Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Maria Otte

 

Ick bin schon gaukler über fuffzig jahr...

Zum grafischen Werk von Armin Mueller-Stahl

 

 

Armin Mueller-Stahl repräsentiert nicht eine, sondern viele Künste und das macht ihn so besonders.

Mein Lieber, es gibt drei Vorbilder, den Menschen der Wirklichkeit, den Menschen des Dichters, den Menschen des Schauspielers. Der der Wirklichkeit ist weniger groß als der des Dichters, und dieser wieder weniger groß als der des großen Schauspielers, der der übersteigertste von allen ist. Er steigt auf die Schulter des Vorhergehenden, steckt sich in eine Rohrpuppe, deren Seele er ist. ( Diderot, Paradox über den Schauspieler, Insel Verlag/Frankfurt am Main, 1964, 63)

Der Schauspieler muss die lebendigen Emotionen der Menschen beherrschen und nicht nur, wie die anderen Künste ihre allgemeinen Ausdrucksformen darstellen. Der Schauspieler, sagt Diderot, und darin folgt ihm Brecht, macht nicht Eindruck wenn er wütend ist, sondern er macht dadurch Eindruck, dass er die Wut hervorragend spielt.

Tritt Mueller-Stahl als Schauspieler auf die Bühne, entwickelt er ein Gefühl für den Raum den er durchschreitet, für den Ton seiner Stimme. Er hat gelernt mit wenigen verhaltenen Gesten eine Figur zu charakterisieren. Für Mueller-Stahl ist der Mensch das Interesse seiner künstlerischen Tätigkeiten. Der wechselnde Blick auf den Menschen ist Gegenstand seiner unterschiedlichen künstlerischen Aktivitäten.

Die Sprache, der Ton, das Bild, diese drei Ebenen verschmelzen in der Rolle des Schauspielers. Das Besondere dieses Künstlers ist es, dass er Zeit seines Lebens auch die anderen Künste erfolgreich betrieben hat.

Es ist nicht für jeden Menschen naheliegend, den Schauspieler als eine derart komplexe Erscheinung zu sehen. So reflektiert wie Diderot den Schauspieler beschreibt, so schwer fällt es oft zu begreifen was einen Schauspieler ausmacht:

Armin Mueller-Stahl:

neulich sajt zu mir die postfrau

Ja, sie ham ja een juten ruf

doch sajn sie mal ehrlich

wat machen sie so im beruf?

samstags sonntags ja das wees ick

bringen sie die leut zum lachen

nee ick meene wochentags

wat sie da so richtjges machen?

 

Was Armin Müller Stahl so im Beruf macht.

1930 in Tilsit geboren studierte er nach der Schule Musik (Geige) und die Schauspielerei. Parallel zur Schauspielerei begann er zu malen. Schon 1952 entstand ein Bild Skatrunde, welches er später nach der Bombardierung durch die Amerikaner im Golfkrieg 1981 übermalt und The war just started nennt.

Ab 1949 ist er vor allem in Ostberlin beschäftigt, mehr als ein Vierteljahrhundert gehörte er zur Volksbühne. Am Schiffsbauerdamm wurde er als klassischer Schauspieler und für die Moderne geführt.

1960 beginnt seine Karriere als Star in der damaligen DDR. Seine Teilnahme an 60 Produktionen in Film und Fernsehen bringt ihm Preise und Auszeichnungen ein.

1976 protestiert er gegen die Ausweisung Biermanns und bekommt drei Jahre Drehverbot.

1979 siedelt er in den Westen über, wo er schnell Karriere macht.

1990 startet er mit 60 Jahren eine dritte Filmkarriere in Amerika.

Insgesamt hat er inzwischen 120 Filme gedreht, mit weltberühmten Regisseuren wie Bernhard Wicki, Rainer Fassbinder, Wim Wenders, Steven Spielberg, Steven Soderbergh, Jim Jarmusch, um nur einige zu nennen. Er spielte in Oberst Redl, in Bittere Ernte, in Die 12 Geschworenen , Night on Earth, - dies sind nur vier , 116 Filme habe ich nicht genannt.

Daneben trat er als Musiker, Kabarettist und Drehbuchschreiber auf.

Er ist vielfach ausgezeichneter Filmstar u.a. mit mehreren Oskarnominierungen, in Hollywood gehört Armin Mueller-Stahl zur Oscar Academy.

Im Jahr 1998 ist ihm der Titel eines Doktor honoris causa durch das Spertus Institute for Jewish Studies in Chicago verliehen worden.

In Begegnungen, einer Biographie in Bildern von Volker Skierka, gibt es im Inhaltsverzeichnis die Rubriken: Ostdeutschland, Westdeutschland - Amerika und -

Angekommen - Das betrifft die Zeit nach dem Jahre 2000.

