Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Günter Zint

Änderung im Berufsbild des Fotojournalisten durch die digitale Technik.

1954 bekam ich zu Weihnachten eine Kamera geschenkt. Es war eine AGFA ISOLA die ich heute noch besitze.Das Geschenk meines Vaters war nicht ganz selbstlos, denn er verband damit die Hoffnung, dass ich ab sofort meine Finger von seiner Rolleiflex und Leica lasse. Hinter dem Kleiderschrank meines Zimmers richtete ich ein sehr primitives Fotolabor mit zum Teil selbstgebastelten Geräten ein. Ich werde nie vergessen wie meine ersten Fotos im Entwickler langsam auf dem Fotopapier erschienen und ich gestehe dass mich dieser Vorgang bis heute fasziniert. Die Fotos die ich hier in der Ausstellung zeige, sind alle auf konventionellem Bromsilberpapier vergrössert. Auch im späteren Berufsleben war für mich das Labor immer ein Raum mit ganz besonderer Bedeutung. Nach einem hektischen Termin oder einer anstrengenden Reportage, kam ich in der Dunkelkammer wieder zu mir. Ich war für 2 bis 3 Stunden mit meinen Fotos alleine und konnte in Ruhe darüber nachdenken, welches Bild die darzustellende Situation am besten beschreibt. Ich fuhr sozusagen die Ernte meiner Bemühungen ein. Bei diesem Prozess trennte sich die Spreu vom Weizen, um bei dem Erntebegriff zu bleiben.

Bei der Vorbereitung zu diesem Fotosymposium fiel mir auf, dass sich in keinem meiner inzwischen über 40 Büchern und in keiner meiner Ausstellungen ein digitales Bild befindet, obwohl ich seit über fünf Jahren auch digital fotografieren muss. Bei wichtigen Reportagen habe ich immer noch eine Kamera mit einem Schwarz/Weiß Film dabei. Kürzlich brachte ich einen jungen Fotoredakteur in große Verlegenheit als ich ihm einen Tri-X Film auf den Schreibtisch legte. Dieser Film fuhr mehrmals per Taxi durch Hamburg, bis ein fertiges Bild auf dem Scanner landete. Kaum eine aktuelle Redaktion betreibt noch ein Fotolabor. Professor Knut Krusewitz hat einige meiner Fotos als Ikonen bezeichnet. Ich bin sicher diese Ikonen wären im Zeitalter der digitalen Fotografie untergegangen und ohne Beachtung in den verschlungenen Wegen der Datenträger verschwunden. Das Foto von der Vorsitzenden der BI Lüchow-Dannenberg, die misstrauisch etliche sogenannte Ordnungshüter betrachtet, hat der Redakteur im aktuellen Dienst auf dem Kontaktbogen übersehen. Auch die jungen Menschen, die sich an einen Baum klammern um ihn zu retten, wurden von mir erst in einer ruhigen Stunde im Labor entdeckt. Anfang des Monats hatten wir ein Treffen der Kolleginnen die in der dju (ver.di) organisiert sind. Dabei haben wir festgestellt dass sich in den letzten Jahren die Anzahl der Fototermine, die ein Pressefotograf am Tag zu bewältigen hat, mindestens verdoppelt hat. Sicher auch eine Folge der neuen Digitaltechnik. Eine Kollegin berichtete dass sie an einem Tag 15 Fototermine zu bewältigen hatte. Es ist klar dass dieser Termindruck auch Auswirkungen auf die Qualität der Fotos hat.

Mit der Digitalfotografie ist es wie mit fast allen Neuerungen. Sie können segensreich wirken, aber auch missbraucht werden. Die Verleger sehen in erster Linie den Kostenfaktor. Laufende Materialkosten fallen weg und die Übermittlung der Bilder ist heute per Handy oder Internet möglich. Fahrtspesen und Bearbeitungskosten sind gesunken. Die Honorare leider auch . Ein weiterer Nachteil der neuen Technik ist, dass die Möglichkeit der Fälschung und der Bilderklau sehr einfach geworden ist. In der Werbung ist so gut wie kein Foto mehr unbearbeitet und in der Pressefotografie ist das Nachbearbeiten zu einem regelrechten Sport geworden. Ich habe in FOCUS Bilder entdeckt die bis zu 20 Autoren hatten. Ohne Unrechtsbewusstsein machen die Finisher was machbar ist. Dass sie dabei gegen den §13 des Urheber Schutzgesetzes verstoßen, der eine Veränderung des Werkes ohne Zustimmung des Urhebers verbietet, ist ihnen nicht klar. Wir setzen groþe Hoffnungen in die Novellierung des Urhebergesetzes, die noch in diesem Jahr vom Bundestag beschlossen werden soll. Darin wird grundsätzlich festgelegt, dass jede Urheberleistung eine entsprechenden Vergütung verdient. Bei einer Nutzung ohne vorherige Genehmigung ist automatisch das doppelte Honorar fällig. Meiner Meinung nach wird der Bilderklau aber trotzdem weitergehen, da die Verleger davon ausgehen, dass nur ca. 10 Prozent der unautorisierten Nutzungen von den Urhebern entdeckt werden. In diesen Fällen zahlen sie dann klaglos den Aufschlag. Trotzdem kämpft die Verlegerlobby zur Zeit mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen. Als schärfste Waffe muss wiedereinmal die angebliche Arbeitsplatzgefährdung herhalten.

