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Annette Bültmann

Walgesang im Tempodrom

Am 14.6.2003 fand im Tempodrom, Möckernstrasse, Berlin, die Veranstaltung "Walgesang und Lärmangriff" statt, bei der über die bisherigen Tests und die geplante Einführung niedrigfrequenter Sonarsysteme und die fatalen Folgen für die meisten Meereslebewesen, besonders die Meeressäugetiere, berichtet wurde. Seit mehreren Jahrzehnten wird bereits ein mittelfrequentes aktives Sonarsystem bei Manövern der US-Navy, der NATO und anderen Seestreitkräften eingesetzt, und nun soll das niedrigfrequente Sonar LFAS (Low Frequency Active Sonar) bald weltweit zum Einsatz kommen, wenn es nach den Wünschen der Militärs ginge. Das Sonarsystem wird von Schiffen transportiert und arbeitet mit einer Schallquelle, die extrem laute Töne abgibt, vorgesehen sind 240 Dezibel (db), obwohl von der Navy selbst 140 db als oberster zulässiger Grenzwert für die Geräuschbelastung von Menschen durch LFAS angegeben wird. Das Dezibel ist keine lineare Einheit, sondern wird in logarithmisch in Bezug auf die menschliche Hörschwelle angegeben, für die der Wert 0 festgesetzt wurde. Eine Verdopplung der Schallintensität bedeutet eine Steigerung des db-Wertes um jeweils 3 db, so dass z.B. 53 db doppelt soviel Schall wie 50 db bedeutet. Eine Steigerung um 10 db bedeutet eine Verzehnfachung der Schallintensität, und jede weitere Steigerung um 10 db wieder eine Verzehnfachung des vorherigen Werts, so dass eine Steigerung des Wertes um 100 db eine 10.000.000.000 (zehn milliarden)fache Schallenergie bedeutet. Soll das nun also bedeuten, dass das Gehör der Waltiere zehn Milliarden mal weniger geräuschempfindlich ist als das menschliche, so dass es problemlos mit 240 db beschallt werden kann? Das Gegenteil ist vermutlich der Fall.

Nach der Begrüßung der Besucher im Tempodrom durch Micky Remann, Intendant der Unterwasserkonzerte im Liquidrom, sprach als erster Vortragender Mark Simmonds, Wissenschaftlicher Direktor der WDCS, über Wale und ihre Umweltwahrnehmung. Während der Mensch ein vorwiegend durch die visuelle Wahrnehmung bestimmtes Lebewesen ist, und sich in einer Umgebung von reflektierten Lichtstrahlen bewegt, wird es unter der Meeresoberfläche schon nach wenigen Metern sehr viel dunkler, und die Waltiere orientieren sich vorwiegend durch Schall, sowohl in Form von Lauten zur Kommunikation, als auch in Form eines Echolots von abgegebenen Schallimpulsen, die von Gegenständen und anderen Meereslebewesen reflektiert zu ihnen zurückkehren, dazu kommen die Laute, die durch Sprünge und das Wiederauftreffen auf die Wasseroberfläche entstehen, auch das gehört vermutlich zum Kommunikationssystem. Bereits jetzt bedeutet der ständige Lärmpegel, der im Meer durch Schiffahrt, Bohrinseln und ähnliches entsteht, ein ständiges Hintergrundgeräusch, das die Kommunikation und Orientierung der Wale erschwert, von Mark Simmonds verglichen mit dem Geräuschpegel einer Party, während der man ein Gespräch führt.

Dr.Marsha Green vom Ocean Mammal Institute beschäftigte sich ebenfalls mit dem Geräuschpegel in den Meeren, speziell betreffend das LFAS, und damit, dass der von der Navy als unbedenklich für Wale postulierte Standard von 180 db Schall überhaupt nicht unbedenklich ist. Bei den bisherigen Strandungen zeitgleich mit Manövern waren die Tiere weit weniger als 180 db ausgesetzt, und bereits das führte zu akustischen bzw. Impulstraumata, d.h Gewebeschäden und Hirnblutungen. Nicht nur Wale, sondern auch die gesamte Meeresfauna und -flora einschließlich Zooplankton, Fischen und Schildkröten könnten davon geschädigt werden. Marsha Green hat Anfang Juni 2003 beim Europäischen Parlament eine Petition gegen LFAS eingereicht.

