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Gottfried Jäger

 

Über Barbara Klemm.

Zur Eröffnung der Ausstellung Blick nach Osten von 1970 bis 1995.

Barbara Klemm ist Fotografin durch und durch. Sie hat eine fotografische Lehre in dem renommierten Foto-Atelier Bauer, einem vorwiegend auf fotografische Porträts spezialisierten Studio in Karlsruhe, abgeschlossen. Aber ihr Vorbild wurde Wolfgang Haut, langjähriger Pressefotograf für die Frankfurter Allgemeine Zeitung(FAZ), dessen direkte, unverstellte und dabei präzis gestalteten Schwarzweiß-Fotografien die junge Fotografin faszinierten. So wollte sie arbeiten, das wollte sie erreichen. Und es gelang ihr, wie wir heute wissen. Denn ab 1959, sie war gerade Zwanzig (geb. 27. 12. 1939 in Münster), arbeitete sie mit ihrem Vorbild bei dieser Zeitung zusammen. Gut zehn Jahre später, ab 1970, war sie dann dort fest angestellte Redaktionsfotografin mit den Schwerpunkten Feuilleton und Politik. Weit mehr als 40 Jahre! In dieser Zeit hat sie das "Bild" dieser Zeitung mit geprägt. Ihre Fotografien gaben und geben dem Blatt seine besondere visuelle Note, sie sind Blickfang, Information und Kommentar in einem, oft ein bildnerischer Höhenflug.

Brandt, Breschnew, Bonn 1973

Bemerkenswert ist die Leistung der 40 Jahre aber nicht nur als zeitliches Phänomen. Sondern auch vor dem Hintergrund der unbestrittenen journalistischen Qualität dieser Zeitung, und es scheint es, als dass im Laufe der Jahre ein fruchtbares Wechselspiel stattgefunden hat. Das Blatt gab Barbara Klemm die Möglichkeiten zu reisen, Kontakte zu knüpfen, aktuell und vorn "dabei" zu sein, verschaffte ihr den "Eintritt"; sie aber gab ihm seinen "Auftritt", sein Erscheinungsbild, einen unverwechselbaren bildnerischen Stil. Dabei ist Barbara Klemm ihrer fotografischen Grundlinie über die Jahre hinweg treu geblieben, so wie auch die Zeitung. Keine Experimente! Salopp gesagt, weder nach Form noch nach Inhalt. Es geht um die seriöse, unaufgeregte Berichterstattung, um den fundierten Kommentar, um die profilierte Meinung. Das jeweils Neue der Nachricht ist nicht Selbstzweck, kein Wert an sich. Sondern es wird vor dem Hintergrund gewachsener und bewährter Überzeugungen kritisch überprüft und bewertet: Die konservative Grundlinie des Blattes ist evident. Das gilt auch für die Fotografie, in der sich diese Haltung widerspiegelt. Das gilt im übrigen auch für die Berichterstattung über Fotografie, über fotografische Ausstellungen und Publikationen: Im Mittelpunkt steht die direkte, ungestellte, berichtende und dokumentierende, die schwarzweiße Kamerafotografie, die der konkreten Wirklichkeit mit der unbestechlichen Präzision des Fotoapparates Ausdruck verleiht, ohne dabei auf subjektive Eingebung zu verzichten. Aber stets auf der Basis und im Rahmen des Berichts!

 

NPD, "Saalschutz", Frankfurt 1969

Nach dem Schock eines ersten, öffentlichkeitswirksamen Auftritts von Neonazis in Westdeutschland.

Ein Bild, das der deutsche Außenminister Scheel damals ausdrücklich als hilfreich im Kampf gegen die aufkommende NPD erwähnte.

 