Alle Fotografen einer großen deutschen Agentur bekamen in den letzten Tagen Post. Sie sollen künftig für jedes nicht digital gelieferte Foto 30.DM Bearbeitungsgebühr bezahlen. Nachdem sich Protest formierte kam ein weiterer Brief aus dem ich unautorisiert (aber anonymisiert) zitieren möchte:

Liebe Kollegen,

......natürlich möchten wir die Kommunikation mit Euch gerne aufrecht erhalten. Wir bitten allerdings für Euer Verständnis, dass wir aufgrund des zunehmenden wirtschaftlichen Drucks den Austausch von Informationen straffen bzw. optimieren müssen. Unser Konzept für das kommende Jahr sieht vor, die Bilder hauptsächlich digital zu vertreiben. Da die Frage nach den Gebühren für die Digitalisierung der Bilder auftauchte, möchten wir gerne dazu Stellung nehmen: Wir berechnen DM 30,- für das Digitalisieren Eurer Bilder, weil dies einfach ein Service ist, der Arbeitszeit von uns bindet und den wir nicht mehr kostenlos zur Verfügung stellen können. Es gibt keine Veranlassung an dem Berechnungsschlüssel etwas zu ändern, weil wir durch den Vertrieb der Bilder in digitaler Form nicht weniger Arbeit haben, sondern uns lediglich vor neue Aufgaben gestellt sehen, die sehr zeit- und oft auch kostenintensiv zu lösen sind. Wir sind überzeugt davon, dass Ihr mit uns einer Meinung seid, dass die Zukunft des Bildes 'digital' sein wird und wir aus diesem Grund auch nur noch digitale Bilder archivieren können, da es sich nicht rentiert, ein doppeltes - analoges und digitales - Archiv zu führen. Es tauchte außerdem die Frage auf, warum es nicht sinnvoll ist, dass die freien Fotografen selber noch einen Auftritt im Internet haben und gleichzeitig von XYZ dort vertreten werden. Wir halten es einfach nicht für sinnvoll, sich gegenseitig in demselben Portal Konkurrenz zu machen. Für Kunden ist es verwirrend, wenn ein Fotograf einmal bei XYZ auftaucht und dann zusätzlich Bilder selber anbietet. Es macht einfach einen unprofessionellen und unübersichtlichen Eindruck, den wir vermeiden möchten.

Nun habe ich die Nachteile der Digitaltechnik hervorgehoben. Die Vorteile die sie uns bringen kann will ich aber nicht aus den Augen verlieren. Über weltweite Ereignisse sind wir innerhalb von Minuten informiert. Der katastrophale Anschlag vom 11.September wurde sogar live rund um die Welt übertragen. Ist das ein Vorteil, dass wir zeitgleich jedes Unglück auf dieser Erde verfolgen können? Das Fernsehen ist nicht aus unserem Leben zu verbannen. Den Bilderkonsum meiner Kinder kann ich nicht ständig kontrollieren. In den letzten Wochen musste meine Frau und ich viele Fragen unserer verunsicherten Kinder beantworten. Das war nicht leicht.

Der Vietnamkrieg wurde maßgeblich durch Bilder beendet. Die Älteren unter Ihnen werden sich an die verbrannten Kinder erinnern die aus der Napalmwolke gerannt kommen. Oder an das Foto vom Polizeichef der einen Vietkong mit Kopfschuss tötet. Danach gab es in Amerika riesige Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und die U.S.A. musste sich aus Vietnam zurückziehen. Kürzlich las ich einen Artikel über die Wirkung von Bildern. Darin wurde die interessante Frage gestellt, ob die Hitlerdiktatur schneller hätte beendet werden können, wenn Fotos von den Söhnen und Vätern, die auf grausame Weise 1941 (meinem Geburtsjahr) vor Stalingrad zu Tode gekommen sind, in den Medien erschienen wären. Beantworten kann ich diese Frage nicht.

Zum Abschluss will ich meine Meinung zur Digitalfotografie mit einer These von Neil Postman deutlich machen :

„Orwell befürchtete, dass die Wahrheit vor uns verheimlicht werden könnte. Huxley befürchtete, dass die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen könnte.... Beides ist heute der Fall. Die Medien bieten uns eine perfekte Mischung. Wesentliche Informationen werden uns vorenthalten und zusätzlich ertrinken wir in einem Meer von Belanglosigkeiten. Auch die Bilder in unseren Medien gehören dazu. Sie sind ein Teil einer Flut von Belanglosigkeit und Fehlinformation. Gelogen aber wird in erster Linie mit dem Wort. Die Bilder werden dabei als willkommene Unterstützung verwendet. Einer Manipulation der Bilder im Sinne von unsichtbarer Montage oder Rehtuche bedarf es dabei nur sehr selten. Die Digitalfotografie hat diese Bilderflut sehr begünstigt.

Ich fotografiere daher am liebsten noch mit meiner Spiegelreflexkamera auf Tri-X Film und leiste mir selbst Entwicklungshilfe auf Barytpapier in meinem Fotolabor. Dort steht als mein persönlicher Luxus neben der beheizten GERSTER Hochglanz-Trockentrommel auch noch eine Musiktruhe mit Röhren (Superklang) und eine Warmhalteplatte für Tee oder Kaffee für die vielen Wartezeiten die mich glücklicherweise bei dem Entwicklungs- und Vergrößerungsprozess immer wieder zu Ruhepausen zwingen.

Günter Zint im November 2001