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Jörg Boström

Die „enthüllende Kraft der Kamera“(Karl Pawek)

Günter Zint: Zur Bildsprache eines engagierten Bildjournalisten.

Zunächst zum Begriff: Engagierter Bildjournalismus - was ist das? Nach Auskunft durch eine Enzyklopädie bedeutet Engagement eine weltanschauliche Bindung an etwas, ein Gefühl der inneren Verpflichtung zu etwas - und persönlichen Einsatz. Sich enga-gie-ren heißt weiter, sich binden, verpflichten und dabei einen geisti-gen Standpunkt beziehen. Andrerseits bezeichnet man mit Engagement auch die Indienstnahme eines Schauspielers, Schofförs, Musikers. Es bedeutet also auch feste Anstellung, Vertrag. Der entschei-dende Unterschied liegt in dem Wort "sich". Wer sich en-gagiert, ist nicht weiter zu engagieren, zu kaufen, zu beauftragen, von außen und von anderen in die Pflicht zu nehmen. Dieser Begriff des Engagements, den Jean Paul Sartre in die Literatur und in die Philosophie des Existentialismus einführte, ist eng und grund-sätzlich verbunden mit dem der Freiheit der Wahl, der persönli-chen Entscheidung und dem damit verbundenen Risiko, mit der weitgehenden Identifikation der Person mit einer Sache, für die sie sich engagiert.

In der Theorie des Realismus, welche als Widerspiegelungstheorie auch ihrer politi-schen Dimension wegen gelegentlich zur Erläuterung fotografi-scher Prozesse verwendet wird, gibt ein weiterer Gedanke über realistische Bilder als Form der Darstellung des Wünschbaren Anhaltspunkte auch über die Verwendung fotografischen Materials . Realität werde im realisti-schen Bild nicht einfach wider-gespiegelt, sondern zeige zugleich in einer Art Vision die Tendenz seiner weiteren Entwicklung.

Es wird zur Zeit gestritten darüber, ob die Fotografie als Dokument überhaupt noch tauge an-gesichts der Manipulationsmöglichkeiten durch den Fotografen, insbesondere aber durch Redakteure, Texter und Grafiker. Verstärkt hat sich die Argumentationskette der Fotoagnostiker, wie ich sie nennen möchte, durch die neuen Möglichkeiten der Fotofälschung, durch Montagen mit dem Computer, welche tech-nisch nicht mehr so leicht nachweisbar sind. Wenn man die Fotografie, worauf auch Herbert Molderings hinwies, weniger den Künsten, als den Abklatschverfahren zurechnet, wird gerade der Dokumentcharakter des Mediums besonders zweifelhaft. Eine po-litische Szene, eine ge-sellschaftliche Entwicklung ist nicht ab-zuklatschen wie die verdienten Vorder- und Hinterbacken der handelnden Personen, und die wären selbst bei sorgfältigem Abklatsch in Bezug auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und Prozesse sicher nicht sehr aussagefähig.

Es ist gerade der Traumcharakter des Mediums, seine visionäre Kraft, welche ihm seine besondere Beziehung zur Wirklichkeit erst ermöglichen. Dokumentiert werden weniger Fakten als Gefühle, Wünsche, Meinungen, und das geschieht unter Verwendung von konkretem, visuellem Material. Insofern sind solche Fotografien weniger Dokumente sogenannter Tatsachen als solche subjektiver Sichten.

 

Sie sind Zeitdokumente in einem um-fassende-ren Sinne als es die mechanische, visuelle Notiz von Ereignissen sein kann. Sie dokumentieren mit den gezeigten Szenen und Figuren zugleich Gedanken, Sehnsüchte und Ängste der Zeit und ihrer Autoren. Zur Klärung der fotografischen Szene dieser Zeit, in der die meisten Fotografien von Günter Zint entstanden, ist die Erwähnung eines weiteren Begriffs hilfreich: "Medienoptimismus". Man erhoffte sich von ei-nem ope-rativen, das heißt eingreifenden, auf politische Wirkung bedachten Einsatz von Flugblättern, Fotografien, Filmen, Zeitungen über eine Veränderung des öffentlichen Bewusstseins auch eine Umwälzung der Verhältnisse. Die Manipulationstheorie auf der Gegenseite wiederum gab die Vorstellung wieder, dass politisches Bewusstsein und damit auch entsprechen-des Handeln durch Massenmedien wesent-lich beeinflusst werden, die ihrerseits in der Verfügungsgewalt wirtschaftlich Mächtiger sich befinden und auch in ihrem Sinne gelenkt werden. Hans Magnus Enzensberger untersuchte die Funktionsweise einer "Bewusstseinsindustrie".

