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Begegnung in Basedow

Im Sommer 1998 kamen zwei chinesische Künstler, die Zhou-brothers, nach Waren und Basedow in Mecklenburg, um eine Skulpturengruppe mit der Kettensäge aus Baumstämmen zu formen. Sie sind keine Zwillinge, aber sie arbeiten wie aus einem gemeinsamen Kopf - mit vier Händen. Sie verständigen sich mit wenigen Sätzen und Blicken. Wenn ein Künstler ein Individuum ist sind sie eins in zwei Personen, denn ihre Werke sind wie aus einem - hier buchstäblich - gemeinsamem Holz geschnitzt, mit der Kettensäge aus schweren Buchenstämmen herausgearbeitet. In der Zeit, als ich sie beaobachtete - in einem Zeitraum von 6 Tagen, haben sie auf dem Alten Markt von Waren eine drei Meter hohe Skulptur geschaffen, die sie "summerbell" nannten, danach im Park des Schlosses von Basedow drei weitere mehr als menschengrosse Figuren. Studenten filmten, ich fotografierte.

Die Zhou-brothers malten zuletzt in meinem Atelier in Lansen eine Folge von 12 kleinformatigen Bildern. Die Begegnung war herzlich und von grosser Leichtigkeit. Die Zhous hatten das Lachen immer auf ihrer Seite und zogen die anderen zu sich herüber, das Lächeln Asiens war auch hier zugleich eine Brücke und ein Geheimnis. Später habe ich in ihren Katalogen kurze Berichte über ihre Geschichte gelesen. Sie sind in Guangxi, einem autonomem Gebiet im südlichen China geboren. Geprägt hat sie diese Landschaft und die Sagen und Legenden, welche ihnen seit ihrer Kindheit besonders durch ihren Vater vermittelt wurden. Sie fuhren mit ihm in einem kleinen Boot auf dem Ming Jiang, besuchten die Grotte mit Namen " Höhle der zurückgegebenen Perle", in der ein Drache gehaust haben soll. Sie besuchten die "Schilfrohrflöten-Höhle", die sich 240 m tief durch Stalaktiten und Stalagmiten zieht. Als sie 34 und 29 Jahre alt eine Einladung nach USA annehmen, um eine neue künstlerische Sprache zu entwickeln, beginnt ihre Bilderwelt zu explodieren. Europäische Tradition der Moderne des Tachismus und Informel, die Welt eines Jackson Pollock, der sich mit der Sandmalerei indianischer Kulturen auseinandersetzte, begegnet sich mit chinesischer Höhlenkunst, mythologischer Zeichensprache und geologischer Formation. Eine urtümliche, asiatische Welt verbindet sich mit moderner, westlicher Kunstszene. Auf rauhen, malerischen, an Sand und Felsen erinnernde Materialflächen tauchen Tier- und Schriftformationen auf in stufenlosem Übergang, Pferde, Reiter, menschliche Figuren in Jagd- und Andachtsgesten. Urtümliche, menschliche Figuren , die zugleich organisch und geologisch geformt sind wie in einer urzeitlichen Phase ihrer Entwicklung. Hinzukommt die seltene Gestaltungskraft zweier kongenialer Brüder, die mit grosser äusserer Leichtigkeit wie chinesische Schriftkünstler und zugleich mit äusserster, meditativ anmutender Konzentration fast ohne Diskussion wie geisterhaft ihre Bilder entstehen lassen.

Für mich war das Erleben dieser anders gearteten Künstler menschlich und künstlerisch sehr anregend.

Aus dem Dialog entwickelte ich die Bildserie "Begegnung in Basedow", die Malerei, Fotografie, Archtektur und Skulptur in meiner Formsprache verbindet.

(21 Fotoblätter 50x60 cm, schwarz-weiss, Bromsilberprints und Clichées verres)

Herford, 26.6.2001

Jörg Boström

 

Aktion

Vier Hände - zwei Künstler - ein Kunstwerk

1) Neuer Markt, Waren (Müritz)

23.7. - 25.7.1998

2) Schlosspark in Basedow

26.7.-28.7.1998

 

Weitere Informationen über die Zhou-brothers im Internet sind neben anderen zu finden unter

http://www.knjfa.com/generic.html?pid=6

Kataloge

ZHOU BROTHERS, Skulpturen

ZHOU BROTHERS, Holz- und Farbholzschnitte, Text von Elisabeth Krimmel

galerie wolfhart viertel, Frankfurt/Main