Angekommen, das ist ein sehr ungewöhnlicher Begriff in einem Inhaltsverzeichnis.

In die Zeit nach 2000 fällt der Dreiteiler Die Manns und die erste Ausstellung seiner Bilder im Filmmuseum Potsdam und die Entstehung dieser hier gezeigten Bildzyklen. Vielleicht meint dieser Begriff auch angekommen an für ihn wichtige Themen und Tätigkeiten.

Erst 2000, zu seinem siebzigsten Geburtstag, stellt er, bedrängt von Freunden, an seiner früheren Wirkungsstätte Babelsberg eine Auswahl seiner Bilder vor. Ein Katalog der Ausstellung liegt leider nicht vor. Den großen malerischen Durchbruch erreichte er durch eine Ausstellung im Lübecker Rathaus im Jahre 2002.

Die Dreharbeiten zu dem Filmprojekt Die Manns und und die hier gezeigten Lithografien hängen nicht unwesentlich zusammen. Auf die Frage, was er denn mit dem ganzen Geld mache, das er für die Verfilmung bekommen hatte, antwortete er: Ich habe mir erstmals ein Atelier gebaut. Diese Investition hat sicherlich insgesamt zu einer erhöhten Bildproduktion geführt, mit Erfolg, wie man sehen kann. Acht Zyklen zu Urfaust und Hamlet in Amerika sind inzwischen von Museen aufgekauft worden. Seit der Mannverfilmung hält sich Mueller-Stahl wieder vermehrt in Deutschland auf, die Rückfahrkarte nach Hollywood immer griffbereit.

Annährung an das veränderte Deutschland und angekommen bei den großen Themen der Schauspielkunst, Faustund Hamlet.

Armin Mueller-Stahl ist ein Grenzgänger, der immer auch den Blick von außen wagt. Nicht nur räumlich, sondern auch in Hinsicht auf den Menschen, das Thema welches ihn am meisten interessiert. Das Malen, Schreiben, Musizieren und die Schauspielerei gehören für ihn zusammen. Nur so kann er Erlebnisse, Erkenntnisse, Beobachtungen und Handlungen in verschiedene Daseinsformen integrieren.

In seinem 2002 erschienen Buch Rollenspiel, einem Tagebuch, das bei den Dreharbeiten zur Mannverfilmung entstand, kann man in besonderer Weise dieses Wechselspiel der Medien studieren. Es geht in dem folgenden Zitat zunächst darum, wie er sich die Figuren, die er spielen muß, zeichnerisch erarbeitet.

 

Mueller-Stahl: Die Gesichtszüge von Thomas und Heinrich verraten genau, welchen Platz jeder der beiden in der Familie und in seiner Zeit einnimmt. Es ist die innere Triebkraft, die Aufwärtsbewegung, die Thomas Mann auszeichnet. Ich versuche ihn mit einem Strich zu zeichnen. Es funktioniert nicht. Man muß ihn stricheln, von unten nach oben, der Mund, die Nase, die Augenbrauen, alles will nach oben, erst so entsteht Ähnlichkeit. Anders bei Heinrich, ihn kann man mit einem Strich zeichnen. Bei ihm geht alles abwärts. Der Mund, die Augenbrauen, gehen nach unten. Ich stelle mir vor, beide fielen vom Schiff ins Wasser. Heinrich würde nach unten Thomas nach oben gezogen werden. Thomas gerettet, Heinrich ertrinkt. Es war ja auch so Heinrich ist in Amerika ertrunken. Durch Zeichnen lerne ich beide besser kennen. Man möchte an seiner Seite stehen, ihn unterstützen, man spürt die Ungerechtigkeiten der Schicksale, warum so viele Abwärtsbewegungen?

Die beiden Köpfe wurden auf ein Rollenskript gezeichnet. Die darunterliegenden Textfragmente sind gut lesbar und verweisen in diesem neuen Zusammenhang in assoziativer Weise auf den zeitlichen Kontext der beiden dargestellten Figuren. Die Zeichnungen sind also nicht ein didaktisches Mittel, sondern selbst wieder ein kreatives Produkt.

In dem hier gezeigten Zyklus zu Urfaust ist die Verbindung von Schrift und Bild anders geordnet. Jedes Medium hat seinen Platz: ein Zitat von Goethe, eine Textinterpretation und die Lithografie. Sie erzeugen eine dialektische Spannung zwischen Imagination - der Vorstellung in Bildern - und der Konzeption in den Kommentaren von Mueller-Stahl.