Der Slogan der Berliner Protestbewegung "Enteignet Springer" und ihre buchstäblich umwerfenden Aktionen waren nur ein Ausdruck dieser Ortung des politischen Gegners in der Medienlandschaft. Der Gedanke, dass staatseigene, nicht kapitaleigene Medien die Thesen der Manipulationstheorie weit kräftiger stützen könnte, war damals nicht geläufig, auch wenn Beispiele aus den soziali-stischen Ländern lehrreich zur Verfügung standen. Hier erfuhr der Medienoptimismus eine ironische Verkehrung, indem aus dem eige-nen Lager die Medien nur Positives zu berichten wussten, ihre Kritikfähigkeit verkümmerte und ihnen als bevorzugte Aufgabe die Verbreitung von Optimismus zugewiesen wurde. In den westlichen Ländern bildete sich als Alternative zur Bewußtseinsindustrie der Medienkonzerne das Konzept der Gegeninformation, der Gründung und Belieferung "eigener" Medien mit Texten und Bildern nach "eigener" Sicht auf Dinge und Welt. Medienoptimismus bedeutet in diesem Verständnis die Hoffnung, durch alternative Information, durch den Einfluss der Medien, die man selbst gestaltet, Einfluss auf die politische Entwicklung im eigenen Land nehmen zu können.In diesem Zusammenhang darf ich, als historischen Rückblick, der ja unter dem Titel „Bild und Gedächtnis“ heute stattfindet, einen fast vergessenen Autor zitieren, der für die Medienarbeit dieser Zeit nicht ohne Einfluss war. Ich meine Karl Marx, der forderte, man müsse den Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewusstsein des Druckes hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert, man müsse die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen, indem man ihnen ihre eigene Melodie vorspielt. Es war dies für eine längere Zeit eine Zeit eine Kurzform des Konzepts für einen engagierten Realismus, nicht nur in der Fotografie.Die „enthüllende Kraft der Kamera", von der Karl Pawek, ein weiterer Medientheoretiker und Herausgeber der einflussreichen Zeitschrift Magnum, in einem eher metaphysisch gedachten Erkenntnisinteresse schrieb, wird von Fotografen wie Günter Zint als politisches Instrument benutzt.

Erfahren hat man zuerst von ihm als dem Fotoreporter, der häufig verprügelt wird - von der Polizei.

Ich jedenfalls sah ihn zuerst auf einem Foto auf dem Vorblatt des „Spiegel“ - das Foto konnte nicht von ihm sein - er lag am Boden und wurde von Polizisten getreten - insbesondere seine Kamera. Man sieht, auch die Polizei begriff die Fotografie als Waffe, allerdings als die des Gegners.

„Um die kollektiven Leidenschaften zu beherrschen, muss man sie in der Tat leben und wenigstens relativ mitempfinden. Während er sie empfindet, wird der Künstler von ihnen verschlungen. Daraus folgt, dass unsere Zeit eine solche der Reportage eher als des Kunstwerks ist."

Albert Camus, Der Mensch in der Revolte

Zint könnte so etwas sein, ein verschlungener Künstler. Er lebte in Hamburg, heute in einem Bauernhaus bei Worpswede. Seine neuen Bilder aus dieser Landschaft kenne ich noch nicht. Diese Landschaft ist kunsthistorisch vermint - Otto Moderson, Paula Moderson-Becker, -ich bin gespannt, was er daraus macht. die neue Schule von Worpswede?

Seine St.Pauli-Bilder zeigen Nachbarschaft. Sie sind fast Familienbilder.

Er lag schon immer ein bisschen verkehrt zur Herrschaft, als Fotograf und als Sohn, Lehrling, Redaktionsvolontär, angestellter SPIEGEL- und STERN-Fotograf. Die Linke, die ihn als „Polizeifotografen" akzeptiert, sieht seinen „Frontkämpfereinsatz", aber nicht seine Bilder. Die Linke hat es immer noch schwer mit Bildern. Zint liegt quer auch zur Fotoszene. Um den politischen „Querkopf" kümmert sich immer wieder die Polizei.Wann endlich kann in „diesem unserem Land" ein Bildjournalist frei arbeiten, ohne durch die Ordnungskräfte verprügelt zu werden, ohne dass ihm Filme von diesen Ordnungskräften entwendet werden, weil jeder prügelnde Polizist das persönliche Recht am Bild als Privatrecht reklamiert, ohne dass der Bildjournalist zum Spitzel gepresst wird, indem man seine Arbeit als „Beweismaterial" beschlagnahmt? Welche Ordnung wird damit aufrechterhalten? Wann endlich gibt es bei uns ein Zeugnisverweigerungsrecht auch für den fotografierenden Journalisten, wie es seine schreibenden Kollegen längst besitzen? Die Abhängigkeit von den Redaktionen und ihren Interessen wird damit nicht ausgeräumt, aber wenigstens könnten staatliche Eingriffe in die Bildberichterstattung eingeschränkt werden. Wie gesagt, die Polizei kümmert sich liebevoll um Zints Fotoarbeit. Die Fotokunstszene andererseits hat ihre eigenen Probleme. Da kommt Zints Fotowelt nicht vor- noch nicht.

