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Dynamis Brunnen von Manfred Schnell am Süsterplatz in Bielefeld

Zur Eröffnung am Donnerstag, 13.9.2001 spricht Thomas Mense :

Meine Damen und Herren,

Bielefeld und seine Plätze- das ist ein weites Feld und das ist- so scheint es fast- eine Geschichte der Unmöglichkeiten und verpaßten und verpatzten Chancen. Schaut man sich allerdings historische Fotos von Bielefeld an, dann ist man erstaunt, wie städtisch und urban die Stadt einmal war, wie großzügig und offen dort z.B. Plätze angelegt waren.

Ich denke nur an den ehemaligen Schillerplatz vor Theater und Rathaus, die architektonische und bürgerschaftliche Mitte der Stadt, die nun schon seit vielen Jahren durch die Stadtbahn zerschnitten wird - eine der schlimmsten Fehlleistungen einer kopflosen Planungspolitik. Oder das Dauerthema Kesselbrink -eine Wüste inmitten der Stadt, notdürftig belebt durch den Marktbetrieb, aber immer noch ein Trauerspiel.

Große Plätze in Bielefeld- das sind oft zu Verkehrsinseln degradierte Flächen: der Adenauerplatz, der Jahnplatz, der Willly-Brandt Platz - all das zeigt die Unfähigkeit der Bielefelder Stadtplanung und im weiteren Sinn auch der vielzitierten Bürgergesellschaft, Orte zu schaffen, bzw. zu erhalten, die Gemeinschaft, Kommunikation, Teilhabe ermöglichen. Dass das heute in unserer zersplitterten Gesellschaft schwieriger geworden ist, sei zugegeben, aber warum ist so etwas in Bielefeld so beharrlich nicht oder nur sehr schwer möglich, was in Städten wie Münster, von Städten in Bayern ganz zu schweigen, oft so glücklich und für den Stadtbewohner und Flaneur beglückend geschaffen worden ist.

In seinem wundervollen Roman "Die unsichtbaren Städte" hat Italo Calvino schon 1972 die globalisierte Verhunzung der Städte vorweggenommen: "... Die Vororte, durch die sie mich fahren ließen, waren nichts anders als die anderen, die gleichen gelblichen und grünlichen Häuser. Den gleichen Hinweisschildern folgend umfuhr man die gleichen Anlagen der gleichen Plätze. Die Straßen im Zentrum stellten Waren, Verpackungen, Schilder zur Schau, die in nichts anders waren...." Und so geht es bei ihm weiter.

Kommen wir nun hier zum dem Süsterplatz, ein Platz den man vor der neuen Gestaltung im Stadtbild überhaupt nicht wahrgenommen hat, war es doch ein Niemandsland bzw. Hundeland mit einer Kastanie, mit Gestrüpp und einer Linde, die hier noch stand und herhalten musste für eine ideologisierte Erhaltung. Es geht nicht darum, einer Baumsatzung ihre Berechtigung abzusprechen. Meiner Ansicht nach ist die Kritik an der viel zu üppigen Abholzung an der Sparrenburg durchaus berechtigt. Aber hier muss differenziert werden. Was trägt eine unansehnliche Brache mit 2 Bäumen und Gestrüpp zur innerstädtischen Lebensqualität bei?

Es geht darum, ob durch genau überlegte, quasi mikrochirurgische Eingriffe am Stadtkörper aus einer verwahrlosten, ökologisch nicht bedeutsamen Fläche ein Platz werden kann mit einer Aufenthaltsqualität.Dass das alles ein sehr fragiles Unterfangen ist und man Urbanität nicht bis ins Letzte planen kann, ist klar. Denn es sind immer die Menschen und ihre wechselnden Gewohnheiten, die einen Platz lebendig machen. Das sieht man nebenan am Klosterplatz, an sich ein Platz mit großen Möglichkeiten, der aber weit hinter diesen zurüück bleibt.

Der Süsterplatz wird inzwischen angenommen, hier sitzt man im Sommer abends gern draußen in der New World, die sich für mein Empfinden allerdings etwas zu breit gemacht hat. Zur Belebung des Platzes sollte ein Brunnen beitragen - so stand es im Vertrag der Stadt. Nun gibt es allerdings in unmittelbarer Nähe schon einige Brunnen: den Merkurbrunnen auf dem Alten Markt, den Brunnen vor dem Rathaus und den Leineweberbrunnen. Vor anderthalb Jahrzehnten sollte auf Initiative eines Bielefelder Galeristen - einige werden sich erinnern - auf dem Klosterplatz ein Brunnen des bekannten italienischen Künstlers Mimmo Paladino entstehen. Ich glaube, auf Betreiben der damaligen Kulturverwaltung wurde dies verhindert, man fürchtete um die Open Air- Möglichkeiten. Das war eine reelle und ziemlich einmalige Chance für qualitätvolle Kunst, die vertan wurde. Nun stehen da mitten in der Stadt Freizeitbuden in Fachwerkschmock - sozusagen als Dauerinstallation - auf dem Klosterplatz herum.