Mueller-Stahl: Zu Hause zeichne ich den ersten Teil meines Drehbuches voll. Picasso hat mich inspririert. Ich zeichne ein Mädchengesicht, eine Figur die wie ich, alle fünfe gerade sein läßt, dabei ist es schwieriger alle fünfe gerade sein zu lassen als krumm. Die Redewendung müßte eigentlich heißen alle fünfe krumm sein lassen. Habe unvorsichtigerweise auch jene Seite gezeichnet, die noch nicht gedreht sind aber der Text ist im Kopf und unter den gemalten Sätzen lugen Wörter hervor, die für niemanden einen Sinn ergeben, für mich schon, der ich die Texte bereits in Los Angeles gelernt habe, und im Schlepptau eines Wortes kann ich ganze Monologe hervorholen. Diese Textfragmente verlieren ihren ursprünglichen Kontext, werden in Zusammenhang mit der Zeichnung zu assoziativen Andeutungen gefügt und entführen in eine eigene Traumwelt.

Sprache erzeugt Bilder, Bilder erzeugen Sprache bei Mueller Stahl.

Der Medienphilosoph Willem Flusser klagt in unserer Zeit über die Unvorstellbarkeit unserer Sprache, weil dieser Sprache einer Lawine der unbegreiflichen Bilder entgegensteht. Armin Mueller-Stahl jongliert mit diesem Wechselspiel.

 

2001 Angekommen: bei Faust und Hamlet - höchstes Kulturgut, Traum jedes Schauspielers.

Was macht Mueller-Stahl daraus?

In zupackender Unmittelbarkeit, in vorwärtsdrängendem, ruppigen Strich entwirft er Figuren, die den poetischen Kern darlegen. Vor allen Dingen Gretchen, die er in wenigen Strichen umreißt, üppig, prall, in sinnlichen Posen aller Art. Auf dem Sockel liegend, über die Hände von Mephisto und Faust weghuschend, nicht als Opfer, sondern sich ihrer Körperlichkeit bewußt, so sehe ich sie. Mephisto und Faust mit breitem Pinselstrich, dunkel, düster, mit lüsternen Phantasien. Linien und lavierende Flächen, Licht und Schatten werden scharf gegeneinander abgesetzt. Auffallend ist, dass die Frau in den beiden Bildzyklen hell ins Auge sticht. Die Männer, die eigentlich handelnden Personen in den literarischen Vorlagen sind dagegen mit dunklem Pinselstrich gezeichnet. Sie tauchen auf einer kleinen schwarzen Fläche auf einem Teil des Bildes auf, wie z.B. auf Bild 9 Werden und Vergehen oder sie tragen so schwer an der Bürde der Erkenntnis, wie Faust auf dem Bild Licht und Finsternis, dass sein studierendes Auge mit Brille, nur von einer Kerze beleuchtet, im flackernden Licht angedeutet, unter einer dunkel getuschten Fläche hervorlugt. Die schwarz/weiß Lithografien unterstützen den Blick auf das Wesentliche. Armin Mueller-Stahl läßt kein Beiwerk zu. Die Figuren sind nicht eingebettet in eine Landschaft, haben keinen Horizont, sondern sind auf sich selbst reduziert. Die dunklen Flächen heben die Figuren hervor.

In dem Zyklus Urfaust spielt die Konzeption Literaturzitat- Kommentar- Bild eine für Mueller- Stahl wesentliche Rolle, jedes Medium spiegelt ein Thema in anderer Weise.

Gerade weil diese Blätter schon in ihren Titeln und in der Präsentation eine starke literarische Bezogenheit haben, ist es wichtig zu erkennen, dass sie dennoch gleichermaßen für sich stehen und die Phantasien des Künstlers spiegeln.

Susan Sontag kritisierte in ihrem Aufsatz „Against Interpretation“ die gängige Vorstellung, dass ein Kunstwerk primär aus festgezurrten Inhalten besteht. Interpretation heißt, die Welt arm und leer machen, um so eine Schattenwelt der Bedeutung zu errichten. Statt einer Hermeneutik , so Sontag, brauchen wir eine Erotik der Kunst. What is important now is, to recover our senses. We must learn to see more, to hear more, to feel more.

Es geht in der Kunst nicht in erster Linie um Gedanken, sondern um Eindrücke und Emotionen. Aber man sollte nicht vergessen, dass Kunstwerke weder isolierte Dinge noch einzelne Ereignisse darstellen, sondern Zeichen sind, die auf etwas verweisen und die man, wie ich meine, selbst entdecken muß.

Auffallend an den Grafiken von Mueller-Stahl sind die gezeichneten Hände. Sie spiegeln den Dialog zwischen den Menschen wider. Hier wird der Schauspieler sichtbar der agiert, betont, hinweist - visualisierte Kommunikation.