Verhauen werden allein ist noch kein Verdienst, es zeigt vielleicht nur, dass man mit den Beinen langsamer ist als mit der Kamera. Zint macht aber die Frontkämpfermentalität des Reporters zur politischen Methode. Er streitet mit Bildern. Während die großen Medien Fotografien vielfach als Reizmittel verwenden, wobei die epische Kraft der Kamera auf schrille Schreie reduziert wird, weitete Zint seine Mittel aus. Er macht Bücher. Da Fotobücher auf ein politisch beinahe neutralisiertes Kulturgelände treffen, eben die Fotokunstszene, macht er Taschenbücher. Sein Werk „Gegen den Atomstaat" zum Beispiel war eine Ohrfeige auch für den Buchhandel, für den Medienmarkt und für den Staat der Bundesrepublik. Es kostet DM 2,90 und enthält Bilder, beinahe nur Bilder.

In der Gestaltungspsychologie des Films geht man davon aus, dass der Betrachter entsprechend seiner Lesegewohnheit bei Texten von links nach rechts mitempfindet und von der Gegenseite Antipathie entwickelt. Auf diesem Foto also ist der Fotograf und mit ihm der Betrachter auf der Seite der mutigen kleinen Dame.

Nachdem in den Schulen die Prügelstrafe abgeschafft wurde, mühsam genug, wird hier sichtbar gemacht, dass sie bei politischen Stellungnahmen gegen Atomkraftwerke und für die Landschaft sehr wohl noch angewendet wird, dass auch unser Wohlstand sich auf Gewalt gegen Menschen und Lebensräume gründet.

Dies mag eine grimmige, überzeichnete Satire sein, unrealistisch ist sie so wenig wie Daumiers Darstellung der französischen oder Goyas finstere Szenen der spanischen Gesellschafts- und Staatsverhältnisse. Wenn es Bildjournalisten gelingt, Entwicklungstendenzen herauszufotografieren, in Bildern Bedrohungen sichtbar zu machen, betreiben sie ihr Metier in Funktionen, die man sonst nur der Kunst zubilligt.

 

„lch glaube, „Menschen am Fluss“ ist mein schönstes Buch", sagt Günter bei einem Besuch. Ich beobachte erstaunt, wie der „Kamerakämpfer", der „Anti-Atom-Fotograf", der „spätestens von den Stiefeln der Polizei zum Sozialismus getreten wurde" (SPIEGEL), die „Schönheit" sogar in den Mund nimmt. Was ist nun daran schön? Diese Bilder und Texte sind moderne Landschaftsmalerei. Auch sie haben die Melancholie eines verlorenen Kampfes. Der Fluss, besser das Wasser, wird dargestellt als lebendiges Wesen, bewohnt, befahren, eingesperrt, vergiftet. Wenn es heute keine Landschaftsfotografie mehr gibt, die nicht ästhetisiert, auf Linien-, Struktur- und Flächenspiele einödet, dann liegt das zum Teil auch daran, dass Städter sie fotografieren. Zint ist Städter, aber er stammt aus der Fuldalandschaft, und als Wahlhamburger hat er auch sonst einen „Wasserkopf". Was er sieht, mit einem Abstand von mehr als 20 Jahren, ist Heimat in Agonie. Seine Reise in die eigene Vergangenheit der Fuldaauen ist die Suche nach den Quellen, nach den Ursachen ihrer Zerstörung, ist rebellische Nostalgie. Heimatkunde als Lehrbuch für den Widerstand.

