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In Berlin

Schlafbilder

Fotografien von Karen Stuke
Text von Annette Bültmann

Hier wurde der
Schlaf an verschiedenen Orten mit einer Camera Obscura fotografiert, die Belichtungszeit ist die Zeit vom ins Bett gehen bis zum wieder Aufstehen, so dass eventuell noch im Bett übliche Beschäftigungen wie Lesen oder Fernsehen mit ins Bild geraten sind, zum grössten Teil aber die Schlafenszeit.

Der Schlaf, der Zustand in dem Menschen ungefähr ein Drittel ihres Lebens verbringen, hat trotz Erforschung der physiologischen Erscheinungen und auch trotz Deutung der Traumbilder immer noch etwas Geheimnisvolles, und so ist es auch nicht erstaunlich, dass er Künstler beschäftigt hat und immer noch beschäftigt.

Körper und Psyche brauchen den Schlaf als Erholungsphase mit verminderter Aktivität; Atmung und Puls verlangsamen sich, der Blutdruck und die Körpertemperatur sinken ein wenig ab. Die "innere Uhr" des Menschen sorgt dafür, dass das in regelmässigen Abständen geschieht; sie ist sowohl biologisch als auch kulturell beeinflusst. So gibt es biologisch verursacht Morgenmenschen und Abendmenschen, und je nach Kultur wird z.B. nicht nur Nachts, sondern auch Mittags geschlafen.
Die Schlafforschung hat herausgefunden, dass normalerweise die Schlafdauer beim Menschen im Laufe der Entwicklung abnimmt; Säuglinge schlafen rund 20 Stunden am Tag, Erwachsene 7 bis 8 Stunden, im höheren Alter dann manchmal nur noch 4 bis 6 Stunden.
Im Schlaf wechseln sich REM- und Non-REM-Phasen mehrmals pro Nacht ab, REM steht für "rapid eye movement", die Phasen sind zu erkennen an schnellen Augenbewegungen und einem charakteristischen Bild beim EEG, und in diesen Phasen finden auch die meisten Träume statt. Deshalb wird auch vermutet, dass die Augenbewegungen dadurch enstehen, dass die Augen Bewegungen im Traumablauf verfolgen. Die Traumphasen sind besonders wichtig für die Gesunderhaltung der Psyche; die Nicht-Traum-Phasen für die körperliche Regeneration.

Der Traum hat eine eigene Bildsprache mit sowohl alltäglich wirkenden als auch stark symbolisch verschlüsselten Handlungen.
Sigmund Freud hat im Jahre 1900 sein bekanntes Werk "Die Traumdeutung" veröffentlich, das das Denken des 20.Jahrhunderts stark geprägt hat, und mit dem sich z.B. auch die Surrealisten beschäftigt haben. Vor Freud hatte sich die volkstümlliche Traumdeutung zeitweise damit beschäftigt, anhand von Traumsymbolen mögliche zukünftige Ereignisse vorauszusagen. Freuds Verdienst ist der Versuch, dem einzelnen Menschen durch Deutung der eigenen Träume mehr Bewusstsein seiner selbst zu verschaffen.
Freud sucht einen Zugang zum individuellen Unbewussten anhand spezieller Details der Träume:
welche Rolle spielt das Detail im Leben des Träumenden und auf welche Probleme weist es hin? Er benutzt dazu das Verfahren der freien Assoziation.

Je absurder und verwirrender der Traum, desto mehr kann es sich um eine verschlüsselte Botschaft handeln, der ein Konflikt zugrunde liegt; Gefühle und Wahrnehmungen, die im Alltag nicht bewusst gemacht werden oder unangenehm sind, können so verarbeitet werden.

