Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Abby Lincoln, geb. 6.8.1930 Foto 26.10.1990

Jörg Boström

 

Eine kleine Unsterblichkeit

Zu Jazz Faces, Fotografien von Ydo Sol

"Wenn du die Fotografien zweier Gesichter nebeneinander legst, springt dir sofort ins Auge, wodurch sie sich voneinander unterscheiden. Wenn du aber zweihundertdreiundzwanzig Gesichter vor dir hast, begreifst du auf einmal, dass das alles nur ein einziges Gesicht in -zig Varianten ist und es irgendein Individuum nie gegeben hat."

Milan Kundera, Die Unsterblichkeit

Abby Lincoln singt "People in the Street", verschwebende Klänge, Menschen auf der Straße, Carla Bley und Steve Swallow spielen "Time and us", Zeit und wir. Diese Menschen, von deren Händen und Mündern eine melancholische und lebensvolle Tonwelt aufsteigt und sich in den gedämpften, rauchigen Kellerräumen der Clubs und Keller verliert, die Atmosphäre ziseliert in zarte, dunkel schillernde Wellenflächen, kostbare Vorhänge, ein afro-amerikanisch-orientalisches Tempeltuch, gewebt aus Klangfiguren, solche Menschen sitzen vor mir in Bildern von einer zeitlosen Präsenz. Sie blicken mich an aus der Fotofläche. Es sind ruhige, stille Porträts von Menschen, die an der Darstellung ihres Lebens gestalten. Immer mit ihrer Musik. Hier sind sie auch am fotografischen Prozess beteiligt.

Die Frühzeit der Fotografie scheint zurückgekehrt. Wie diese ernsthaft blickenden, von ihrer Bedeutung überzeugten Menschen in den Porträts des Nadar oder Hugo Erfurth erscheinen mir diese Jazzmusikerbilder der 90er Jahre. Was ist passiert?

Das zur Zeit von Fotokünstlern wieder entdeckte Polaroidverfahren in den Händen eines ruhigen, konzentrierten Menschenbeobachters ermöglicht eine Form des visuellen Dialogs, der im fotografischen Prozess sonst nicht möglich ist. Der Abgebildete sieht sein Porträt unmittelbar nach der Aufnahme, nach einer Minute der Entwicklungszeit. Er gewinnt eine neue Verantwortung und Mündigkeit. Aus dem Bildprozess wird Selbstbefragung und Selbstdarstellung. Das Wissen spielt mit, in Rolle und Bedeutung als Musiker mit vielen Kollegen als Fotografie in einem einem gemeinsamen Bildstil aufzutreten, ein Stück Geschichte bereits in der Gegenwart zu dokumentieren. Es ist darüber hinaus das sichere Formgefühl des Fotografen Ydo Sol, welches die an vielen verschiedenen Orten und in Übergangssituationen zwischen Soundcheck, Probe, Auftritt, in Gängen und Garderoben "spontan" aufgenommenen Fotografien die fast Denkmal hafte Geschlossenheit gibt. Es ist der Ausdruck der Arbeitssituation und der des Ruhepunktes im Bildprozess. "You got time." Diese Menschen nehmen sich Zeit, leben in der Zeit. "Timefeeling" und "Jazzfeeling", auf diese enge Verschränkung der Kunst des Jazz mit der unmittelbaren, gelebten Gegenwart hat Joachim Ernst Berendt hingewiesen. Es sind Klassiker der Kunst des Jazz schon jetzt, und klassisch, von ruhiger Intensität des Blickes und der Ausstrahlung treten sie als Fotografien auf. Aus der Welt des Jazz erreichen uns meist Aktionsbilder in Podiums- und Mikrophonkontexten, reportagehafte Serien, familienbildartig aufgebaute Bandszenen und amateurhafte Gruppenbilder. Im Anhalten und Weiterblättern von Sols Musikerbildern vermittelt sich ein anderes Gefühl, das aus den Hintergründen dieser Musik, wenn ich das sagen darf, schwarz hervorstrahlt: die tiefe Melancholie, die Einsamkeit, die vitale und religiöse Dimension dieser Klangwelt und ihrer Menschen.