In drei Schichten aufgebaut das Foto: Altölfässer bis zur Bildmitte, dann je ein Viertel tiefgebaggerte Böschung und ein Bauernhof. Landschaft „im Fluss": Die Fässer werden zugeschüttet, die Zeituhr ist gestellt. Die Perspektive als raumgestaltendes Mittel wird bei Zint auch zum Zeitfaktor und zur Ursachenermittlung: durch tote Bäume über den Flusslauf hinweg auf das Kraftwerk gesehen oder über die von Bulldozern planierte Böschung auf Bauernhöfe und Landschaft.„Ein katholischer Geistlicher segnete das Bauvorhaben und las aus der Bibel vor." Im Hintergrund ein Transparent: „WIR TRAUERN UM DAS SULZBACHTAL". Zint erzählt mit der Kamera und mit Text. Die Montagetechnik seiner Bilder, das Zusammenfügen gegensätzlicher Elemente zu einer Aussage, stellt Landschaft im Prozess, im Zerstörungsprozess dar.

Der Komplexität der Erlebniswelt, der widerspruchvollen Inhalte, dem Gegeneinanderwirken der Faktoren entspricht die Reportage, die epische Form der Fotografie.

Ein anderes Bild zeigt eine lang gestreckte Flusslandschaft, das Fliedetal bei Fulda, der Fluss ist mehrfach überspannt von Landstraße, Bundesstraße, Autobahn und Schnellbahnstrecke im Bau. Man erlebt auf diesem Foto, wie sich der Horizont versperrt. „Dies ist der Rückblick auf eine Landschaft meiner Kindheit." Zwischen betonierter Vergangenheit und verstrahlter Zukunft bleibt die Kamera eine verzweifelte Waffe und die permanente Rebellion auch ein Mittel wenigstens psychischer Selbstbehauptung. Mir fällt ein Wort dazu ein: „Zeitzünderfotos".

Ein Beispiel dafür ist ein anderes Foto, das eine Straßenlandschaft zeigt, aus der Sicht des Autofahrers, im Vordergrund ein Schacht, rund wie ein Kanaldeckel, aber es ist keiner. Die Straße wird erneuert. Wie schön! „Bei dieser Gelegenheit baut man dann gleich Schächte für Atomminen mit ein." Das Pulverfass als Idylle. Auch die Menschen am Fluss treten in den Vordergrund. Sie gehören zur Landschaft und sie sind zugleich Erzähler. Ihre Texte ergänzen die Fotografie.

Verschlüsseln, verrätseln ist Zints Sache nicht. Der harte Zugriff seiner Bilder, die „Naivität" in der Anwendung der Bildsprache begründet sich darin, dass er weiß, was er sagen will und entschlossen ist, deutlich zu sprechen. „lch bin nicht objektiv." Er ist engagiert, besser „von den kollektiven Leidenschaften verschlungen", wie Camus es formuliert hat.

Seine Kamera scheut nicht das Banale, und so findet sie die schreckliche Schönheit unseres alltäglichen Kampfes um ein sinnvolles Uberleben.

Wenn man beobachtet, wie oft der Bildjournalismus zur Dekoration unserer Vorurteile verkommt, vielfach zur Kommunikationswerbefotografie wird, die sich aber nicht als solche zu erkennen gibt, wenn man die Macht des Konsumjournalismus mit einbezieht, der den Schrecken als Krimi verkauft -, „Schmeißfliegenjournalismus" sagt Zint dazu -, wenn man den Einfluss dieses Journalismus auf unser Realitätsverständnis in Rechnung stellt, die Perfektion der „Bewusstseinsindustrie" (Enzensberger) berücksichtigt, dann kann man Fotografen wie Zint nur wenig Chancen einräumen. Er hat sich selbst längst der Domestizierung entzogen durch den Weg eines eigenen Vertriebs, einer eigenen Agentur, eigener Bücher usw. Seine Bilder sind sprungbereit sortiert in Archivschränken der von ihm gegründeten PAN-FOTO Agentur, bald laufen sie als Stichworteingabe über den Monitor oder Drucker ihrer neuen EDV-Anlage. Immer auf dem Sprung zu überleben.

„Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom" meint der Elbfischer Heinz Oestmann.

Wenn die Fotografie nicht nur abbildet, sondern Positionen, persönliches Erleben spürbar, Bedrohungen sichtbar zu machen, betreibt sie ihr Metier in Funktionen, die man sonst nur der Kunst zubilligt.

„Kunst ist ein Kassandra-Ruf", meint zum Beispiel der Dichter Gottfried Benn. Kassandra, die Tochter des Trojanerkönigs Priamus, wie wir von Homer erfahren, war fähig, gefährliche Entwicklungen vorherzusehen und die Menschen zu warnen, allerdings ohne Gehör zu finden. Der Kassandraruf verhallt letztendlich wirkungslos. Aber sie resigniert nicht, sie fährt fort mit ihren Warnungen, sie gilt als verrückt, als sie den Untergang Trojas verkündet.