Nichts anderes, meine Damen und Herren, wollten aber schon die Erfinder des Verfahrens erreichen. Fotografie sollte nichts als "das Sichtbare" wiedergeben und zwar "ohne die Mitwirkung eines Zeichners", unverfälscht, ohne Handschrift, ohne Stil. So jedenfalls sah es der Grundlagenvertrag der Fotografie vor, den seine beiden französischen Erfinder Nièpce und Daguerre 1828 miteinander beschlossen. Arago, der Verkünder des von den beiden entwickelten Verfahrens schwärmte 1839 über dessen "fast mathematische Genauigkeit". Und der Kulturphilosoph Siegfried Kracauer bescheinigte der Fotografie in seiner Theorie des Films, wie ich meine: treffend,eine "ausgesprochene Affinität zur ungestellten Realität". Sie wohne der Fotografie inne und zeichne sie in besonderer Weise aus: Ein Grundkonsens der Fotografen, eine Grundüberienkunft der Fotografie, aber: keine Selbstverständlichkeit! Denn auch diesem Kreis sind ganz andere Tendenzen der Fotografie bekannt. Auch sie haben sich im Laufe ihrer Geschichte herausgebildet und bewährt. Sie wurden ja auch hier, im Kunst- undKulturverein Melle verschiedentlich gezeigt. Denken wir an die verschlüsselten poetisch-abstrakten Kamera- und Dunkelkammerfotografien von Axel Grünewald: Sinnbilder und Bildsymbole einer experimentell-gestaltenden Fotografie. Denken wir weiter zurück in die Geschichte, an die Kunstfotografie um 1900; an die Experimentalfotografie der 1920er Jahre am "bauhaus" mit ihren Fotogrammen, Lichtspielen und Luminogrammen; denken wir an "fotoform" und "subjektive fotografie" in Westdeutschland nach 1945, an die konstruktive und generative Fotografie, die ihre Bilder nicht (mehr) "nimmt", sondern "gibt" und damit eine neue Welt entwirft.

 

DDR Grenzsoldat, West Berlin, 1987

 

Bei all diesen notwendigen Erneuerungsbewegungen und Grenzerkundungen des Mediums blieb seine Hauptkennlinie immer unbestritten. Sie wurde nie "überwunden", wie das in anderen Künsten geschah, dass also ein Ismus einen anderen ersetzte. Hier blieb der Hauptstrom stets intakt: Die direkte, ungestellte, wahrheitsgemäß berichtende, dokumentarische, ja: Realistische Fotografie. Sie blieb als ein wesentliches Merkmal und nicht aufgebbarer Anspruch immer bestehen: "Die Realität", so sagt Barbara Klemm: "hält immer genug Bilder bereit".

Realität? Realismus? Große Begriffe der abendländischer Kultur. Die Kunstgeschichte nennt den Franzosen Gustave Courbet, den Maler-Impressionisten, als jenen, der den Begriff des Realismus in die Kunstgeschichte eingeführt hat. "Im Gegensatz zur romantischen Richtung (seiner Zeit) ließ er nur die alltägliche Wirklichkeit gelten, die er im farbigen Reiz ihrer äußeren Erscheinung realistisch erfasste" (Lexikon Rencontre, o. D., S. 183). Dabei geht es also um "die Tendenz," so sagt es der Kunsthistoriker J. A. Schmoll gen. Eisenwerth (1973):

- die Realität des gesellschaftlichen Lebens zu schildern,

- sie kritisch zu durchleuchten

- und zu einer Korrektur ihrer Ungerechtigkeiten anzuregen.

 

Öffnung des Brandenburger Tors, Berlin 22.Dez.1989

Der Realist durchleuchtet das gesellschaftliche Leben: aufklärend, meinungsbildend, also alles andere als: neutral, sondern Stellung nehmend. Er blickt nicht nur auf die vordergründigen Ereignisse, sondern erforscht auch ihre Hintergründe, er blickt hinter die Kulisse der Lebensbühne, und, das wohl wichtigste Merkmal, er arbeitet an ihrer notwendigen Veränderung mit, nimmt teil und wird selbst zu einem Teil des Problems, das er schildert. Er sucht die Welt zum "Guten" zu verändern: Ein investigativer, eingreifender Journalismus entsteht auf diese Weise, als "vierte Gewalt" im Staat wurde er bezeichnet. Aber auch seine Auswüchse sind bekannt: Die menschenverachtenden Paparazzi, die Nachrichten der Nachricht halber produzieren. Das Neue wird hier zum Selbstzweck, sogar mit mörderischen Folgen, wie man weiß (Rufmord). Abgesehen von diesen Extremen ist das aufklärerische Programm des Realismus heute so aktuell wie früher. Es veraltet nicht und darf nicht aufgegeben werden. Es ist wichtig für den Fortbestand einer informierten, demokratisch verfassten Gesellschaft. Aber es ist auch gefährlich, ihm zu dienen: 2002 kamen nicht weniger als 31 Journalistinnen und Journalisten in Ausübung ihres Berufes ums Leben, wie die Vereinigung "Reporter ohne Grenzen" dokumentiert (Überleben im Alltag, Berlin, 2002).

