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Intermezzo - Diskussion zum Thema "Kunst als Mittel zum Zweck!?"

Zu Beginn der Veranstaltung tritt die Gruppe Oralapostel auf; Toni Polster fragt Jörg Boström, ob das Kunst sei. Jörg antwortet mit einem Picasso-Zitat: "Ich weiß nicht was Kunst ist, und wenn ich es wüsste, würde ich es nicht verraten."
Toni Polster stellt fest, dass Kunst in den Schaufenstern teilweise nachträglich "dekoriert" wurde, z.B. Jörgs Bilder in der Metzgerei, es wurden Blumen und Stoff darüber gehängt. Es wird die Frage gestellt, ob das Kommunikation mit den Kunstwerken sein könnte; oder ob Kunst dadurch entschärft wird.
 
Toni Polster:
Wir haben gesagt Kunst als Mittel zum Zweck - dass man das erst bejaht, und dann plötzlich sagt, ja, das ist ja eigentlich gar nicht das, was ich wollte, ich habe ja von Kunst eine ganz andere Vorstellung, einen Rembrandt, einen Rubens, und nicht Mecklenburger Landschaften.
 
Jörg Boström:
Wir haben diesen Titel "Kunst als Mittel zum Zweck!?" ja bei dieser Diskussion, jetzt kann ich mir nicht verkneifen, darauf jetzt Bezug zu nehmen, weil Du das ja auch schon ansprachst, den Zweck. Ich liebe einen Dichter namens Oscar Wilde zum Beispiel, von Oscar Wilde gibt es zum Thema Kunst sehr vieles an Aphorismen, und im "Bildnis des Dorian Gray", wo es auch wirklich um Bilder, Abbilder und Schicksal und so weiter geht, da hat er unter den letzten Einführungssentenzen Folgendes geschrieben: "Es ist verzeihlich, wenn jemand etwas Nützliches schafft, vorausgesetzt, dass er es nicht bewundert." Und dann geht es weiter: "Es ist unverzeihlich, wenn jemand etwas Zweckloses schafft, es sei denn, dass er es unendlich bewundert." Und im nächsten Satz: "Kunst entbehrt völlig des Zwecks." Mit anderen Worten: der Künstler bewundert, was er macht, unendlich, und deshalb macht er es, und er macht es nicht, weil es irgendeinen Zweck hat, und er verfolgt damit auch keinen Zweck. Und jetzt kommt die Kehrseite: wenn Kunst keinen Zweck hat für den Künstler, dann wird Kunst aber trotzdem von anderen Leuten, die keine Künstler sind, zweckmäßig eingesetzt. Ich nenne nur das Stichwort Marketing, damit haben wir es ja auch bei dem Projekt zu tun, und ich nenne das, was ein Freund von mir in Bielefeld, Andreas Beaugrand, der Leiter des Kunstvereins ist, mal sagte von der Kunst: "Kunst ist Kommunikation". Das ist nicht meine Meinung, aber da steckt eine ganze Menge Wahrheit drin. Aber "Kunst entbehrt völlig des Zweckes" wäre das was ich unter Kunst verstehe. Mein Zweck ist nicht, die Radewig zum Beispiel aufzumöbeln, dass hier mehr verkauft wird. Dass aufgrund der Tatsache, dass hier Kunst ist, mehr Leute kommen, das begrüße ich denn trotzdem. Aber der Künstler macht es nicht mit der Absicht, hier etwa einen Stadtteil zu mobilisieren. Was vielleicht nicht für alle Künstler gilt, aber für viele, die ich so kenne.
 