Gery Burton zum Beispiel, Gesicht und übereinander gelegte Hände in der Bildachse des Hochformats, ihm wachsen vor psychedelisch schwingendem Blütengrund die Schlägel für sein Vibraphon wie langstielige Mohnkapseln aus den Ackerfurchen seiner Fingerfalten. Sein Blick hinter der Hornbrille hält den Betrachter fest in einem anhaltenden Dialog. Während ich dies schreibe, fließen aus seinem Instrument die gläsernen Klänge der "Vox humana" von Carla Bley über Wände, Tische und Bilder. Pat Methenys Gitarre antwortet ihnen. Sein Bild, Seitenlicht von links wie von einer Tischlampe, bildet mit den Wellenlinien der offen mähnigen Haare, der Notenlinien des Hemdes und den von Sol gemalten Strandwellenformationen im Background ein fotografisches Relief, in das der Klangkörper der Gitarre wie eine Muschel eingefügt ist. Ernste, verschattete Augen und leicht erhobene Mundwinkel ergänzen den Ausdruck dieser Musik. Sie zeigen das melancholische Glücksgefühl des Augenblicks, das Lächeln des Jazz.

Nicht im Studio, sondern in der Arbeitswelt der Musiker entstanden, haben diese Fotografien dennoch Ausgewogenheit, Konzentration, Ruhe und formale Dichte, welche sonst nur für geplante Porträtsitzungen charakteristisch sind. Ydo Sol stimmt Hintergrund und Licht ab, meist Seitenlicht. Einige Hintergrundtücher hat er gemalt, andere Fonds entdeckt er im Umfeld des jeweiligen Konzerts, Ziegelwände, Garderobenputz, Dekostoffe, Vorhänge, Tapeten und Paravents. Zurückhaltende, mehr durch seine Ausstrahlung als durch Anweisung bestimmte Regie verbindet sich in einem dichten Zusammenspiel mit dem Selbstgefühl und dem Gestaltungsempfinden der Porträtierten. Die enge Distanz, durch Objektiv und Enge der Gänge und Garderoben bedingt, erlaubt eine persönliche Beziehung des Blickes, die zuletzt auch den Betrachter einschließt. Eine fotografische Anthologie der Jazzmusik entsteht mit der altmeisterlichen Anmutung einer Ahnengalerie. Es ist diese Verbindung von aktuellem Thema, von spontaner Technik, von Kombination realistischer Details, von Instrument, Gestik, Kleidung und Ausdruck mit einer in der Fotogeschichte verankerten Form, welche der Bildreihe diese aus der Zeit für einen Augenblick herausgehobene Ausstrahlung gibt. Wir selbst leben in Kombinationen, in einer Zeit der Vermischung der Zeiten und Stile. Fiktion, Dokumentation, Konstruktion und Rekonstruktion überlagern sich. In diesem Sinne ist gerade diese nostalgisch anmutende Bildergalerie aktuelle, fotografische Kunst der 90er Jahre.

