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Von den Horváths, Orsós, Lakatos und Baloghs
Eine Fotoarbeit über Roma in Ungarn von Reimar Ott
 
Am Anfang wußte ich nicht viel über Zigeuner. Sie fahren mit Wagen über das Land, tragen bunte Kleidung und spielen Geige. Ihre Erscheinung hat immer etwas Südländisches, Verwegenes und Unheimliches. So dachte ich. Einem Zigeuner war ich noch nie begegnet. Es war eine Welt, die von meiner unendlich weit entfernt war.
 
Mein Beitrag zu dem Fotoprojekt sechswege nach brüssel, das sich mit der EU-Erweiterung beschäftigt, sollte etwas mit Menschen, besser noch mit einer Volksgruppe zu tun haben. Meine Wahl fiel auf Ungarn, was mir ebenso neu und fremd war, wie die 500 000 Roma, die dort leben. Die EU fordert von den Beitrittskandidaten den Schutz von Minderheiten. Jedoch war in den Berichten der EU die Situation der Roma-Minderheit in Ungarn immer wieder ein Kritikpunkt. Dies schienen mir gute Zutaten für eine spannende Arbeit zu sein.
 
Am 29. Juli 2001 fuhren Carmen Möller-Sendler, eine Journalistikstudentin aus Dortmund und ich bei strahlendem Sonnenschein durch Budapest über die Erzsébet Híd und dann weiter in die Andrássy Út zum Cafe Eckermann. Dort waren wir mit Karin Adamik, Deutschlehrerin am Goethe Institut, und József Orsós verabredet. Bei der Begrüßung war ich sehr aufgeregt, wir kannten uns nur von Telefongesprächen und ich wusste, dass Karin vielleicht die einzige ist, die mir bei meiner Arbeit helfen kann.
 
Ein Parkschein musste gelöste werden, ich ging mit József los. Er war der erste Roma, den ich in Ungarn traf. József fragte mich, welches mein Auto sei. Meine Antwort war kurz: ,Der Ford Ferrari dort drüben.‘ (Tatsächlich ist es ein Ford Fiesta in Rot). Das Eis war gebrochen. Für József, der zusammen mit zwei weiteren Roma für uns übersetzen sollte, war klar: Das wird lustig.
 
Etwa zwei Monate lang reiste ich mit meinem Team auf buckeligen Landstraßen und staubigen Pisten durchs Land. Wir besuchten unzählige Familien, aßen und tranken überall reichlich und erfuhren mehr über das Leben der Roma in Ungarn. Auf eine sehr persönliche Weise erhielt ich Zugang zu den Menschen.
Den Namen Rinyabesenyö kann man eigentlich nicht aussprechen. Es ist der Name eines kleinen Dorfes im Süden von Ungarn, in der Nähe der kroatischen Grenze. Eine langgestreckte Straße führt durch einen Wald dorthin. Plötzlich taucht eine Kirche auf, einige Häuser. Sackgasse. Hier lebt Kati mit ihren acht Kindern und einem Enkelkind in einem kleinen Haus mit zwei Räumen und einer Küche.
 
Es sollte eine kurze Stippvisite sein. Von der Fahrt und der Hitze des Tages erschöpft lege ich mich auf die Wiese vor dem Haus, in den Schatten des Brunnens, aus dem das Wasser mit einem Eimer heraufgezogen werden muss. Eine kleine Katze schnurrt neben mir auf der Decke. Es ist alles ganz ruhig, nur aus dem Haus höre ich Stimmen. Ich beschließe, bald wieder zurückzukommen und mehr Zeit hier zu verbringen. Im September kehre ich zurück, diesmal ohne Übersetzer.
Kati sei okos, hat mir Karin gesagt. Eine kluge Frau, die früh ihre eigenen Eltern verloren hat, danach in einem Internat aufwuchs und nun mit ihren Kindern ein bescheidenes Leben führt. Auf die Ausbildung ihrer Kinder legt sie viel Wert. Da ist sie streng. Der einzige Luxus ist die Hifi-Anlage mit den schrankgroßen Lautsprechern und natürlich der Fernseher mit Satellitenempfang.
 
Mit Händen und Füßen und meinem minimalen Ungarischwortschatz, der aus etwa 60 Wörtern besteht, verständigen wir uns. Ich berichte von meiner Familie. Im Sand wird ein Stammbaum gemalt, so ist es einfacher zu erklären. Die Familie ist immer ein wichtiges Thema für die Roma. Richtig aufregend finden sie die Geschichten von Christian, dem blinden Autisten, den ich während meines Zivildiestes betreut habe. Von mir wollen sie wissen, ob ich schon Euromünzen habe und was ich davon halte.
 
Abends sitzen alle vor dem Fernseher und wenn es zu langweilig wird, dreht László die Musik kurz vor dem Ins-Bett-Gehen noch einmal auf volle Lautstärke, so dass man Angst hat, dass das Häuschen im nächsten Moment davonfliegt. Kurz darauf liegen die Jungs in dem einen Raum, die Mädels im anderen. Unter den weißen Bettlaken schauen auf der einen Seite vier dunkle Köpfe hervor, auf der anderen die Füße. Nebenan wird noch etwas getuschelt. Um 9 Uhr wird das Licht ausgeschaltet. Ich liege vor dem Fußende in meinem Bett und bin zufrieden.
 
Am nächsten Morgen stehen wir um sechs Uhr auf: Pilzesammeln im Wald. Gombasni heißt das. Im Wald ist die Frage: Jó? oder Nem jó? Genießbar oder nicht? Kati und ich reden die ganze Zeit. Die Themenpalette ist endlos. Irgendwie versteht Kati deutsch und ich ungarisch. Doch manchmal schaut sie mich auch entsetzt und verständnislos an, wenn ich etwas nicht verstehen will und sagt bunko, was soviel heißt wie ,dumm‘. Romafrauen sind sehr direkt.
Bei Kati und ihrer Familie, die für unsere Verhältnisse sehr bescheiden leben, habe ich viel menschliche Wärme und Geborgenheit gespürt und eine große Lebensfreude.
Es sind diese konkreten Begegnungen mit den Menschen, die sich in mein Gedächtnis einprägen und die für meine Arbeit wichtig sind. Mit dem Fotoessay zeige ich meine Eindrücke von den Roma. So unbekannt wie die Roma mir am Anfang waren, so vertraut und normal sind sie für mich geworden.
 
Ungarns Weg nach Brüssel ist eng verbunden mit der Bemühung um die Akzeptanz und die Integration der Roma in die ungarische Gesellschaft. Ein Weg könnte dabei sein, einander erst einmal unvoreingenommen kennen und respektieren zu lernen.
 
Reimar Ott
Januar 2002