Aus dem Publikum wird nach der Auswahl der beteiligten Künstler gefragt, ob auch Objekte abgelehnt wurden, speziell der Vorschlag einer Künstlerin, die der Fragende kennt. Die Frage wird beantwortet von Jörg Boström dahingehend, dass keine Vorschläge abgelehnt wurden, es sich nur bei einigen wenigen aus organisatorischen Gründen nicht so ergeben hat. Von Toni Polster wird erklärt, dass er mit der Künstlerin besprochen hat, dass die Installation wahrscheinlich im nächsten Jahr gemacht werden kann, wenn Leere&Vision wieder stattfindet; in diesem Jahr sind einige der Leerstände kurzfristig wieder vermietet worden, so dass Räumlichkeiten für weitere ausstellende Künstler fehlten. Ein Aspekt der Frage war, ob Kunstwerke abgelehnt wurden, weil sie provokativ sind, das kann verneint werden. Es gab kein Problem mit den Themen, und es wurden keine Themen ausgeklammert oder gewertet.
Jörg Boström nennt zum Beispiel das Konzept, bei dem ein Panzer auf dem Gänsemarkt hätte aufgestellt werden sollen als "Friedenssicherung", das hätte stattfinden können, wenn es organisatorisch möglich gewesen wäre.
 
Jörg Boström:
Wir hätten das gemacht. Ich will damit sagen, wir haben keinerlei Restriktionen gemacht in Richtung Radikalität von Ideen. Wir haben allerdings, das muss ich auch dazu sagen, vom Konzept her Leute eingeladen, die wir kannten.
 
Jörg beschreibt, wie er überlegt hat, wer im BBK ist, welche ehemaligen Studierenden ihm einfallen, wen er persönlich kennt; so wurden ca. 40 Leute eingeladen. Es haben nicht alle reagiert, aber es kamen dann andere, die nicht eingeladen waren, es entstand ein Schneeball-Effekt. Festgestellt wurde sehr viel Kreativität und sehr viel Interesse weit über Herford hinaus. So sei es auch kein Problem, wenn beim ersten Mal nicht alle dabei wären, so bestehe die Möglichkeit, sich noch zu steigern.
 
Jürgen Escher spricht nun das Problem an, dass, wenn er nicht Herforder und mit einem Stadtplan unterwegs wäre, er wohl zuwenig von der Ausstellung gesehen hätte; eine Skulptur stehe abseits, es fehle etwas Auffälliges auf dem Gänsemarkt, die Leute gingen teilweise an der Ausstellung vorbei.
 
Toni Polster:
Kunst will alles machen, aber Kunst kann nicht alles machen, weil ganz pragmatische Gründe dagegen sprechen. Das ist zum Beispiel die Verkehrssicherung. Das liegt daran, dass wir hier in der Nähe einen Go-Parc haben, wo dann Abends tausend Bekloppte, Besoffene hier durch die Gegend gehen, alles besteigen wollen und alles zertreten wollen. Selbst wenn ich diese Figur mitten in den Weg stelle, dann will der abends unbedingt mit dieser Figur irgendetwas machen, und dieser Rambo-Verschnitt, der sich vorher die Mütze weggeballert hat, der steht dann vor diesem Ding und behämmert es, und wir haben mit fast jeder Außenkunst Probleme, weil das Reizkörper sind. Es sind Reizkörper, wo Leute dran arbeiten, und denken, sie müssen irgendetwas kaputt machen. Das ist das erste. Das zweite ist: im Quartier haben wir sehr viele Kinder, die nicht unterscheiden können zwischen Spielsachen und Kunst. Das haben wir auch schon festgestellt. Die sind also ständig versucht, denn, wie soll ich denen das erklären, auf der einen Seite haben wir Spielgeräte, da dürfen sie darauf herumkrabbeln, da sollen sie alles bewegen, auf der anderen Seite steht da plötzlich Kunst, die am besten nicht berührt wird, oder die nicht bestiegen werden darf. Und da haben wir festgestellt, das ist auch ein Erfahrungs- und Lernprozess bei uns, dass man halt auch bei diesen Sachen ganz schnell in bestimmten Zwängen ist. Einige haben festgestellt, dass der Minotaurus verschwunden ist, der ist nicht geklaut worden, aber war vorher Zielobjekt von einigen Chaoten. Und um den zu schützen, musste er weg. Genau das gleiche der "Wegweiser", es hat nicht lange gedauert, da hat der erste versucht, den umzuschmeißen. Den mussten wir jetzt nachsichern, und ich bin heilfroh, dass er jetzt da steht, wo er steht, weil wir den nach hinten abstützen können. Man hat versucht, auf diesen Bauwagen, als Provokation, auf dem Gänsemarkt, man hat versucht, ihn zu besteigen und von oben da irgendwo hereinzukommen. Das heißt, wir haben nicht nur mit Kunst zu tun, sondern das Chaos ist ziemlich nah.
 
