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michael najjar

einige gedanken und überlegungen zum thema "krieg und medien":

allem anschein nach dient dieser irak-krieg als vorspiel zur errichtung einer neuen weltordnung durch die hypermacht usa. dies gilt sowohl unter politischen wie auch strategisch-militärischen gesichtspunkten.

der golfkrieg von 1991 vermittelte bereits eine ahnung davon, wie die kriege im 21. jahrhundert geführt werden: in echtzeit.

der irak-krieg im jahr 2003 wird diese entwicklung noch deutlicher offenbaren. die unmittelbare übertragung des krieges (live) und die weltweite zurschaustellung seiner auswirkungen macht den “krieg der echzeit3 zu einer neuen form von “weltkrieg3. in diesem krieg geht es um das wichtigste gut der postmodernen gesellschaft: die information.

die front der unmittelbaren elektronsichen information wird (neben den 3 klassischen kriegsfronten luft-, wasser, und boden) zur 4. und entscheidenden front. hierbei erlangt die kontrolle über die information den primat über die kontrolle des feindlichen territoriums.

hochintelligente kommunikationswaffen sichern in zukunft die militärische überlegenheit, wobei die massenmedien zum integralen bestandteil dieses arsenals werden. der irakkrieg offenbart diese entwicklung mehr als deutlich: die journalisten werden "embedded".

der krieg des realen raums wird abgelöst. der totale elektronische weltkrieg vollzieht sich nicht mehr in der realität des tatsächlichen schlachtfeldes, sondern auf den monitoren der soldaten, auf den kontrollbildschirmen der militärischen kommandozentralen und auf unseren fernsehbildschirmen.

dem krieg der echtzeit gelingt das scheinbar unmögliche: die totale kontrolle über seine öffentlichen darstellung. das wesen des medialen krieges besteht nicht mehr in der vermittlung der realität einer gegenwärtigen kampfhandlung, sondern in ihrer transformation zum "virtuellen happening", bei dem wir nur noch als passive zuschauer fungieren können. der krieg wird zum videospiel, der “unterhaltungswert3 tritt in den vordergrund. die welt am sonntag formulierte es treffend: "die bilder von rasenden panzern gleichen eher der rallye paris-dakar als einem krieg"

oder um es mit paul virilio zu sagen: "das bild hat somit den primat über die sache dessen bild es ist. der krieg der bilder hat folglich nichts mehr mit den bildern des krieges zu tun".

nicht nur feindliches territorium, sondern vor allem der fernsehbildschirm wird strategisch besetzt. das bild der waffen wird mitunter zu einer durschlagenderen waffe als die waffe selbst. die verherrlichung der waffen ist im wahrsten sinne des wortes "unübersehbar".

der strategische und kontrollierte einsatz von massenkommunikation, wie er im ersten golfkrieg bereits zu erleben war und diesmal weitere grenzen durchbricht, lässt sich durch drei hauptmerkmale charakterisieren: informationsbeschränkung, informationsunterlassung und desinformation durch überinformation. beide kriegsparteien beherrschen diese "spiel" perfekt.

die beschleunigung der kriegsereignisse durch live-bilder und die live-berichterstattung führt zum verlust jedweder distanz zum geschehen und damit zur unmöglichkeit der reflektion dieser ereignisse. die bewusste informationsunterlassung verstärkt diesen effekt. die tatsache, dass uns das blut der toten vorenthalten wird, führt zur einer visuellen ästhetisierung und virtualisierung der kriegsereignisse. sowohl im ersten golfkrieg als auch im kosovow-krieg wurde diese entwicklung bereits sehr deutlich. in diesem neuen krieg wird sie eine neue schwelle erreichen.

die tödliche wirklichkeit des realen krieges wird sich in zukunft in den vernetzten maschinen, rechnern und bildschirmen verflüchtigen. die politische macht wird demjenigen zufallen, der über diese maschinen und die netze herrscht.

die gegenwärtige regierung der usa scheint sich dieser tatsache bewusst zu sein. vordergründig geht es um die beseitigung einer diktatur, hintergründig um wirtschaftliche interessen, aber tatsächlich geht es vor allem um eines: die (weltweite!) machtergreifung mittels technologischer überlegenheit und die implementierung eines neuen führungsanspruchs, basierend auf den moralvorstellungen einer amerikanischen führungselite.

der krieg gegen den irak ist ein perfektes experimentierfeld für die neuen technologien. die "updates" dürfen wir dann vermutlich nicht all zu ferner zeit in nordkorea bewundern.

verantwortlich für diesen text:
michael najjar


 


 


 

Jörg Boström, Erinnerung an Pergamon


 


 

Manfred Schnell, Macht und Ohnmacht, 30.3.2003