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Jörg Boström

Grabbefetzen zu "Don Juan und Faust"

An einem Haus In der Ritterstrasse, einer alten Bürgergasse dicht bei der Kunstakademie Düsseldorf, konnte ich als Student hoch an der Wand ein Schild lesen: "IN DIESEM HAUSE LITT UND STRITT - DER DICHTER - CHRISTIAN DIETRICH GRABBE - 1834 BIS 1836 - " Heute ist dort ein Neubau entstanden. Offenbar hat Düsseldorf kein Interesse gezeigt an einem eigenen Hausdenkmal für diesen Menschen. Ich kannte ihn bis zum ersten Anblick der Tafel nicht und dachte, was hat der wohl gelitten und wofür hat er gestritten. Später hörte ich, er habe hauptsaechlich gesoffen, aus Enttäuschung, Wut und Selbstzweifel oder nur so. Er verkehrte mit Künstlern und Literaten in dem "Verein Düsseldorfer Künstler", den es heute noch gibt. In einer von diesem Verein organisierten Winterausstellung hingen Bilder von mir zuerst öffentlich. Alle drei verkauft. Da dachte ich, jetzt gehts los. Die damals, zu Grabbes Zeiten, neue, klassizistische Kunstakademie, die heute noch an der gleichen Stelle ausharrt und immer wieder von sich reden macht, wurde zuerst von Friedrich Wilhelm Schadow geleitet. Am Bande rings um die stattliche Fassade stehen die Namen prominenter Künstlerahnen. Über dem Eingang steht die Widmung "Artibus" - den Künsten. Ich hatte diesen Titel in Erinnerung auch dem Bielefelder Künstlerfest vorgeschlagen, das sich auch heute noch so nennt. Düsseldorf war Grabbes letzter Fluchtversuch. "Er verbrachte die meisste Zeit," lese ich," mit gleichgesinnten Duesseldorfer Kuenstlern oder allein im Wirthaus". In vielen Wirtshäusern sicher. Noch heute hat Düsseldorf, sagt man, die längste Theke der Welt, ein abschüssiges Gelände , in dem man nächtelang herunterrutschen kann. 1836 kehrte er nach Detmold zurück, um nach dem letzten Schluck am 12. September zu sterben. Ich hatte damals kein Geld, um viel von dem Düsseldorfer Bier der Brauereien "Füchschen", "Schlösser" oder "Uerige" zum Beispiel, und die dazu passende Kurzen in mich zu giessem. Die zerbrechlichen oder die berserkerhaft starken Mitstudenten und Künstlerfiguren in der Akademie mit dem modrigem Aroma und dem Pathos grosser Visionen, die das konnten, habe ich zugleich bewundert und misstrauisch betrachtet, dann gezeichnet und später fotografiert. Grabbeartig exaltierte Gestalten kannte ich, war mit einigen befreundet und fühlte mich dabei so unerheblich normal. Auch für Leinwand und Keilrahmen, für Marderhaarpinsel, Ölfarben und Firniss nach Vorschlägen der edlen Maltechnik reichte mein Etat von 200 Mark nicht. Ich bemalte mit Schweineborsten, aus Ei, Öl und Wasser gemixten Binder und Farbpulver aufgespanntes Packpapier. Grabbe ist im September 1836 gestorben, ich im September 1936 geboren, nun im Jahre 2001 ist er 200 Jahre alt und ich erst 65. " Mein Malheur besteht einzig darin," schreibt er, "dass ich in keiner grösseren Stadt, sondern in einer Gegend geboren bin, wo man einen gebildeten Menschen fuer einen verschlechterten Mastochsen hält". Nach seinen verschiedenen Ausbruchsversuchen nach Dresden, Leipzig, Braunschweig, Hannover und zuletzt eben Düsseldorf kehrt er wie geschlagen nach Detmold zurück:" Nun sitze ich hier in einer engen Kammer, ziehe die Gardienen vor, damit mich die Nachbarn nicht sehen, und weiss keine Menschen in den gesamten lippischen Landen, denen ich mich deutlich machen könnte." Ich betrachte das kleine Fachwerkhaus, sein Sterbehaus, wie eine Tafel sagt. Es ist heute das Grabbecafé. Ich sehe hoch zu den kleinen Fenstern und seinen Gardinen, die noch immer zugezogen sind. In dieser Stadt gibt es heute immerhin ein Grabbegymnasium, an welchem meine Frau als Kunsterzieherin gearbeitet hat, im dortigen Grabbehaus waren wir mit Freunden bei einer Kabaretvorführung, mein Sohn spielte mit bei einer Schüleraufführung von "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung", die ich natürlich angesehen habe in der Aula des Friedrichsgymnasiums in Herford. Weitere Verbindungen zu Grabbe liessen sich nur durch Lektüre und Arbeit herstellen. Ich widme ihm zum Geburtstag eine Bilderfolge, einen Montagemix aus Packpapier, Fotobelichtungen und Temperamalerei - er hätte auch kein Geld gehabt für Leinwand und Ölfarbe. Für mich sind es Sichtanstösse zu Don Juan und Faust, zwischen denen Dietrich Christian zum wieviel tausendsten Mal von den Toten auferstehen und wieder verschwinden kann, wie er möchte. Fetzen aus seinem ergeizigen Stück, das diese grössten Kunstfiguren deutscher Kultur zusammenbringen will, dazu Mozart und Goethe, spuken mir durch den Kopf, der, das merke ich dabei, auch ein deutscher ist. Dieses Stück, ist das einzige, dessen Aufführung der Dichter erlebt hat, am Detmolder Hoftheater, inszeniert von dem damaligen Leiter August Pichler, Bühnenmusik von Albert Lortzing, der selbst den Leporello spielte am 29. März 1829.

