Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Jörg Boström

 

Prof. Gottfried Jäger, em.

Mit dem Sommersemester 2002 endet die Lehrtätigkeit von Gottfried Jäger am Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld, seine Kunst und die Lehren daraus noch lange nicht. Einen Gruß ins Netz schickt das Magazin mit den Wünschen auf eine immer wiederkehrende geistige und künstlerische Bewegung. Den Vortrag von Dr. Enno Kaufhold zur offiziellen Verbschiedung am Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld bringt das Magazin zur Erinnerung, zur Reflexion und als zusätzlichen Kontakt im Internet.

Jägers fotografisches und medientheoretisches Konzept hat viel bewirkt und die Fotografie sowie die mit ihr Arbeitenden immer wieder auf elementare Formen zurückgeführt und zugleich vorwärtsgestoßen. Fotokunst, Kunst als Fotografie ist nicht angemessen zu begreifen, wenn man nicht den technischen Aspekt in die Anschauung mit einbezieht. Auch das ist inzwischen auch unter dem Eindruck der technischen Bilder in den klassischen Künsten ein neuer Aspekt: Das Begreifen des technischen Prozesses als künstlerischer, konstituierender Bestandteil des Werkes, das Herausstellen der Tatsache, dass das Werk, das Bild an der Wand in diesem Falle, nur ein Teil, sicher ein wichtiger, und doch nur die Endstufe eines umfassenderen Gestaltungsvorganges ist. Ein technisches Regelwerk, mit dem der Künstler spielen, aber auch gegen das er spielen kann, wie der Medientheoretiker Vilém Flusser vorschlägt. Dies gibt wiederum dem Konzept die überragende Bedeutung. In der generativen, das Foto als autonomes Bild setzenden Kunst ist die Arbeit von Gottfried Jäger in seiner Konsequenz und radikalen Klarheit wegweisend. Linse, Blende, Netzhaut, Film. Auge und Apparat zeigen analoge Strukturen. Verwandelt der Fotoapparat die Welt in ein Medienschauspiel, das sich vor die unmittelbare Wahrnehmung schiebt, so macht die Fotokunst Jägers diese Medienwahrnehmung selbst zum Thema, zum Reflexionsgegenstand.

Auf die Fragwürdigkeit der Medienwelt antworten Künstler mit Bilder-Fragen. Solche Fotobilder sind vermittelt und indirekt wie ihr Medium. Sie brechen mit der Naivität eines frommen Realitätsglaubens. Die fotografischen Bilder bestehen auf ihrer zweifelhaften Existenz als Zwitter, darauf beruht ihre Wirkung. Sie spielen die Rolle von Doppelagenten zwischen den Gegenwelten eines naiven Realitätswahns und einer schizoiden Flucht in eine autonome Kunst. Insofern hat das Medium aus seiner illegitimen Herkunft die Konsequenz gezogen und verweigert nun weiterhin die Einordnung.

Die Arbeiten von Gottfried Jäger folgen erdachten, rationalen Programmen.

Die Kunst unterwirft sich hier der Programmierbarkeit. Ohne sich in den meissten Fällen direkt der Computertechnik zu bedienen, arbeitet sie gedanklichen Umfeld der Programme, welche die erwartete Kunst aus der Maschine möglich machen.

Schönheit im Sinne einer geschmackvollen, ansprechenden Farbigkeit ist nicht ihr Ziel. Die offensichtlichen ästhetischen Reize der Bilder ergeben sich aus dem technischen Prozess. Wenn hier der Begriff Schönheit noch verwendet werden kann, dann eher im Sinne der Schönheit einer mathematischen Formel oder auch einer technischen Perfektion. Sie ist Resultat der gedanklichen Konzeption mehr als des individuellen Ausdrucksverlangens des Künstlers. Gottfried Jäger ist ein Analytiker und Konstruktivist in dem Sinne, dass er die Möglichkeiten des fotografischen Prozesses in seine Bestandteile zerlegt und mit diesen Elementen komponiert. Näher als an der anteilnehmenden Abbildung oder der Darstellung von Gefühlen ist seine Kunst der konstruierenden, Klangfiguren fortentwickelnden seriellen Musik.

Dass Sehen nichts ist, das sich von selbst versteht, wird erst bewusst, wenn sichtbar die Grenzen des Sichtbaren ertastet werden. Nur eine begrenzte Palette von Wellenlängen aktiviert unsere Sehzellen. Was diese und wie sie es aus der physischen Welt aussortieren, erscheint uns als Realität. Das Sichtbare um das Unsichtbare zu erweitern, war vielfach der bestimmende Impuls für die Kunst. Zu den unsichtbaren Strahlen und Wellen, die wir vorfinden und denen wir ausgesetzt sind, kommt die Palette der künstlichen, von menschlicher Technik geschaffenen sichtbaren und unsichtbaren Lichter.

Paul Virilio bemerkt: "Der Mensch ist fähig, wahres falsches Tageslicht zu produzieren, in dem Moment, in dem das Licht der Geschwindigkeit identisch wird mit der Geschwindigkeit des Lichts. Er kann Realität schaffen, genauso wie die Sonne, die Photonen, das Licht. Letzten Endes existiert die Realität nur als Lichtprojektion. Wir sind Wegstrecken des Lichts. Die gesamte Technik ist ein später Sonnenkult." (Kunstforum Bd. 108, Juni/Juli 1990, S. 93).

Was nun? Ist Gottfried Jäger Priester eines späten Sonnenkults oder Schöpfer einer neuen Realität. Er ist was er ist und alle anderen sind etwas anderes.

 

Links:

Prof. Gottfried Jäger

Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld