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Virtuelles Magazin - Ausgabe 9 - 2001
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Eckart Schönlau besuchte ein Konzert der Residents in Bielefeld im PC 69, dort enstanden die Fotos und der folgende Text "Ein Mythos der Popmusik". Vorab noch ein paar kurze Infos zu den Musikern:
Die Residents bereichern die Popmusikkultur seit Anfang der siebziger Jahre.
Ihre Musik ist gekennzeichnet durch spezielle schräge elektronische Klänge - meistens Synthesizer und gelegentlich eine verzerrte Gitarre - und eine charakteristische Stimme, die sowohl beim Schrei-und-Sprechgesang, als auch bei Melodien die sich anhören, als wären sie für Marsmenschenkinder komponiert, unverkennbar ist.
Sie treten nur maskiert auf, öfters mit einer Augapfelmaske die den ganzen Kopf bedeckt, so dass das Rätseln um ihre Identität ein beliebtes Spiel der Fans ist, und schrecken nicht vor Coverversionen zurück, zum Beispiel von Elvis-Songs, die im neuen Arrangement aber eine Symbiose zwischen dem Original und dem leicht bizarren Residents-Stil eingehen.
Schon immer gehörten bei den Live-Auftritten Kulissen und Beleuchtungseffekte dazu, bei denen quasi das Kabinett des Dr.Caligari in die Farbfilm- und Computerära versetzt wird. Inzwischen sind auch mehrere CD-Roms und DVDs erschienen.                        Annette Bültmann
Links zu den Residents:
http://www.residents.com/shows/cube-e.html
http://www.euroralph.de/gallery/gallerie_c.html

Ein Mythos der Popmusik
 
Von Eckart Schönlau
 
 
Bielefeld. Schon merkwürdig, was sich da an unterschiedlichen Gestalten vorm Eingang des PC 69 einfindet. Selbst langjährige Residents-Fans mustern diese kuriose Ansammlung leicht überrascht: Ein halbglatziger älterer Herr in beigem Trenchcoat, ein Sex Pistols-Fan in Spingerstiefeln und hautengen gebleichten Jeans, ein junges Pärchen, einzelne existentialistisch schwarz gekleidete, vergeistigt blickende Menschen und viele Unscheinbare. Eine Art große Koalition aus Studenten-, Künstler-, Intellektuellen- und Kiffer-Milieu.

Nach einstündiger Berieselung mit merkwürdiger indisch klingender Meditations-Musik betritt genau um 21 Uhr ein Mann in schwarzem Smoking und Zylinder die Bühne. Anstelle seines Kopfes sitzt ein kürbisgroßer blauer "Eyeball", dem Markenzeichen der Residents. Er zieht aus seiner Smoking-Tasche eine Fernbedienung, aktivert damit die Video-Leinwand oben in der Mitte der Bühne, kreist durch die Bildschirm-Menüs und startet "Icky Flix", die neue DVD der Residents.
 
Hinter mit silbrig-transparentem Stoff bespannten Wänden befinden sich die Musiker dieser, nach eigenenen Worten berühmtesten unbekannten Band der Welt. Zwei Sänger, vier Musiker an seltsamen elektronischen Schlagwerkzeugen, Synthezisern und Gitarre. Je nach Einstellung der Bühnenbeleuchtung scheinen sie mehr oder weniger durch die Wände hindurch. Zwischendurch kommen die beiden Sänger, der eine mit Totenkopf-Maske, die andere unter einer pinkfarbenen Perücke und großer Sonnenbrille verborgen, dahinter hervor.
 
 

Seit ihrer Gründung vor fast dreißig Jahren wahren die Mitglieder dieser bizarren Band aus San Francisco erfolgreich ihre Anonymität. Und sind zu einem Mythos der Popmusik geworden, der sie auch an diesem Abend umweht. Das Programm besteht aus Musik und Video-Animationen ihrer gesamten Laufbahn. Vieles Bekannte und Unbekannte taucht darin auf, darunter Titel ihres Commercial Albums sowie Stücke des britischen Duos "Renaldo & The Loaf". Als ihr bekanntester Hit "This is a Man's Man's World" anklingt, erfolgt sogleich Applaus.
 
Vieles ihrer Musik ist jedoch fast nicht wieder zu erkennen. Und auch nicht besser. Es kommt leider kaum an die Wirkung heran, wie man sie von ihren CDs kennt, in ihrer grotesken Perfektion und Sterilität, von der dieser Sound seine besondere Wirkung bezieht. Seit The Residents mehr mit Videos arbeiten hat ihre Musik auch um einiges an Einfallsreichtum verloren.
 
So ist die Nähe zu diesem Mythos wohl eher das, was die Faszination der meisten Besucher ausmacht, die seltsam gebannt auf die Bühne starren und sich dabei kaum bewegen. Außer einzelner Fans direkt am Bühnenrand, die merkwürdig ausrasten. Offensichtlich auch ein Sound, um Psychosen auszuleben.
 
Um etwas am Mythos zu kratzen: Nach dem, was man vom Sänger trotz Maskierung sehen konnte (Kinn, Haare, Statur, Bauch), scheint es vermutlich Blaine L. Reininger von "Tuxedomoon" zu sein.

Fotos: Eckart Schönlau

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