Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Gerda Scheidler mit den Bildern : Fliehende, Atomexplosion, Hoffende

Jörg Boström

Für und wider

Kunst als Lebensprozess

Zu Arbeiten von Gerda Scheidler.

Es sind die Köpfe, welche immer wieder als Leitmotiv ihrer Bilder auftauchen zwischen den Szenen, den Tiermenschen, den Menschentieren, den Teufeln, Freunden und Künstlern.

Gerda Scheidler lebt ihr Leben doppelt. Die Kunst wiederholt und variiert ihren Schrecken, ihre Faszination, ihren Umgang mit ihrer Welt, mit der Welt, die für sie auch die politische Szene umfasst.

Köpfe tauchen auf, einzeln und im Doppelpack. Als Optimist und Pessimist, als ein Dafür und ein Dagegen, als Mensch und Teufel, als Mensch und Affe, als Verschränkung von zwei Gesichtern in einem. Wenn man die Künstlerin beobachtet, wie sie dem Besucher die Bilder vorlegt, an die Wand stellt, verschiebt, drängt sich die Verbindung ihrer Gesichtsform, ihrer Nasen und Mundlinien, ihres Profils mit den aus den Bildflächen auftauchenden Formen auf.

Jede Kunst ist zugleich Schau und Selbstdarstellung. Auch die Kunst von Gerda Scheidler.

Was sie berührt wird Bild oder Skulptur, fast magisch, aber nicht so unglücklich wie die Goldproduktion des Midas und zu Gold sind ihre Werke auch bisher nicht geworden. In Gerda Scheidlers Wohnung sind viele Bilder. Sie lehnen dicht aneinander über drei Etagen.Aus dicht ineinander verstrickten Strukturen, zackig, eckig oder an den Ecken abgerundet, abgeschliffen, tauchen Gesichter und Figuren auf in enger Verschränkung. Immer wieder sieht man die menschliche Figur verstrickt in Flammen, in Wellen, im Gestrüpp von Ereignissen, die oftmals die Dynamik von Katastrophen annehmen.

Die Figuren stürzen, klammern sich, klettern, fliehen. Die auftauchenden Köpfe starren aus gezackten Pinselwelten auf den Betrachter, grinsen, schreien, stecken die Zunge heraus. Oft erscheinen auch Doppelköpfe mit herunter- und heraufgezogenen Mundwinkeln, finster und fratzenhaft strahlend, gegeneinander gelehnt und auseinander hervorgehend.

Die Pinselführung ist kraftvoll, eckig, die Farben bauen sich auf aus heftigem Rot, Blau und Gelb. Dunkle Konturen kerben sich in die Fläche. Gerda Scheidler liebt die realistischen Expressionisten wie Baselitz, Immendorf, die Neuen Wilden.

 

 

Auf einem Bild starrt den Betrachter aus tiefstrahlendem Blau modelliert das bekannte Gesicht von Jörg Immendorf entgegen, Maske, Ikone begleitet von einem Affen. "Er liebt sie, die Affen". Gerda Scheidler hat neben Anregungen von anderen Lehrern wie Peter Sommer, Manfred Schnell auch an der Sommerakademie in Salzburg bei Immendorf studiert. Andere Porträts tauchen auf in den wie Galerielager anmutenden Räumen: Howard Kanowitz, Michael Gorbatschow.

 

Nimmt man Titel und Thematik wird deutlich, dass Gerda Scheidler sich als politischer Mensch mit ihren Bildern einmischt, reagiert und agiert. Atomexplosion, Hoffende, Verzweifelnde, Fliehende, Affen als Stimmen und Mahnung der Natur und immer wieder auch Teufel in zahlreichen Beziehungen. Diese Malerei entwickelt eine Bildsprache, welche antwortet auf die Rätsel, auf den Nonsens, auf den Wahnwitz der Außenwelt. Kriege, Katastrophen, Weltenbrüche und -brände toben sich aus auf ihren Leinwänden.

 

 

 

Abwarten, 1999

Blinder Optimist - sehender Pessimist

Kopf. Affenkopf, 1990. Optimist und Pessimist, bemalter Ton auf Spanplatte

Jörg Immendorf, 1989

 

 

„Apokalypse“ von 1998 zeigt die Fratze des Untergangs. Sie wirkt wie von einem Menschengewimmel zerfressen und baut sich zugleich aus diesem auf. Dazu zwei Figuren auf einer aufstrebenden Diagonalen, die eine strebt nach oben, die andere flieht nach unten, eine dritte klammert sich an und stürzt. Unter ihnen brennt die Welt, aus der sich die Monstermaske erhebt. „Apocalypse now“ ­ and forever. Anders als der Film bannt die Malerei den Schrecken zur unbewegten Ikone.