Krawalle anlässlich des Besuchs des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagon, Berlin Winterfeldplatz 1982

Das realistische Programm verbindet sich in der Frühzeit der Fotografie mit Namenvon Jacob August Riis und Lewis Hine (New York, 1880/1900), mit Eugène Atget (Paris um 1900), mit Heinrich Zille als Fotograf (Berlin um 1905), mit August Sander im Deutschland der Zwischenkriegszeit ? und heute mit so großen Namen wie Sebastiao Salgado, Don McCullin und Gilles Peress ? wie auch mit dem Namen Barbara Klemm! So wie die drei letztgenannten, erhielt auch sie für ihre Fotografischen Leistungen bereits 1989 den Dr. Erich Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh), die höchste Auszeichnung für engagierten Bildjournalismus in Deutschland, eine Würdigung, die mit ihrem Namengeber an den bedeutenden, von den Nazis ermorden, deutsch-jüdischen Foto-Dokumentaristen der Weimarer Republik erinnern soll.

Es wäre aber zu einseitig, die Arbeiten Barbara Klemms ausschließlich dem Begriff der Dokumentation zuzuordnen. Ihre Menschen- und Sozialfotografien weisen über diesen Begriff hinaus. Sie lösen Gefühle in uns aus und enthalten daher unzweifelhaft etwas Anderes, Weitergehendes, etwas, das wir als die Metaphysik des Bildes bezeichnen.

"Was bewegt mich (und viele andere) nur so stark an deinen Bildern?", fragt Ellen Auerbach, die ältere Fotografenfreundin aus New York im Vorwort zu dem gemeinsam erarbeiteten Buch Barbara Klemm: Bilder." (Frankfurt, 1986). "Dein Auge sieht das Unsichtbare, das, was den Erscheinungen zugrunde liegt", sagt sie. Dabei dringt Barbara Klemm zum Teil durchaus in die Menschen ein, das ist ihr bewusst, sie nimmt etwas von ihnen ab: ein Ab-Bild. Aber sie stellt dies Menschen trotz ihrer oft unverblümt gezeigten Armut und Not nicht bloß. Wer sie in dem Film von Otto Schweitzer (das Video ist während der Ausstellung hier zu sehen ), wer die Fotografin beobachtet und sieht, wie sie sich mit leichten Bewegungen in einen Tanz auf dem Marktplatz in die Situation einfühlt, die sie fotografieren will, wie sie dabei körperlich mitschwingt, und wie sie erst dann die Menschen aufnimmt, als Mit-Tanzende also, der erfährt etwas von der Empathie, mit der die Fotografin zu Werke geht. Wie sie sich der Szene anverwandelt, ehe sie sie fotografiert. Das ist vielleicht ihr Geheimnis und ein Schlüssel für ihren Erfolg: Einfühlungsvermögen, mit einem Wort. Aber auch: Komposition! Das Vermögen also, der Wirklichkeit nicht nur Bilder abzugewinnen und abzunehmen. Sondern ihrem Motiv auch Form zu geben. Aus ihrer Biografie heraus ist man geneigt zu sagen: Auch das hat sie früh gelernt, früh und unterschwellig erkannt und tief in sich abgespeichert und verinnerlicht. Nämlich durch die Arbeit ihres Malervaters Fritz Klemm, ehemals Professor an der Karlsruher Kunstakademie. Seine konkreten, geometrie-bezogenen Materialbilder haben die ästhetische Kultur des Auges seiner Tochter sicherlich zutiefst geschult, ganz ohne Akademie und Malerschule. Ich bewundere neben ihrem Einfühlungsvermögen daher auch ihr kompositorisches Vermögen, ihr schöpferisches Sehen, mit dem sie dem flüchtigen Augenblick Dauer verleiht und mit dem sie dem Standpunkt, den sie einnimmt, etwas Allgemein-Gültiges gibt. Diese Ambivalenz des Mediums hat sie begriffen. Und das macht ihre Kunst wohl aus.

 

In der Zeit vom 21. Februar bis 16. März zeigt der Kunst- und Kulturverein Melle e. V. in seinen Galerieräumen Alte Posthalterei Melle, Haferstr. 17, die Ausstellung Barbara Klemm: Blick nach Osten von 1970 bis 1995.

Fotografien aus dem Osten Europas.

Die Ausstellung wurde von Maria Otte, derzeitige Vorsitzende des Kunst- und Kulturvereins Melle, initiiert und kuratiert und am 21. Februar mit einem einführenden Vortrag von Prof. Gottfried Jäger, Bielefeld, eröffnet.