Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Jörg Boström
 
Nah dran - weit weg
 
Text zur Ausstellung der Arbeit The Sea - das Meer in Super 8 von Barbara Focke (Super 8-Material (1973-2001) auf Video, 12-teilige Arbeit, 75 min als Endlos-Installation, 2002) im Rahmen der Ausstellung Forum zeitgenössischer Kunst V: Zeit. im Museum Waldhof in Bielefeld
7.September - 20.Oktober 2002
 
 
Im Raum von Barbara Focke, in dem eine Projektion von Meeresbewegungen abläuft wie eine magische Zeituhr, The Sea, verlässt man die Realität der Hochschule, des Gewölbekellers im Kunstverein am Waldhof, vergisst man den Stuhl, auf dem man sitzt, die Beine, die einen nicht mehr tragen müssen, man schwimmt in der uferlosen Vermischung, sinkt ein, begegnet sich, erlebt die Medien und das Meer und wie eine Künstlerin sich darin bewegt, eine Schwimmerin in Erinnerung und Gegenwart, wie die Projektionsfläche, die Bilder hervorströmen und wieder verschwimmen lässt, wie die Wellen des Wassers und der Elektronik sich mischen mit einem Klang, der von norwegischen Musikern geschaffen, in eine grenzenfreie Weite weist, in einen irdischen und zugleich kosmischen Raum, wie man dann wieder in einen neuen Horizont hinein sich verliert, zurück in eine urtümliche Lebensform im Wasser, aus dem Wasser an ein Ufer und in Wellen wieder zurück, wie man nach einer Zeitbewegung auf der Bildfläche, die sich zum Meditationsraum öffnet, erwacht und überlegen muss, wo man sich eigentlich befindet. Wenn man aus der Straße, den Menschenwesen, den Bildern der Waren und Mittel, den zugestellten Fenstern und verriegelten Türen in den Gewölberaum tritt, der von Medienwellen ausgespült in eine Bewegung von Raumklängen und Bildfluten aufgelöst ist, verliert sich die gehackte Zeit des Alltäglichen in strömende Abläufe. Aus dem unendlichen, zeitlos scheinenden Wechsel der Meereswellen, die immer wiederkehren und sich doch niemals wiederholen, ist eine visuelle Zeituhr der immer gleichen und doch unendlich scheinenden Abläufe gebaut worden. Die Wasserfluten sind eingefangen im in sich kreisenden Medium des Films, dessen Bilder sich wiederum vermischen und aufzulösen scheinen im digitalen Fluss, der alles verbindet. Ein Mädchen, ein Kind, rennt durch die Dünen zum Wasser, eine wiedererweckte Kindheit, gesehen durch die Kamera der Mutter, verwittert, verkratzt und vertatscht von der Zeit und den Händen der Künstlerin, die sich selbst begegnet in einer Zeitschleife, vergangen, schattenhaft und doch immer wieder präsent, mediale Realisierung einer Sehnsucht nach Zeitlosigkeit. Die Zeitschleife im Videoband lässt Anfang und Ende vergessen. Friedrich Nietzsche, der Philosoph der ewigen Wiederkehr des Gleichen, singt sich an: dass du nicht enden kannst, das macht dich groß, und dass du nie begannst, das ist dein Los, dein Sein ist drehend wie das Sterngewölbe, Zerfall und Ursprung, immerfort dasselbe. Man setzt sich solchen Empfindungen aus, wenn man sich in die Projektionsräume von Barbara Focke begibt. Hier läuft eine Weltuhr ab, die sich fortwährend in langsam schwingenden Schleifen wiederholt. Im verschwimmenden Wasser vermischen sich Delphin und Kind, Strand und Horizont, Wellen und Wolken. Zugleich scheint der schwankend immer neu bewegte Bildraum sich selbst zu zerfressen, aufzulösen und immer wieder neu zu formen im ständigen Versuch, Leben zu erzeugen und Zeit zu beleben. In einer medialen Verbindung und Verwischung werden die zerfressenen, chemisch und manuell aufgelösten und alt gewaschenen Streifen von Super 8-Filmen elektronisch zusammengefügt und in die Musik einer norwegischen Musikergruppe getaucht. Wie die von der Bielefelder Filmgruppe ćAlte Kinder“ entwickelte mediale Mischtechnik wird auch von der Künstlerin Bild- und Tonmaterial verwendet, wie es vorgefunden wurde, vermischt mit eigenen Streifen, durch Zeit und Mischkopieren verändert, oder nachträglich manuell oder chemisch manipuliert: zerlegt, collagiert, in fremden Verbindungen zusammengeführt. Das Meer, The Sea, verschlingt alles, vermischt es, spült es zerfressen und verformt an den Strand und treibt es wieder zurück in die Tiefe. So gesehen, ist Barbara Focke selbst ein wiederkehrendes Kind, wie in ihrem Film, wo sie Jahrzehnte zuvor immer wieder neu zwischen Sand und Gräsern hüpft, auftaucht und wieder verschwindet, sie ist ein Kind selbst auch der ćAlten Kinder“, der Bielefelder Experimentalfilmer, insbesondere von Matthias Müller, dem sie als Künstler und Lehrer treibende Impulse verdankt. Dem Film, dem Medium der Bewegung und der Technik, wird auch in ihrem Werk die kommerzielle, perfektionistische Dimension weitgehend entzogen. Ihm wird damit eine neue und zugleich jeder Kunst urtümliche existentielle, persönliche und visionäre Kraft zurückgegeben, hier auf der Suche nach Zeit und Meer, nach der Unendlichkeit der ersten und der zweiten Heimat in verschwimmenden, von Sehnsucht und Chemie zerfressenen Horizonten.
 
Herford, 2002-06-22
 
Infos zur Ausstellung:
http://www.bielefelder-kunstverein.de
 
siehe auch im VM Ausgabe 11:
The Sea - das Meer in Super 8