Wenn bestimmte Personen ins Bild kommen, sind sie in irgendeinem Sinn politisch und persönlich verwickelt. Der RAF Mann Christian Klar im Gespräch mit einem dunklen Kopf, seinem „Schattenmann“. Günter Grass neben Marcel Reich-Reynicki, der gerade dessen Buch zerreißt, eine Erinnerung auch an den Spiegel und sein Titelbild. Immer wieder Themen wie „Die Auseinandersetzung“, „Don Quichotte“, der Terror der Fans in Brüssel beim Spiel gegen Liverpool 1985 und das große Fragezeichen zur Wende 1990 „Wir sind das Volk?“. Wer ist wir? Gerda Scheidler ist nicht nur eine politische Künstlerin, sie ist auch ein politischer Mensch. Als ich zuletzt mit ihr spreche, steht für den nächsten Tag die Demonstration der NPD gegen die Ausstellung über die „Verbrechen der Wehrmacht“ in Bielefeld in ihrem Stadtteil und vor der Tür. Bielefeld hat als einzige deutsche Stadt diese Ausstellung im konservativem Stadtrat abgelehnt und die Zuschüsse gestrichen. Nun muss es sich der Umarmung durch die Neonazis erwehren. Der OB kann auch das - in einer Rede wenigstens. „Die Auseinandersetzung“ heißt ein anderes Bild. In der Tat und in der Malerei, Auseinandersetzungen sind immer wieder Scheidlers Inhalte. Im Doppelbild „Optimist und Pessimist“ ist der erstere blind, während der zweite mit geöffneten Augen aussieht wie der Teufel, der immer wieder durch ihre Bilder spukt.

Gerda Scheidler stammt aus einer künstlerischen Familie Die Kunst hat sie niemals losgelassen. Tochter eines Musikdirektors, studierte sie Kunst bei Professor Zabad in Berlin 1938 und 1939 bei Professor Jäckel, erkämpft sich als frei schaffende Künstlerin ihr Leben auch mit dem Verkauf von Puppen und gewebten Wandbehängen. Die märchenhafte Puppen tauchen in monströser Verwandlung als Teufel und Affen immer wieder in ihren Bildern auf, die dekorativen Vorhänge werden zu Flammenmeeren und Sturmfluten. Immer wieder gestaltet sie Skulpturen ­ auch diese oft mit dem scheidlerschen Doppelsinn. Sie selbst verwandelt sich in eine Kunsterzieherin an Bielefelder Schulen von 1956 ­ 77. Danach studiert sie weiter: 1978 an der Sommerakademie in Trier bei Professor Krämer, an der Kokoschka Schule in Salzburg 1981 bei Professor Harald Kanowitz und 1989 bei Professor Jörg Immendorf. Beide hat sie wiederholt in ihre Bilder gesetzt. Nicht verlegen um Ansprache, wendet sie sich einmal an Immendorf wegen einer Kritik: „Sag doch mal was!“ „Wenn du Scheiße baust, komm ich wie ein Geier ­ Mach nur so weiter ­ Mädchen!“ So ist das. Kunst kann jung halten. Ohne Kunst will sie nicht „auf der Welt sein“. Sie will den Menschen zeigen, was sie denkt und auch andere zum denken anregen. Gerda Scheidler tut das in einer immer weiter wachsenden Reihe von Ausstellungen. Künstler wie Immendorf, Baselitz, Salomon, Fetting Lüpertz schätzt sie sehr und betreibt doch weiter ihre eigene Bildsprache ­ auch in ihren Materialbildern und Skulpturen. Wie viele Frauen möchte sie jünger scheinen als sie ist und schafft auch das. Ich weiß, wenn ich rechne ­ aber sehe nicht, dass sie ein wenig älter ist als 85 - um wie viele Jahre bleibt ihr Geheimnis.

 

Apokalypse, 1998 Meinungen


Wende, 1990

Ost und West - Deutsche Einheit 1991

Howard Kanowitz, Salzburg 1981

Affentanz 1989