Das einzige Foto im bildjournalistischen Porträtstil ist in der Zwischenzeit wirklich Musikgeschichte und zu einem Bild der Trauer geworden. Es zeigt den großen, alten Vater des Jazz, Art Blakey. Sein abgestützter, tief gefurchter Kopf steht dunkel über dem weißen Pullover und der hellen Hotelzimmerwand. Ermattung, Güte und Traurigkeit eines langen Musikerlebens schimmern auf hinter den schwarzen Schatten unter dem weißen Haar. Diese Musik bleibt den unteren Schichten verbunden, auch da, wo sie von großem Erfolg ist. Sie kommt aus den tiefen Schichten des Bewusstseins und der sozialen Struktur. Sie lebt noch heute besonders intensiv in den Kellern, den kleinen Bühnen, vor Publikum, das Treppen hinabsteigt und sich zusammendrängt, und sie liebt diesen Untergrund. Art Blakey hat immer wieder junge und jüngste Musiker in seine Band aufgenommen, aufgebaut und davon geschickt, wenn sie richtig gut waren. Er ist die Vaterfigur für mehrere Generationen des Jazz. Dieses Bild vom 17.7.1990 ist eine der letzten Aufnahmen von ihm. Er starb wenige Wochen danach. Der Tod ist im Spiegel, sagt Jean Cocteau in seinem Film Orpheus. Er ist auch in der Fotografie. Sie erinnert uns an den permanenten Verfall der Zeit und des Körpers. Jede Aufnahme zeigt ein Stück Leben, das unwiederbringlich verloren ist. Um alle diese Menschen und ihre Musik schwebt dieser eigentümlich süße und traurige Grundton. Jede Musik hat es mit der Gestaltung der Zeit zu tun, keine aber in der unmittelbaren improvisatorischen Art lebt so der Sinngebung des Augenblicks und seiner immer wieder erlebbaren Vergeblichkeit wie der Jazz.

So sind diese Lebensbilder zugleich Dokumente der Dauer und des Vergehens. Ihr Ausdruck legt die Vermutung nahe, dass die Dargestellten dies auch spüren und dass sie sich in der Arbeit an der Musik ebenso wie in der ernsthaften Mitgestaltung an ihrem Selbstbild einrichten auf ihre jeweilige, kleine Unsterblichkeit.

Dizzy Gillespie, ebenfalls eine schon legendäre Gestalt, beteiligt mit Charly Parker im New Yorker "Birdland" an der Erneuerung , an der Einführung auch lateinamerikanischer Strukturen - Afro-cuban-Jazz- in diesen musikalischen Melting Pot der Rassen und Kulturen, der den Jazz zum Tanzen verwandelte auch in eine Musik nur zum Hören, von der Tanzmusik zur Meditationsmusik, vom Background zum feeling, auch Dizzy Gillespie bläst Trombone auf einem dieser Bilder. Er hält die für ihn signifikante Schilke-Trompete mit regulierbarer Öffnung, mit dem abgeknickten Tubus präzise in die Fläche komponiert in den Schrägen des Instruments, in der Tonwirkung der Jacke von engelhaftem Weiß, in der Meisterhandstellung mit Ring und der konzentrierten Geschlossenheit der Augen.

Allen Bildern ist der in der Polaroidtechnik anfallende, von Sol mit vergrößerte Negativrand bewusst hinzugefügt. Neben der Galeriewirkung, der Assoziation von Ahnenbildern in alten Holz- oder Messingrahmen entsteht hier ein von der Fotochemie frei sich gestaltendes, amorphes, individuelles Dekor. Keine Umrandung gleicht der anderen, kein Gesicht wäre mit anderen austauschbar sowenig wie die jeweilige musikalische Sprache.

In dem Bildnis von McCoy Tyner spürt man die religiöse, mystische Komponente des Jazz, die dieser Musiker wie viele andere auch in seiner Lebenshaltung ausdrückt. Dies ist das Porträt eines Priesters, war mein erster Gedanke, als Ydo Sol es vor mir aufschlug. Eine intensive, in der Wärme und Dichte des Ausdrucks den Betrachter wärmende Kraft geht von dieser Fotofläche aus, die vom Fotografen und vom Musiker in selbstverständlich erscheinender Schlichtheit gestaltet ist.