Nun soll laut Freud der Tauminhalt analysiert und Assoziationen gebildet werden; währenddessen können Widerstände gegen die Bewusstwerdung auftreten. Freuds Hauptanliegen sind wohl verdrängte, weil kulturell verbotene oder abgelehnte sexuelle Vorgänge. Der Begriff "das Unbewusste" steht für Erlebnisse, Erinnerungen, Konflikte, die uns im wachen Zustand nicht zugänglich sind, die aber an die Oberfläche drängen, zum Beispiel im Traum, und dann auch bewusst gemacht werden können.
Das Unbewusste spricht aber in Rätselbildern- es verdichtet zum Beispiel mehrere Elemente in einem einzigen Bild, oder es verschiebt ein verdrängtes auf ein "harmloseres" Bild; so deutet Freud Luftschiffe, Schlangen, Krawatten, Hämmer, Flinten, Dolche, Baumstämme, Schirme usw. als Penis-Symbole, wogegen Höhlen, Schiffe, Dosen, Schachteln, Kästen, Schränke, Öfen usw. Erscheinungen der Vagina sein können.

Traumsymbole als verschlüsselte Hinweise auf den Konflikt zwischen menschlichen Wünschen und Verboten? So werden die Träume lesbar als Wunscherfüllungen im Reich der Phantasie und verlieren etwas von ihrem irrationalen, geheimnisvollen oder auch unheimlichen Charakter.
Zum Thema Schlaf und Traum wäre auch noch zu nennen Francisco de Goyas berühmtes Capricho Nr. 43 aus dem Jahre 1797: El sueño de la razon produce monstruos (Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor)
http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=goya

Dieses Thema faszinierte auch die Surealisten, auf der Suche nach dem, was wirklicher als das Wirkliche, über der alltäglichen Wirklichhkeit zu finden ist. Ein Schlüssel dazu können die Traumsymbole sein, und so exerimentierten die Surrealisten teilweise mit dem Schreiben im Halbschlaf oder in Trance, mit Séancen uund Traumprotokollen. "Écriture automatique" als poetisches Verfahren sollte eine spontane Schöpfung aus dem Unbewussten ohne Kontrolle durch den Verstand ermöglichen, so wie auch der Traum aus dem Unbewussten schöpft.
"Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität." Manifeste du Surréalisme, 1924
Ein Ziel der surrealistischen Aktivitäten ist es laut dem Manifest, den Gegensatz zwischen Kunst und Leben aufzuheben.

Schlafen und Wachen wirken wohl manchmal wie gegensätzliche Grundphänomene, die einander ergänzen, wie Licht und Schatten.
Zum Thema Licht hat Goethe einmal die bekannten Verse geschrieben:
"Wär' nicht das Auge sonnenhaft.
Wie könnten wir das Licht erblicken?"
Darin steckt vielleicht noch das Bild einer Hypothese der alten griechischen Gelehrten, dass Lichtstrahlen vom Auge ausgehen, die die Gegenstände quasi beleuchten, vor allem aber die Theorie, dass eine Art qualitative Verwandschaft zwischen Sinnesorgan und Wahrgenommenem besteht. Das scheint mir auch bei diesen Versen zugrunde zu liegen, die ich unter Gedichte, 1827 gefunden habe:
"Verdoppelte sich der Sterne Schein,
Das All wird ewig finster sein.
»Und was sich zwischen beide stellt?«
Dein Auge, so wie die Körperwelt."

Das Auge scheint also Goethes Ansicht nach sowohl mit dem Licht, als auch mit der Körperwelt verwandt zu sein, also quasi zwischen Wellen- und Teilchencharakter sich zu befinden, in Begriffen des physikalischen Mikrokosmos ausgedrückt.
Und das Camera-Obscura-Auge betrachtet nun die Schläfer und ihren Wellen-und Teilchencharakter, während diese wiederum mit geschlossenen Augen Bilder sehen aus der Traumwelt, die die Bereiche des Schlafens und des Wachens verbindet.

1791 Girodet
1861 Renoir
1866 Courbet
1892 Toulouse-Lautrec
1938 Klee
1968 Freud

In Chavannes

In Hamburg Ottensen

In Hamburg St.Georg

In Kiel

In Lausanne

In Palavas les Flot

In Warendorf