 50 Mark. die Euch mit eurem Eislermaterial von denen trennen, für die er seine Sachen geschrieben hat.
 
Treppenwitz der Geschichte: ohne den Sponsor “Deutsche Bank”, ohne “Siemens” (die Nazifinaziers und Zwangsarbeitsvernutzer, die Kriegsgewinnler trotz verlorenem Krieg) ohne sie könnte Eisler heute nicht aufgeführt werden? Der Mann würde sich im Grab rumdrehen (oder auch nicht).
 
Wie lange lässt die Deutsche Bank Kunst zu, die ihr potentiell eventuell an das Image, ja noch nicht mal an den weißen Kragen will (, na wollenschon, aber ((so)) können nicht!).
 
Macht man Eisler etwas zahnlos, so wie‘s die Tante Rundschau in Artikeln und Interviews zum “Material” gemacht hat, dann lässt sich Eisler noch zur Eröffnung diverser Brückenköpfe der Deutschen Bank in den USA als kulturelles Häppchen servieren. Bankers Trust presents “Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui” als Musical “ just like EVITA”.
 
Wo bitte sollen Künstler Geld verdienen, Projekte finanzieren, Kunst machen, wenn es keine anderen Sponsoren mehr gibt als dieGroßindustrie, die Großbanken und ihrer jeweiligen Verlustabschreibungsstiftungen, Steuerminderungsinstitute. Der Osten ist tot, der DGB platt und pleite, Die Kommunen liegen ebenfalls platt und pleite als totrote Teppiche vor den Vorständen der verbleibenden potentiellen Sponsoren. Such is life.
 
Ich weiß, es geht nicht in Schwarz/Weiß. es gibt viele Grau-, Weiß- und Schwarztöne.
 
Kein Künstler macht eine Bewegung !?!?!?. Keine Schwalbe macht einen Sommer und ab einem bestimmten Punkt wird der semantische Gehalt des Terminus “sogenanntes linksradikales Blasorchester” auf den Kopf gestellt. Aus dem (selbst) ironisch-satirischen Saitenhieb auf die Reaktion, die Koalition (die große) wird plötzlich blutiger Ernst, Distanzierung von der eigenen Biographie, Selbstverleugnung (?) wennman's denn selbst auch jemals wirklich war, klammheimlicher Paradigmenwechsel und vorauseilender Gehorsam vor dem noch längst nichtzusammengerufenen “Ausschuss zur Bekämpfung antideutscher Umtriebe”
 
Ich übertreibe? Kaum!
 
Heiner Goebbels ist kein Theatermann, kein Schriftsteller, kein Politiker, er ist Komponist.
 
Gut, aber warum kastriert er den Eisler posthum zum Witzbeutel auf intellektuell leicht gehobener Ebene?
 
Der Alte Grimmbart, der Brötler, der Nichtweißwaserwill, der Malsomalso, nicht beliebig aber doch naja ...
 
Das Eislermaterial ist besonders in den Zitatcollagen eine Art ästhetisierender Totschlag im Nachhinein. Im wahrsten Sinne des Wortes wirdEisler hier mitten im Satz das Wort abgeschnitten und er einer beliebigen Assoziiererei preisgegeben. Ein entspannender Kulturgenuss für die Allesfresser mit Tischfeuerzeug von der FAZ zum Beispiel, bei dem Bierbichlers näselnde Brechtexte nicht weiter stören. Nein, ein bisschenPrickeln darfs schon, und schmissig-drive-ig wie das Gesicht von Henkel-Trocken. Wobei der mit sehr scharfem Gespür für dräuendeKlassenkampf-Gefahren auch nach seiner BDI-Pensionierung nie den Säbel aus der Hand legt und solche Konzerte niemals sponsern würde.Da müssten auch noch die Texte weg.
 
Bierbichler hat die Originalaufnahmen Ernst Buschs u.a. bis zur den Kratzern im Schelllack genau kopiert, er hat unheimlich schön gesungen,aber genau so, wie Brecht es eigentlich nie wollte, wie er es in den Regieanweisungen z.T. direkt untersagte: Ich war zu Tränen gerührt, abernirgendwo kam da eine erlösendernüchternde Stimme: glotzt nicht so romatisch!
 