Auf die besondere archetypische Qualität des Wassers haben Stadtgestalter und Künstler schon immer gesetzt. So gesehen ist das Projekt, einen Brunnen zu gestalten, kein Projekt des Mittelalters, sondern immer auch eine zeitgenössische Aufgabe, wenn es denn der Künstler so versteht und es ernst meint. Und dass Manfred Schnell es ernst meint mit seiner Zeitgenossenschaft, seiner Verpflichtung zur Gegenwart ist klar, auch wenn er Aristoteles zitiert und sein Objekt "dynamis" nenn.

Im Auftrage des Metallbetriebes Ludwig in Bielefeld-Ummeln schuf Manfred Schnell l996 zu einem Firmenjubiläum die wohl längste Skulptur Bielefelds: erzählt wird auf einer Länge von etwa 60 Metern der Mythos des antiken Schmiedes Hephaistos als assoziative Bildergeschichte von der Antike bis in die Gegenwart mit einem komplexen künstlerischen Vokabular..

Hier hat sich Manfred Schnell beschränkt, es ist eine kleine Fingerübung, die natürlich zur Intimität des Süsterplatzes und seiner Umgebung passt. Es ist ein spielerischer Brunnen - mit kleinen Fontänen Sie werden es gleich sehen -, die vor diesem dynamischen Bündel aus Edelstahlwellen sich ergießen. Gerade diese Spannung des plätschernden Wassers, der erstarrten Wellen und dem Spiel mit dem Licht ist ein schönes Schauspiel, fast intim. Es bleibt eher still und entfaltet auch gerade in der Dunkelheit mit der zurückhaltenden Beleuchtung eine besondere Wirkung. Dadurch entwickelt der Platz eine neue, eine weitere Qualität. Dass die erstarrten Wellen höher sind als die kleinen Fontänen ist vielleicht ein Hinweis auf die potentielle Kraft des Wasser, der Natur, die hier für uns im Brunnen so schön ästhetisiert und auch domestiziert ist. Aber als Versprechen, als Potential und auch vielleicht als latente Drohung ist es auch noch präsent.

Auf Gustave Courbets berühmtes Bild "Die Welle" um 1870 spielt Manfred Schnell hier ein bischen an, wie er mir im Gespräch verriet.. Courbet malte in zahlreichen Variationen eine wildbewegte See mit hohen Wellen, die sich in ihrer Kraft und Dynamik einer Domestizierung widersetzen - für Courbets waren diese Naturbilder auch immer politische Anspielungen auf die Monachie, Bekenntnisse zur bürgerlichen Freiheit.

Das kommt hier alles etwas kleiner daher - aber es ist auch da. Es geht ja um die vorbewußten Bilder, die Anmutung und die Assoziationen, die Kunstwerke freisetzen können - was je nach Aufnahmebereitschaft individuell verschieden und auch individuell von Stimmungslagen abhängig ist.

Dynamis heißt im Griechischen Kraft, Vermögen, Möglichkeit, Potenz. Nach der Definition von Aristoteles ist Dynamis so etwas wie ein angeregtes Feld der Möglichkeiten, der komplexe Zustand vor der Materialisation, in dem aber alles schon angelegt ist. Und das können eben für uns auch anregende, euphorisierte Gefühls - und Körperwahrnehmungen sein, die fließendes Wasser in uns erzeugen kann, sozusagen die Resonanzen, die auf vielen Ebenen in uns ausgelöst werden, wenn wir z.B. am Meer spazieren gehen, auf Wasser schauen. Wir fühlen uns unwillkürlich wohl am Wasser, es gibt diese natürliche Sehnsucht nach Wasser, vielleicht eine Erinnerung an das Fruchtwasser, in dem wir entstanden. Und der Brunnen ist - wie Sie wissen - in Märchen ein vielfach codiertes Symbol - man steigt in den Bruunen, um an die Quelle zu kommen, an die Quelle des eigenen Lebens, an das Wasser des Lebens.