Wenn der Jazz eine Kunst der Zeit und besonders der unmittelbaren Gegenwart ist, sich ständig weiter ausformend und vergehend, verharrt die Fotografie als eine Bildform permanenter Vergangenheit in stiller Starre. Sie ist zugleich eine Kunst der Oberfläche und des Materials. Niemand wird außer bei sehr geliebten Menschen in solcher Nähe, Genauigkeit und Hingabe die Oberflächen und Reflexe der Haut, Details der Hände und des Gesichts, Falten der Mimik und der Kleidung, das kostbare, unendlich oft gestreichelte, bewegte, gegriffene Material der Instrumente betrachten wie auf solchen Fotografien. Die sinnliche Nähe des Holzes, des Metalls, der Tücher, verbindet sich mit den Körperformen und Hautflächen zu einer Einheit von Instrument und Mensch, wie sie auch der Lebensform dieser Musiker entspricht. Das große Negativformat erlaubt eine porenfeine Durchzeichnung, wie sie bei Reportage- und Session Fotos meist nicht erreicht werden kann. Die Versenkung der Musiker in den Augenblick der Existenz in der Gegenwart der Fotografie, ihre organhaft enge Verbindung mit ihrem Instrument findet ihre Entsprechung in der Versenkung des Blickes in diese fotografische Materialität, Anhalten, Ruhe, time feel, Jazz-Feeling. In zahllosen Sendungen der Jazzexperten wie Joachim Ernst Berendt, "Doktor Jazz" Dietrich Schulz-Köhn und Karl Lippegaus sind mir wie vielen, sicher fast allen Menschen, die gerade diesen Text lesen, diese swingenden Tonwelten über die Straßen und Autobahnen, in die Sessel und in die Ateliers gefolgt, während mir Namen der Musiker in endlos scheinender Folge von Band zu Combo, von City zu County, von Keller zu Schuppen zu Saal zu Honky Tonk um die Ohren flogen. Zuletzt habe ich den Versuch aufgegeben, sie mir zu merken. Nun tauchen sie wieder auf, als Unterschrift unter Bildern. Sie bekommen Gesichter, Hände, Haut und Haar. Sie erscheinen von einer bezwingenden, suggestiven Durchformung der Persönlichkeit und von eigentümlicher Schönheit, für mich in besonderem Maße Frauen wie die Drummerin Cindy Blackman, die Sängerin Abby Lincoln, die Pianistin Geri Allen, aber nicht nur sie. Nun entwickelt sich für mich das Problem, dass ich wieder versuchen werde, sie mir zu merken, und dass sie mir nun als Fotografien im Gedächtnis bleiben. Die Miles Davis Band ist vertreten. Der Lead Bassist Joseph Foley McCreary in groß gepunktetem Hemd spreizt die linke Hand die er mit der rechten am Handgelenk umklammert, wie ein Gitter vor sein Gesicht. Rickey Nellman stellt die Drumschlägel senkrecht neben seinen nackten Oberkörper, der von einem Boxer stammen könnte, während Deron Johnson und Richard Patterson sich mit aufgestütztem Kinn oder verschränkten Armen ruhig, klassisch als ernste Porträtfiguren studiomäßig präsentieren. Der "Picasso des Jazz", das "böse Genie" fehlt. Er hat sich blitzartig entzogen. Dass gerade Miles Davis fehlt, hebt ihn nun wieder heraus. Er ist durch die Band vertreten. Nicht einmal die Trompete durfte Ydo Sol fotografieren. Jetzt hat er uns ganz verlassen. Nun tönt sie, die ich gerade höre, "Blue in green", über eine leere weiße Seite.

 

 

 

 

 

Nana Vasconcelos, geb. 2.8.1944 Foto 6.10.1990

Steve Swallow, geb. 4.10.1940, Carla Bley, geb. 11.5.1938, Foto 1.11.1990

Dizzy Gillespie, geb. 21.10.1917 Foto 26.10.1990

Art Blakey, geb. 11.10.1919, gest. 17.10.1990, Foto 17.7.1990

Cindy Blackmann, geb. 1.11.1959 Foto 13.10.1990

Gerry Allan, geb. 12.6.1957 Foto 8.12.1990

Ricky Wellman, geb. 13.4.1955 Foto 26.3.1991

Cecil Bridgewater, geb. 10. 10. 1942 Foto 3. 11. 1990

Ed Thigpen, geb. 28. 12. 1930 Foto 3. 11. 1990

Junior Cook, geb. 22. 7. 1934 Foto 3. 11. 1990

Waiting for Miles ..... Foto 26.3.1991 Philharmonie Köln

Ydo Sol, Faces of Jazz, Nieswand Verlag