2001 macht die Grabbegesellschaft Detmold,der Stadt, die ihren nun berühmten Sohn in der Verwaltung versauern lies, zu seinem 200. Geburtstag eine lange Kommunalpartie, zu der auch eine Ausstellung von Bildern noch lebender Künstler im Arbeitsamt Detmold gehören soll und zu der mein Packpapier vielleicht einen Beitrag leistet. Sich selbst charakterisiert Grabbe in einem Stück, wo er als Dichter auftritt, als "zwergichte Krabbe"..."Er ist dumm wie´n Kuhfuss, schimpft auf alle Schriftsteller und taugt selber nichts, hat verrenkte Beine, schielende Augen und ein fades Affengesicht".

Herford, 23.2.2001

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leporello.

..Ein Schuft, der orthografisch

Mein Mädchen küsst, betrügt sich selbst, das Weibsbild,

Und mich auch! Krumme Wege nur

Verherrlichen das Ziel!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Don Juan.

Wisst ihr denn nicht, dass jetzt ein grosser Magus,

gekommen aus Norddeutschlands Eiseswüsten,

in Roma hauset und die Luft verpestet?

Im schwarzen Mantel, weisses Antlitzes,

Als hätte nie die Sonne es gerötet,

schleicht er am Aventin,-vegebens mühn

Die Häscher sich, ihn zu ergreifen.-Er

Entwischt mit Geisterhülfe immerdar!

 

 

 

 

 

Don Juan.

Weg mit dem Ziel-

nenn es mir nicht, ob ich auch darnach ringe-

Verwünscht ist der Gedanke: jedes Ziel

Ist Tod-

 

 

 

Und nur Abwechslung gibt dem Leben Reiz

Und lässt uns seine Unerträglichkeit

Vergessen.

 

 

 

 

 

Faust.

Aus Nichts schuf Gott, wir schaffen

Aus Ruinen! Erst zu Stücken muessen wir

Uns schlagen, eh wir wissen, was wir sind

Und was wir können!

Don Juan und Faust ist das einzige Stück, das zu Lebzeiten Grabbes aufgeführt wurde. August Pichler inszenierte es am 29. März 1829 in dem von ihm geleiteten Detmolder Hoftheater. Albert Lortzing komponierte dazu die Bühnenmusik und spielte selbst den Leporello

 

Literatur

Lothar Ehrlich. Christian Dietrich Grabbe, Akademieverlag Berlin 1983

Chr. D. Grabbe, Don Juan und Faust, Reclam 1998

Kugelloch

Tanz

Schlucht

Schlucht

Dialog

Ruecken

Spiegel

Er

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