So ist es auch mit dem Genius des Ortes: hier unter dem Pflaster hat der Architekt Crayen mit der besonderen Musterung der Steine die Lage eines alten Bruunes subtil markiert. Diesen könnten die Schwestern zum Mariental, einer christlichen Gemeinschaft, die hier 1491 - von Herford kommend - lebten und arbeiteten, benutzt haben. In den Quellen erwähnt ist einmal das besondere Leinen, das diese frommen und alternativen Frauen verarbeitet haben: es hieß das Süster Wit, das Schwestern Weiß. Auf diesen historischen Brunnen wird durch die Musterung des Pflasters vornehm hingewiesen. Und es ist klug, dass hier nicht ein rustikaler, historisierender Brunnen entstanden ist und auch kein plumper Hinweis auf die Geschichte.

Wie eine solche Erinnerung an historische Brunnen schiefgehen kann, sieht man an der häßlichen Betonrundung an der Kreuzstrasse. Es scheint das zwanghafte Wesen der Zivilisation zu sein, die offenen Spalten in der Mauer der Notwendigkeit eine nach der anderen zu stopfen, alles einzuebnen, zu begradigen, zu verrohren, zuzumauern, bis wir in einer hermetischen Welt leben, in der kein Platz für Phantasie und Geist ist, weil alles dem Kalkül der Notwendigkeit, Wirtschaftlichkeit, des Kommerzes, der Sicherheit, der Bequemlichkeit, - Sie können einsetzen was Sie wollen - geopfert worden ist.

Und so ist es von einer besonderen Bedeutung, wenn dieser Brunnen, der dank der spontanen Kooperation der Süster Kirchengemeinde mit dem Investor und der Stadt möglich geworden ist, es schafft, diesen kleinen Platz auch weiter zu öffnen: indem sich diese kleine Kirche öffnet. Das heißt dieser, die Sie hier hinter mir sehen, und so die Möglichkeit schafft, dass der Bürger auch tagsüber die Kirche betreten und für kurze Zeit in eine andere Welt eintauchen kann. Die Kirche hat geradezu die Verpflichtung sich zu öffnen. Erst dann kann sie ihre spezifische Qualität einbringen. Eine Taufgesellschaft hätte dann bestimmt einen schöner Blick vom Inneren des Chorraums auf den Brunnen, der übrigens durch die Vierteilung der Platte auch an eine Art Kreuz denken läßt. Ich glaube, dann ist der Süsterplatz erst richtig gelungen, wenn sich auch die Kirche ganz öffnet. Denn wir brauchen so kleine Plätze, sie sind Nischen des Wohlfühlens, kleine Heimaten, gerade in der New World des Globalismus, der so schnell alles austauschbar macht. Man erinnert sich gern an die lauen Abende, die man hier verbracht hat. Das wird man allerdings erst im nächsten Sommer genießen können - nun neu akzentulert durch ein Kunstwerk. Der Dynamis-Brunnen erschafft in dieser kleinen urbanen Nische eine feine neue Energie und ist das Gegenprogramm zu lärmenden Biergärten im Jodlerstil.

Diese Sehnsucht nach Wasser ist ja für Bielefeld konstitutiv. Da gibt es noch ein unrealistisches Großprojekt von vorgestern, ein neuer Untersee und eben diese Vielzahl von Brunnen in der Innenstadt, die etwas wach halten, was zu Anfang des Jahrhunderts verstopft und verrohrt wurde, weil es so bestialisch stank: die Lutter, dieser lautere, ehemals klare Bach der Lutterstadt Bielefeld, der an der Kunsthalle und an der Bar Rodin für ein kurzes Stück nach oben kommt. Dank veränderter Industrie und neuester Umwelttechnik ist heute das vielversprechende Projekt der Freilegung der Lutter als klares Fließgewässer sehr gut möglich: ein nicht zu überschätzendes Projekt, das die Lesbarkeit und Identität der durch die Stadtplanung arg gebeutelten Stadt Bielefeld stark beeinflussen, positiv beeinflussen wird. Und es scheint ja einen großer Konsens in der Bürgerschaft für dieses wichtige Projekt einer qualitätvollen mikorochirurgischen Stadtsanierung zu geben. Diese uralte, archetypische Sehnsucht nach Wasser, nach Veränderung, Dynamik und Ruhe in der Bewegung hält der moderne Dynamis-Brunnen von Manfred Schnellauf dem Süsterplatz wach.

Fotografien von Christel Hermann