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Jörg Boström

Helfried Strauß - Jahreszeichen

Ein Kalender mit Fotografien, paarweise gegeneinander gestellt, zeigt das Leben als Fundstück, zeigt Fundstücke als Zeitstufen, als Monatsblätter. Hier wird in einer Zeichensprache vorgetragen, die zugleich vermittelt und verschlüsselt. Die doppelte Deutung der Dinge als Objekt und Bild wird weiter gespiegelt durch die Gestaltung als Bildpaar, und das noch in der Gegenüberstellung als schwarz/weiße und farbige Sicht in einer Drucktechnik, welche dem Original bis zur Verwechslung zu gleichen scheint. Die bildnerische Arbeit von Helfried Strauß entwickelte sich im Rahmen und Umfeld der Leipziger Schule. Hier gestalteten Fotografen eine Bildsprache, die den Blick zugleich öffnet und verstellt, eine Mehrdeutigkeit, die den Betrachter auf sich zurückwirft, eine visuell klare Sprache, welche die Gegenstände zu Gedankenträgern macht, zu symbolischen Zeichen, ohne eine eindeutige Entschlüsselung zu erlauben. Der Betrachter soll sehen und zugleich in Verbindungen denken. Das Vorliegende Kalenderwerk arbeitet mit diesen Gestaltungsmitteln.

Im Mai sind zwei steinerne Heiligenfiguren zu sehen, an die Wand geheftet über zwei abgelegten Herrenhüten einem Kirchengestühl von Halberstadt und dies gegenüber einer über die Rücken gezeigten Neujahrsprozession in Hanoi. Wie übersetzt man eine Bildsprache, die in geflüsterten Dialogen zwischen formaler Klarheit und symbolischer Rätselsprache changiert? Die Elemente sind zusammengefügt aus unterschiedlichen Serien.

Die Serie Sanssouci zeigt sinnlich erscheinende Ausschnitte menschlicher Körper als Steinskulptur. Erotik und Verfall verdeutlicht am plastischen Kunstwerk. Im Augustblatt wird der erotische Griff in eine weiche Hüfte gespiegelt mit einer sinnlichen Rückensicht aus der Antike, Stein gewordenes Fleisch und ins Fleisch zurück fotografierte Skulpturen aus Samos und Sanssouci. Hier tauchen die Bildmotive eines konzentrierten Fotografenlebens in immer neuer und überraschender Kombination auf, welche den Fluss der Zeit zugleich anhält und dabei den Verfall verdeutlicht, an Grabsteinen, an ausgewachsenen und ausgewaschenen Naturresten, an abgewetzten Plakatcollagen. Neben die Kombination von Schwarz/Weiß und Farbe tritt die Verbindung unterschiedlicher, oft weit entfernter Zeiten und Räume. Dabei kann der Betrachter die Unterschiede im Ausdruck und in der Beziehung zur optischen Realität spüren, wobei die Farbe mehr Wirklichkeitsnähe zu suggerieren scheint und der Fotograf diese durch eine stärkere formale Abstraktion ins Bildnerische zurückholt.

Berlin und Saßnitz, ein widerborstiger Demonstrant späht unter dem Regenschirm- und Fahnenwald auf den Betrachter am 1. Mai 1984, während auf der linken Gegenseite auch Fahnen flattern, Fischerwimpel, schwarz wie Trauerfahnen im farbigen Foto, hinter welchen verdeckt rote Wimpel aufleuchten und listig versteckt der beginnende Rest einer bundesdeutschen Dreifarbigkeit - 1997 im Hafen von Saßnitz.

Eine Bildfolge im Werk von Strauß für den Dichter Aitmatow stellt Foto- und Steinporträt vor die Augen auf den Gräbern im Friedhof von Moskau. Ein weggestellte, verdecktes Akademikerbild daraus steht neben einer Modepuppe ohne Kopf aus Hanoi - auf dem Novemberblatt. Wer sich an diesen für alle verlorenen Krieg erinnert, kann es tun. Der Betrachter blickt und denkt im Spagat, seine eigene Sicht wird provoziert, seine Fragehaltung einbezogen, Deutungen sind möglich, eine eindeutige Antwort ist nicht vorgesehen. Eine bildnerische Technik, die den Augenschein reproduzieren kann, die Fotografie, geht hier dazu über, die Augen als Instrumente des Denkens und der Imagination zu bewegen, sie umzuwandeln in Projektoren der Sinngebung. Die Drucktechnik entwickelt sich soweit, dass eine fast vollständige Übereinstimmung mit dem fotografischen Original herbeigeführt wird, insbesondere in der Schwarz/Weiß-Wiedergabe, welche auf einer Übernahme der Gradation und Tondichte der Fotografie basiert. Die Bildwiedergabe wird immer genauer, die Beziehung der Bilder zur Realität immer zweifelhafter. In dieser Zeitarbeit wird das montierende, zusammenfügende, konzentrierte und assoziative Bilddenken angesprochen.

Lansen, 30.10.2001

Jörg Boström

 

Der Kalender "stock und stein -photographien von helfried strauß" wurde herausgegeben von :

Medien Profis Leipzig . Fotorealistischer Druck mit MProfiPlex und MProfiColor, www.medienprofis-leipzig.de