Und Bernd Feuchtner , einst Frankfurter KBW-Kulturpapst, in der ersten Reihe mit schlohweißer Opernführermähne und feuchten Augen, nicktweise zustimmend: “Wie grausam war er doch, der längst überwundene Manchester-Kapitalismus. Da hatten die Klassiker durchaus ihreBerechtigung, Jawoll, ja damals. Und die Gemeinde der neureichen ehemaligen Yaak Karsunke/Bauernoper Fans (“..die Enkel fechtensbesser aus..” das heißt jetzt “... die erben das besetzte Haus..”) summt lautlos im Hintergrund: “ Wisst Ihr noch vor dreißig Jahr, wie’s am Bandbeim Opel war?” Längst vorbei. Längst Geschichte. “Iss alles nich mehr so und war wahrscheinlich auch damals nich mehr ganz so, wie’s die Klassiker so beschrieben hatten ..” Smalltalk im TAT-Foyer bei Rouge ou Blanc.
 
Trotz der Nasenklammer in Bierbichlers Zinken schreien die Brecht-Texte und schreit die Musik:
Tut was! Was tun? Was tun! Aber vorher überlegen waswannwomitwem undwogegenundgegenwenundwoher undwohinvielleicht.
 
Ich habe den ganz dringenden Verdacht, dass mit dem “Eislermaterial” eine große Projektion vorgenommen wurde: die eigene Orientierungslosigkeit, die eigene Theorielosigkeit und auch ­feindlichkeit wurde auf den Meister geschoben, er steht als verwirrt, aber genialda. völlig losgelöst, wie man selbst. Nur mit dem Unterschied, dass Eisler wirklich “die Massen erreichte”. Eisler/Brecht-Aufführungen inschwelenden Konflikt-Situationen würden kaum noch von der Deutschen Bank gesponsert. Da hält sie’s wie der Henkel.
 
Das spricht für Eisler und Brecht und weniger für Heiner Goebbels, dem ich hier genau so wie dem ensemble modern und dem Bierbichler für dieses Stück danken möchte.
 
Es war saustark und es war abgrundtief schlecht.
 
Noch mehr? Der Schatten des Übervaters stand über dem Ganzen. Das war vielleicht für viele nicht so zu sehen, aber ich fand es ehrlich. Eine Art Vatermord?
 
Nun mal langsam mit den psychoanalytischen Pferden. Als Eislers legitimer Erbe kann man im Rothen Frankfurt ebenso wenig etwas Gescheites werden wie im schwarzen Berlin.
 
Nun gut, bevor es alle rauskriegen, wer als Beamter im Schulhaus sitzt soll nicht mit Steinen werfen, zumal die Zeit der Turnschuhkarrierenvorbei ist.
 
Nehmt's nicht persönlich (oder doch). Ich hätte die Problematik auch an anderen Protagonisten abhandeln können.
Aber hier lag's mir im Ohr,vor Augen und es hat mich sehr getroffen.
 
Auch, weil ich zwei Wochen zuvor, in Hanau wegen einer öffentlichen Schreibung gegen die öffentlich bezahlten Abschieberbanden von der Polizei vom Marktplatz geräumt wurde. Da hätte ich mir den Einsatz des “Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters” gewünscht und den des ensembles modern mit den Liedern von Eisler und Brecht. So was hätte die Polizei und Teile des Magistrats vom Marktplatz gefegt und einige meiner bedrohten Kids vor der Abschiebung bewahrt. Das hätte zu noch mehr öffentlichen Debatten geführt als meine Aktion.
 
Und es wäre ein Kunstgenuss ohne Kopfschmerzen geworden für viele, die das so nie erfahren werden.
 
Na vielleicht hätte es für den einen oder anderen auch Kopfschmerzen gebracht, wenn sich die Polizei nicht ganz freiwillig vom Platz begeben und in verzweifelter Gegenwehr die Knüppel auf die Köpfe meiner Lieben gesenkt hätte.
Das zu Füßen der Brüder Grimm!
 
Wie heißt es bei den Bremer Stadtmusikanten, die ja bekanntlich die Räuber in die Flucht geschlagen haben:
“Etwas besseres als den Tod finden wir allemal.....”
 
Bis die Tage
 
So weit in aller Eile meine notwendigen Ergänzungen zum Eintrag in das Gästebuch im Foyer des Straßenbahndepots, das man angesichts seiner inhaltlichen Entwicklung besser nicht mehr TAT sondern TUI nennen sollte: welch brechtiger Name für dieses Haus, das nebenbei damit vielleicht noch einer weiteren potenten Sponsor finden könnte. (Theater und Industrie, Theater & Unternehmer Initiative, Total unpolitische Inhalte) und so programmatisch: “Lasst uns ferne Lande sehen....”. Abheben mit TUI, abgehoben. Aber das wäre ein anderer Brief und ein anderer Adressat.
 
hARTmut bARTh-engelbART
 
 
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