Auf einem andern Bild sieht man die Demonstranten wie Vögel in den Bäumen, sie scheinen zu schweben und zu hüpfen in den Zweigen, während sich die Polizei am Boden mit gepanzertem Fahrzeug und Leiter auf die Jagd begibt.

Zints Fotografie nun im Rückblick und in der Übersicht, das ist auch Geschichte, der BRD, des Untergrunds, der Revolten, der Erotik, des Bildjournalismus und des Günter Zint, Arbeit eines „Gebrauchsfotografen", wie er sich selber nennt. Der Kämpfer mit der Kamera, gegen den Atomstaat, gegen den Raketenaufbau, gegen die Zerstörung der Landschaft, gegen Autoritäten jeder Art kämpft auch gegen die Verdrängung der Sexualität. Er leckt nicht seine Wunden, er wird zum Eulenspiegel, zum Satiriker, zum erotischen und politischen Utopisten, zum Anarchisten aus Instinkt.Ich besuchte ihn einmal wieder, als er dabei war, den von ihm gegründeten Doc-Verband aufzulösen - zum wievielten Mal? Immer gründet er Neues, schafft Altes ab, gruppiert, modelt um. Noch im Hamburger Büro zeigt er mir Teile der zusammengestauchten Sammlung des auch von ihm gegründeten St.Pauli-Museums. Gitarren, Uniformen, Plakate, Bilder, Fotografien und immer wieder Fotografien.

Dann Bilder zum Buch „Die weiße Taube flog für immer davon...'' Es ist wie eine Studie der Nachtseite von St. Pauli geworden, respektlos und liebevoll, nah, sehr nah. Hier mischen sich Trauer und Satire, Wut und Solidarität mit allen Menschen auf der Verliererseite.Auf den abgebrannten Balkenresten des Nachtclubs „SALAMBO" sitzt ein nacktes Mädchen, Weltuntergang und Hoffnung, Eva im abgebrannten Paradies, wieder ein Stück Welttheater im Banalen.

„Mädchen hab ich auch gern fotografiert, natürlich musste ich Mädchen fotografieren, aber die Redaktionen wollten meinen Typ nicht," meint Günter Zint. Die stolze Schwangere ist Zints Frau und zugleich längst Bildikone. Erst kürzlich brachte der Spiegel eine Nummer zur neuen selbstbewussten Mutterschaft. Ein Thema, das Zint schon fast 20 Jahre zuvor fotografisch geprägt hat, als die Frauenemanzipation noch auf dem Gegenkurs war. Die Aktfotografie kennt oft nur den modisch gestylten Typ. Die Mädchen auf den Bildern von Zint könnten nebenan wohnen oder bei uns. Sie sind alltäglich. Das ist ihre Schönheit. Es gibt kaum realistische Aktfotografie, hat man gesagt. Bei Zint gibt es sie.

„Hier haben wir die Boulevardpresse verarschen wollen: eine aufgedonnerte WG, Nackte wälzen sich, der Joint kreist. wie der Bürger sich eine Kommune vorstellt, das wollten wir auf die Schippe nehmen, aber das geht nicht. Sie haben das als journalistisches Foto genommen und veröffentlicht. Satire wird nicht mehr möglich bei soviel Dummheit."

Zint und die Mauern. Es gibt sie überall und Günter kann auch mit der Kamera nicht von ihnen lassen. Er zerbröselt sie mit ironischen Zutaten, wütenden Inszenierungen und steifen Paraden, Mauern aus Stein, aus Menschen, aus Draht.

Zuletzt noch ein Hinweis auf die historische Dimension seiner Fotografie. Sie hält ja den Augenblick fest und der steht dann versteinert in einer immer neuen Gegenwart. Die Beatles hatte ich schon gezeigt, noch nicht aber Stils aus dem Film von Tony Richardsen, nicht von der historischen Begegnung von Günter Wallraff, der für eine Zeit das Leben eines türkischen Arbeiters führte und Franz Josef Strauss, und nichts von dem engagierten Vorleben unseres gegenwärtigen Bundeskanzlers. Aber heute und hier geht es um die erzählerische Kraft der Fotografie, nicht nur um Brockdorf und Häuserkampf, um Szene und Alltag in einem Stadtteil, der wie man sagt, in der Welt bekannter ist als Hamburg, das irgendwo bei St. Pauli liegt.Und heute liegt St. Pauli, liegen Brockdorf und Mörfelden bei Bielefeld.

Lansen, 20.10.2001

Jörg Boström