Der nächste Redner, der Aktivist Ben White, ist schon seit längerer Zeit tätig gegen die LFAS-Tests, zum Teil als "lebender Schutzschild": nachdem die Navy bekanntgegeben hatte, dass das Sonar während der Manöver zeitweise abgeschaltet wird, wenn sich menschliche Schwimmer in näherer Umgebung der Schallquelle befinden, begab sich Ben White in entsprechenden Gebieten ins Wasser, bisher mit der Folge, dass das LFAS dann bei seinem Auftauchen abgeschaltet wurde, so dass er noch bei guter Gesundheit ist. Er schreibt Beiträge für das Animal Welfare Institute in Washington.

Sigrid Lüber von der Schweizer ASMS stellte, nachdem sie auf Studien über den Zusammenhang zwischen Walstrandungen und Schallemissionen hingewiesen hatte, die European Coalition for Silent Oceans vor, und deren Petition gegen hochleistungsfähige Sonarsysteme, hier als pdf zum Ausdrucken.

Mit einem erfreulichen Aspekt des Themas Schall beschäftigt sich Jim Nollmann (Interspecies Inc.), der als Musiker bereits mit Walen akustisch kommunizierte, indem er Gitarrenklänge aus einem am Boot befestigten Lautsprecher ertönen ließ, die von Walen beantwortet wurden, dadurch entstanden erstaunliche musikalische Mensch-Tier-Interaktionen. Jim Nollmann sieht das Verhältnis zwischen Mensch und Wal, nachdem Wale schon seit Urzeiten als eine Art Symbol die menschliche Kultur beeinflussen, zur Zeit als "the charged border", die aufgeladene Grenze zwischen den Welten, die vielleicht irgendwann einmal leichter zu passieren sein wird, wenn es eine andere Form der Wissenschaft geben wird; Jim Nollmann hofft, vielleicht schon in 50 Jahren. Die derzeitige Wissenschaft betrachtet Tiere seiner Meinung nach als mechanische Objekte; der Meinung schließe ich mich an, und hoffe mit Jim Nollmann, dass sich das ändern wird. Von Menschen, die Begegnungen mit Walen hatten, oder ihre Gesänge hören konnten, wird oft berichtet, dass sie es als tiefgreifendes Erlebnis empfunden haben, auch wenn uns die Sprache der Wale zur Zeit rätselhaft ist. Jim Nollmann wurde noch vor kurzen beim Besuch einer wissenschaftlichen Tagung darauf hingewiesen, dass das Wort Sprache von Wissenschaftlern im Zusammenhang mit der Wal-Lautverständigung zur Zeit nicht benutzt wird. Aber die Kommunikation zwischen Mensch und Wal wird bereits auf einer 6000 Jahre alten Zeichnung auf einer Steintafel aus der Region Karelien, die in den letzten Jahrhunderten zeitweise zu Finnland, zeitweise zu Russland gehörte, dargestellt. In dieser Zeichnung ist zu sehen, wie eine Schamanin, in der Darstellungsweise der damaligen Zeit, die wichtige Details als vergrößert hervorhob, durch ihre lange Zunge als gute Sängerin ausgezeichnet, mit einem Wal musiziert.

Die Veranstaltung wurde musikalisch angenehm eingerahmt und begleitet durch einige Musikstücke der Gruppe "Liquid Soul", die zu Percussion- und Blasinstrumenten ein selbstentworfenes Instrument einsetzt, die Wasserstichorgel. Das röhrenförmige Instrument wird in Wasserbehältern bewegt, dabei beeinflusst die Geschwindigkeit des Eintauchens die Tonhöhe, und die Tiefe des Absenkens die Länge des Tons, und es entstehen verschiedene Obertöne.

Die im Anschluss an die Veranstaltung im Liquidrom stattfindende Unterwasser-Musikveranstaltung wurde mit Tönen und Bildern der im Wasser treibenden Konzertbesucher ins Tempodrom übertragen.

Weitere Informationen über die Sonartests:
www.silentoceans.org

Foto: Katy Nollman, Interspecies Inc.