Toni schlägt vor, einen Sandsack auf dem Gänsemarkt anzubringen zum Abreagieren.
Es taucht die Frage auf, ob in diesem Fall das Ungewöhnliche provoziert, und ob die gesamte Idee provoziert hat, und dadurch Kommunikation in Gang gesetzt wurde. War das der Zweck der Aktion, Kommunikation in Gang zu setzen?
Jörg stellt fest, dass die Kunst großenteils aber auch gastfreundlich untergebracht wurde, ohne dass der Eindruck entsteht, sie gehöre nicht hierher, und dass die Kunst dadurch wieder stärker Teil des täglichen Lebens wird.
Eine Diskussionsteilnehmerin erwähnt die Eröffnung in der Kirche, sie findet die Radewiger Kirche beeindruckend und meint, dass Kunst so zum Brückenbauer zwischen dem Alten und dem Neuen werde, das sei gerade in der Kirche faszinierend.
Dazu bemerkt Jörg, dass man sich durch die in der Kirche ausgestellte künstlerische Arbeit, die Hinterköpfe auf den ersten Reihen der Kirchenbänke, dort eher geborgen fühlt- normalerweise komme man sich als Besucher in der Kirche manchmal ziemlich verlassen vor, wenn man fast der Einzige sei. So füllt die Arbeit die Leere der Kirche mit Kunst, und ist buchstäblich "Leere &Vision".
Aus dem Publikum kommt die Anregung, die Besucher deutlicher auf die Kunstwerke hinzuweisen, die seien teilweise schwer zu finden, man müsse sie suchen; Möglichkeiten wären, Wege vorzuzeichnen und Punkte zu markieren.
Jörg Boström meint dazu, dass wir noch lernen, dass der Flyer aus finanziellen und technischen Gründen nicht vorher verschickt werden konnte, das Publikum solle aber auch nicht "an der Nase herumgeführt" werden, sondern Besucher könnten selbst suchen und Aktivität entwickeln.
Toni Polster meint dazu, man hätte zu sehr mit den Augen des Machers geschaut, Sachen vorausgesetzt, welche die Organisatoren selbst gesehen haben. Nachträglich wurden nun noch Plakate mit Punkten für die einzelnen Schaufenster gedruckt, um dadurch ein gewisses Leitsystem zu bekommen. Leute sollten aber auch nicht bei der Hand oder bei den Ohren genommen und irgendwo hingestellt werden, um da zu gucken; aber es sei schon wichtig, dass sie wissen, wo sie sich jeweils befinden.
Einer der Diskussionsteilnehmer bemerkt, dass er die Sachen besonders faszinierend findet, die sich mit dem Ort auseinandersetzen, auf den Raum eingehen.
Jörg Boström sagt, auch die Projektgruppe fände das spannend, dass Radewig zum Thema und Gegenstand wird, und sich in Kunst verwandelt.
Toni Polster stellt Herrn Schürkamp die Frage, ob man Kunst als Mittel zum Zweck benutzen dürfe, oder wir es in diesem Fall mit Kunst als Mittel zum Zweck zu tun haben.
 
