Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Ulla Brockmeyer - "Ein schwarzer Tag für die Königin"

 

In ihrer Arbeit überschneiden sich Tendenzen der Gestaltung mit Fotografie, die in den 80er Jahren immer stärker aufbrachen und sicher noch einige Zeit die Bildformen prägen werden. Da ist zunächst eine tiefgreifende Skepsis, ein Zweifel an der bisher so selbstverständlich, als Tatsachenvermittler auftretenden Pressefotografie. Das Ausgangsmaterial der Künstlerin sind solche Agenturbilder, die sie in der Methode des Objet trouvé, der Fundstücke aus den Laborpapierkörben ihres Arbeitsplatzes zusammensammelte.

Der Zweifel an der fotografischen Scheinwelt wird bei diesen Arbeiten umgesetzt in eine Rückführung auf fototypische sogenannte Fehler. Der Fehler, künstlich und künstlerisch herbeigeführt, zeigt das Fleisch, die Substanz der Fotografie wie ein Loch im Ärmel den weißen Arm. Mit dieser Medienbefragung verbinden diese Bilder zwei ästhetische Sprachen zu einem neuen Esperanto: die abbildhafte Fixierung der äußeren Erscheinung, wie sie die Kamerafotografie kennzeichnet, mit der Materialfreudigkeit und dem Spiel mit dem Zufall, wie wir sie aus dem Informel, dem Action painting und der Materialästhetik fließender Farb- und Bildprozesse kennen.



Nach einer alten Überlieferung wurde die menschliche Figur aus Erde, aus Ton geformt. Wir wissen, daß die menschlichen Körper, daß wir alle, zu einem großen Teil aus Wasser bestehen, aus Wasser und anderen Kohle-Wasserstoffverbindungen, die uns die organische Chemie im einzelnen verraten kann. In der Fotografie bestehen wir im Wesentlichen aus Gelatinehäutchen und Bromsilberverbindungen.

Wer - oder was sind wir eigentlich - und was bedeutet, was ist das Bild, das Foto, das wir immer wieder von uns machen und das wir so begierig betrachten?

Im Spiegel, sagt der Dichter Jean Cocteau, lauert der Tod. In einem von Cocteaus großartigen Filmen geht Orpheus duch den Spiegel, um in die Unterwelt zu gelangen. In dem Moment seines Übertritts von einer Welt in die andere beginnt das Spiegelbild zu vibrieren. Es löst sich auf in die Wellen einer flüssigen Quecksilberschicht. Figur und Grund gehen für einen Augenblick eine wabernde, informelle Verbindung ein. Die festen Substanzen und Konturen verschwimmen. Der Raum bildet eine fast körperhafte dynamische Dichte. Bedeutungen lösen sich auf und schließen sich zu übergreifenden Strukturen und Formsuggestionen zusammen. Dieser Moment der optischen Verwandlung, der Metamorphose von Mensch und Menschenraum, des Zusammenfließens von Dingen und Körpern und der Herausbildung neuer Formkombinationen in verschlungenen Übergängen, dieser Moment ist der "Entscheidende Augenblick" in der Giftküche der Fotokünstlerin Ulla Brockmeyer bei den hier gezeigten Bildern. Anders als bei den starren Fixierungen anscheinend realer Situationen der Kamera- und Pressefotografie setzt sie solche Bilder in Bewegung, löst sie auf wie in einer Säure, läßt neue Zusammenhänge enstehen. Vor solchen Bildern könnte man sagen: wir verstehen die Welt nicht mehr. Diese Einsicht ist garnicht so abwegig. Eine Wirkung der Kunst ist solche Verunsicherung immer gewesen. Sie stört uns auf und stellt infrage, ob wir wirklich diese Welt, wie sie ist, verstehen oder umgekehrt, ob die Welt sich so von selbst versteht, daß wir uns bequem, die Tageszeitung in der Hand, orientiert in ihr einrichten können.



Gerade in dieser Verunsicherung sind Ulla Brockmeiers Bilder besonders perfide, indem sie die fotografischen Tagesnachrichten einer Bäderbehandlung unterziehen, bis sie aussehen wie Wasserleichen. Ihrer Hexenküche setzt sie gerade solche Fotografien aus, die in ihrer Selbstverständlichkeit und Banalität sich die Beruhigung und Bestätigung der Betrachter und der Dargestellten zur Aufgabe machen und diesen Auftrag in der Regel auch wirksam erfüllen. Etwa ein Familienbild unseres Landesvaters Johannes Rau mit Gattin, huldvoll winkend, energisch lächelnd, in Untersicht, also aus einer Landeskinderhaltung fotografiert, im Licht stehend des anscheinend immerwährenden Erfolges. Dies das Ausgangsbild. Nun aber setzen die fotochemischen Prozesse an, Flecken und Blasenstrukturen brechen ein in diese selbstgewisse Welt. Die Gesichter tauchen unter. In solarisierenden Effekten bilden sich neue Konturen heraus. Neben den abtauchenden Physiognomien erheben sich maskenartige Blasengebilde und Knitterformen.