In der selben emotionalen Sinnlichkeit wie den Urfaust sollten wir die Bilder zu Hamlet in Amerika sehen. Wir werden hier den literarischen Bezug zu Hamlet vergebens suchen.

Dazu gibt es eine eigenständige Entstehungsgeschichte:

Zitat: Hamlet in Amerika war ein eigener Filmplan, der im Gespräch mit Fassbinder entstand, als er das Buch von Armin Mueller-Stahl der Verordnete Sonntag gelesen hatte. Es ist schwierig aus einem Buch ein Drehbuch zu machen, und während der Arbeit wandelte sich auch der Inhalt. Zwei alte Männer in einem Altersheim in Los Angeles die wissen dass sie bald sterben werden, spielen Theater. Sie wollen ihre verbleibende Lebenszeit mit bizarren Erlebnissen würzen. Sie brechen in eine Bank ein, stehlen ein Auto, gehen in den Puff und plötzlich ist einer tot. Das Drehbuch lag viele Monate bei Produzenten in Amerika und in Hamburg. Und als dann der Film Knocking on Heavens Door in den Kinos anlief mußte der Plot umgeschrieben werden. Es wurde Over the Edge daraus, die Geschichte alternder Schauspieler, die sich zusammentun, um wieder in das Schaugeschäft einzusteigen. Wir hatten alles, ein gutes Buch, eine wunderbare Lokation, aber fanden keinen Produzenten, so Armin Mueller-Stahl.

Hamlet bleibt eine Metapher, der unerfüllte Traum jedes Schauspielern, der am Ende seines Lebens begreift, dass er diese Rolle nie spielen wird.

Inzwischen rückt das Thema ferner und interessiert ihn nicht mehr so stark, die Zeit schreitet fort, die Bilder bleiben.

Verwegene Phantasien über alternde Schauspieler im Altenheim, die vielleicht an die Zeichnungen Heinrich Manns erinnern, dem sich Armin Mueller-Stahl emotional stärker verbunden fühlt als der Figur des Thomas Manns.

Du lieber Gott was so ein Mann

Nit alles, alles denken kann,

so Gretchen

 

Ick bin schon gaukler über fuffzig jahr

bin tragöde bin ein narr

bin der bettler, bin der keenij

und ick weene maeen wenij

doch ick lache wie een kind

wenn de leute jlücklich sind,

so Armin Mueller-Stahl.

 

Bisher größte Ausstellung von Lithografien in Deutschland zu Urfaust, Hamlet in Amerika und anderen Einzelblättern 25. Mai, Wallenhorst, Rathaus, Ausstellung vom Sonntag 25.Mai 2003 - Sonntag 22. Juni 2003 Foyer Rathaus Wallenhorst, Eröffnung Maria Otte

mo.-mi. 8.00 - 16.00 Uhr di., do. 8.00 - 17.30 Uhr so. Pfingstmontag 11.30 - 18.00 Uhr. Die Ausstellung wurde kuratiert von der Gemeinde Wallenhorst und der Kunsthandlung Th. Hülsmeier, Osnabrück Veranstaltungen zur Ausstellung: 01. Juni 2003 11.30 Lesung Kraft-Eike Wrede, Berlin, liest Urfaust und Hamlet, Theater-AG Realschule Wallenhorst spielt Szenen aus Urfaust

Finissage: Sonntag, 22.Juni 2003, 11.30 Hier stehe ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Überlegungen zu den Lithografien von Prof. Dr. phil. H. Hoefer

 

 

 

Armin Mueller-Stahl

20 Lithographien zu Johann Wolfgang Goethe Urfaust. Titelblatt

Mephisto:

Die Mägdlein, ach sie geilen viel.


Gretchen:

Du lieber Gott, was so ein Mann Nit alles, alles denken kann. Beschämend steh ich vor ihm da und sag zu allen Sachen ja. Bin doch ein arm unwissend Kind Begreif nicht, was er an mir findt.

aus Hamlet in Amerika, Traum

Thomas Mann

Heinrich Mann

Th. und H. Mann. Porträts aus “Rollenspiel", Tagebuch zur Thomas Mann Verfilmung von Volker Skierka

Mephisto:

Freud muss Leid, Leid muss Freude haben.

Marthe:

Erzählt mir seines Lebens Schluss.


Faust:

Flieh! Auf hinaus in`s weite Land! und dies geheimnisvolle Buch Von Nostradamus eigner Hand. Ist dir das nicht Geleit genug?

 

Mephisto:

Ach Bravo! find ich euch im Feuer! In kurzer Zeit ist Gretchen euer, Heut Abend sollt ihr sie bey Nachbaar Marthen sehen. Zum Kuppler und Zigeunerwesen.