Manfred Schürkamp:
Ich würde das nicht so ausschließlich sehen. Ich würde, wenn ich jetzt einmal für die Pro Herford sprechen darf, die im Grundsatz den finanziellen Rahmen ja für diese Veranstaltung zugesichert hat, aber zugleich auch gesagt hat, wir wollen refinanzieren über Sponsoren, das setzt voraus, dass Menschen da sind, die bereit sind, Geld herzugeben für dieses Projekt, Geld herzugeben dafür dass sich Künstler auch in diesem Quartier, an diesem Standort präsentieren. Insofern schließt es sich nicht aus, es wird immer dann sicherlich kritisch, und da haben wir ja auch Diskussionen im Verlauf gehabt, wenn Finanzgeber Einfluss nehmen wollen auf die Inhalte von Kunst, dann wird es spannend. Aber solange im Grundsatz sich Kunst frei entfalten kann in dem finanziellen Rahmen, der vorgegeben ist, denke ich, ergänzt es sich sehr sinnvoll, denn ohne Finanzen, das muss ich auch mal deutlich sagen, könnte Kunst nicht existieren. Und wenn wir auch das historisch betrachten, ist immer Kunst finanziert worden von Menschen, die sich dafür begeistert haben, die Geld ausgegeben haben, denn von der Kunst allein kann auch der Künstler nicht leben, er muss schon in die finanzielle Situation gebracht werden, auch weiterhin leben zu können und Kunst zu machen, zu produzieren oder wie auch immer dies zu bezeichnen ist.
 
Toni Polster überlegt, ob Kunst mit positiver Aussage bessere Aussichten auf Refinanzierung hätte, und auch darauf, Leute für die Stadt zu interessieren.
Herr Schürkamp beschreibt den Unterschied zwischen Mäzen und Sponsor, der unter anderem darin besteht, dass der Sponsor fragt: Was habe ich davon? Er meint, im nächsten Jahr werde es vielleicht leichter, Sponsoren zu finden. Kunst brauche Freiraum, aber die Rahmenbedingungen gebe der Sponsor, der fragt, wo werde ich präsentiert, und einen finanziellen oder zumindest ideellen Vorteil erwartet.
 
Jörg Boström:
Wir haben das ja auch ausführlich diskutiert, Herr Schürkamp, und zwar per Ferngespräch, weil ich zu dem Zeitpunkt in Berlin war. Das war ein sehr interessantes Gespräch. Wir sind ja auch wirklich in vielen Punkten einig. Zum Beispiel haben wir ausgeschlossen, was ursprünglich auch mal so als Idee aufgetaucht ist, den Künstlern Sponsoren zuzuordnen. Ich hatte gesagt, wenn man auf die Künstlerseite ein Logo setzt, meinetwegen "Sparkasse", entsteht der Eindruck, die Sparkasse hätte den gekauft, also die Kraft des Kunstwerkes wird dadurch geschmälert, und letztendlich die Werbewirkung, wenn ich das jetzt mal so sagen darf, die Kraft, die Ausstrahlung wird reduziert, wenn man dieses "Sponsoreship" zu deutlich akzentuiert. Das weiß die Deutsche Bank, die große Sammlungen macht, Ausstellungen organisiert, das wissen die großen Konzerne , dass sie zwar präsent sind aber nicht auf der Titelseite, und nicht als Stempel gewissermaßen auf den einzelnen Kunstwerken, da muss man sehr diffizil mit umgehen, und man muss vielleicht auch den Sponsoren dann unterstellen, jetzt positiv unterstellen, dass sie irgendwie vielleicht doch Interesse an der Kunst haben, vielleicht sind sie ja nicht nur Sponsoren, sondern auch Mäzene. Und das würde sogar den Sponsor aufwerten, wenn man sagt, der hat soviel Verständnis für Kunst, der guckt nicht immer, habe ich jetzt 6 Anzüge mehr verkauft, weil ich das gemacht habe, sondern ich mache das, weil ich die Kunst einfach interessant finde. Und das wertet sogar, das ist ein sehr dialektischer komplizierter Prozess, das wertet den Sponsor selbstverständlich auf, wenn der als Mäzen einsteigt, ich sage das mal so hinterhältig und heimtückisch. Man muss sehr vorsichtig sein mit der zu deutlichen Markierung der Sponsoren.