Die Bedeutung der Frontfiguren schwindet. Die Hintergrundstrukturen treten hervor und gewinnen eine bildbestimmende Formation. Ein Bild-Raum-Kontinuum entsteht, das in seiner gallertartigen Dynamik keine festen Anhaltspunkte mehr bietet. Wir tauchen gemeinsam mit den verschwindenden Protagonisten ein in eine gallertartige Zwischenwelt, in der unsere Blicke und Empfindungen herumwabern wie frisch geschlüpfte Kaulquappen. Von der ästhetischen Faszination solcher, aus einem Banalbild transformierten Seherlebnisse gelangen wir vielleicht für einen Moment zu einem Körpergefühl archaischen Ursprungs. Wir, die menschlichen Bewußtseinstiere einer späten Entwicklungsstufe, erleben wieder so etwas wie den Urschleim, aus dem das Leben kroch. "...ein Klümpchen Schleim in einem schwarzen Moor..", wie der Dichter Gottfried Benn es formulierte.


Auf einem anderen Bild ist Nina Hagen zu sehen, die Frauenclowness, die mit ihren wüsten und schrillen Gesängen versucht, uns und den Boden unter uns ins Wanken zu bringen. Sie schafft mit ihrer Musik etwas, das ein Starfoto in aller Regel wieder einfriert und abtötet. Bei Brockmeyers Entwicklerbild verschwindet das Idol hinter den sich abzeichnenden Rippen der Schale. Aber das Clownsgesicht mit den Mondaugen und einem in die Fläche sich fortfletschenden, vaginalen Mund kommt umso intensiver hervor. Es erhebt sich ein Urgesicht, erweitert von der Fetzenpracht ihrer ausdruckvoll verwüsteten Mähne. Ein Rosenrest und aufsteigende Blasen locken zusätzlich Archetypen in unserem Bewußtsein hervor, wie etwa das Wassergesicht einer verwesenden Ophelia, die niemals gestorben ist.

Ein paar Meter weiter sieht man in der Ausstellung Herren in Karo und Nadelstreifen an der Wand hängen, selbst angenehm angetan von ihrer eigenen Bedeutung, die der Anlaß für den Fototermin ist, die Hände vor dem Unterleib gefaltet oder leicht geöffnet für eine hinweisende Geste, ein Bildtyp, der uns fast in jeder Tageszeitung immer aufs Neue Mut macht.

Ein solches Foto gerät bei Ulla Brockmeyers Bäderbehandlung buchstäblich in eine Fortentwicklung. Die Lächelmünder werden zur zeichnerischen Signatur, zum Markenzeichen. Nasen treten hervor in verstärkter Plastizität oder verschwinden ganz. Lichtreflexe tummeln sich frei auf der Bildfläche und Knitterfalten verderben die Tuche der Sakkos und Hosen vollständig. Wie aus einer radikalen Vollreinigung mit zerstörerischen Chemikalien zurück sind Anzüge und Figuren für die weitere gewohnte Verwendung restlos verdorben. Sie suchen nun eine neue Funktion in einem fotochemischen Kosmos, der aus Bildern besteht und sonst garnichts.


 

Diese Bilder versetzen nicht nur uns in einen gallertartigen Urzustand, sie verweisen auch die Fotografie zurück auf eine frühe Stufe, auf ihren Ursprung: Bild zu sein aus Gelatine und Chemie, flüssiges, gespensterhaftes Medium, das ein schwimmender Spiegel sein kann unserer ebenfalls mit Nässe und Gallert gefüllten, feuchtgeschmierten und gelegentlich tränenden Augen. Das Schwimmen des Blickes in den Lebens- und Bildräumen, die ständige Verwandlung der Fakten und Figuren, die Herausbildung neuer Konturen und Formen, die Zweifel an der Festigkeit und Zuverlässigkeit des sogenannten Realen und die Vergnügungen am Ungewissen, statt Horror Spaß an der Verwandlung, dies empfehlen uns solche Bilder. Betrachten Sie sie wie ein Schwimmer das Wasser und lassen Sie sich treiben. Sie werden nach diesem Augenbad alles ein wenig anders sehen!

 

Herford, 2. 9.1990

Jörg Boström

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