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Ursula Tjaden

Recklinghäuser Kunsterziehertagung 1969.

 

Wie in den vorhergehenden Jahren war sie initiiert von einer Gruppe nordrheinwestfälischer Kunsterzieher, die sich konzeptuell an der Informationsästhetik orientierten. Einer von ihnen, Otto Holz, der mit viel Kreativität Elemente dieses Zweigs der Kommunikationsforschung wie auch Erfahrungen mit der gerade aktuellen Op-Art in den Schulunterricht brachte, der dazu eine beeindruckende Lehrerpersönlichkeit war, hatte mich gerade als Referendarin ausgebildet und die Produkte meines Unterrichts hingen mit anderen Schülerarbeiten an den Wänden - und provozierten promt den lautstarken Widerspruch. Für viele Teilnehmer stimmte jetzt "die ganze Richtung" nicht mehr.

1969 lief die Tagung nicht mehr so programmgemäß wie in den vorhergehenden Jahren ab. Die Referenten auf dem Podium wurden immer wieder von Unmutsäußerungen aus dem Publikum unterbrochen. Einer von hinten rief ab und zu und in weiß-Gott-welchen Momenten "toll!". Das Brodeln nahm zu und plötzlich ergriff jemand aus der Menge das Mikrofon auf dem Podium: blaugetönte Brillengläser, kurze weiße Leinenjacke, sehr chic. Etwas zu chic? Er machte sich zum Sprachrohr des bisher diffusen Unmuts, erklärte das wiederholte "Toll" zur einzig wirklich kreativen Äußerung des Tages, protestierte, daß man einen hervorragenden Philosophen wie Adorno hier über Musikästhetik statt über Kunstästhetik reden lasse, kritisierte die Zusammensetzung und die Thematik des Podiums und artikulierte die Fragen, die dieses Publikum nach 1968 an eine solche Veranstaltung, das heißt an die Kunstpädagigik überhaupt, hatte. Und all das kam ohne das Stakkato und die explodierenden Vorwürfe, die damals so kennzeichnend für die Protestierer waren, sondern in einer Rede, die analytische Denkfähigkeit zeigte und die mit moderater, wenn auch überzeugter Stimme vorgetragen wurde. Das erstaunte und ließ aufhorchen, weil es ein damals ganz unüblicher Tonfall war.

Recklinghäuser Kunsterziehertagung 1970. Die bisherigen Initiatoren besaßen offensichtlich die Klugheit, die Tagung zwar noch zu organisieren, aber das Feld inhaltlich den Protestierern des Vorjahrs zu überlassen. Ich erinnere mich, daß mehrere Initiativgruppen uns übrige Teilnehmer aufforderten, einige Tage ganz konkret und praktisch mit ihnen in Projekten zu arbeiten. Eine der Gruppen war die KEKS-Gruppe (Kunsterziehung/Kunst/soziale Realität) aus Nürnberg und München, die den Spaß am Machen wieder (?) in die Schule bringen wollte, die viele Elemente von Happening und Animazione hatte. Eine andere war die PSR-Gruppe (politisch-soziale Realität) aus Düsseldorf, zu der unter anderen der Mann mit den blauen Brillengläsern gehörte (die allerdings nicht mehr blau waren). In dieser Gruppe wollte ich mitarbeiten. Zunächst erfuhren wir, was in einem langfristigen Lehrer-Schüler-Projekt in Düsseldorf passierte: In einer bestimmten Obdachlosensiedlung wurden Aufnahmen mit Fotoapparat, Video, Tonband gemacht, dann in Schautafeln mit Bildern und Texten präsentiert, Videovorführungen wurden organisiert.

Das Ziel war, die soziale Situation der Bewohner sichtbar zu machen und so Öffentlichkeit und Entscheidungsträger zu veranlassen, die Situation der dort lebenden Menschen zu verbessern. Das war genau das, was ich suchte: einen Zusammenhang zu finden zwischen meinem Interesse an Gestaltung und der heftigen Realität, die wir nicht mehr übersehen konnten. Und wenn es für manchen auch seltsam klingt: Ich halte das heute für so wichtig wie damals, vielleicht für noch wichtiger, denn die Schrecklichkeiten sind uns über den Kopf gewachsen. Wir wissen gar nicht mehr, wo wir anfangen sollen. Erschöpfung macht sich breit.

Damals waren die Projekttage ein Aha-Erlebnis für mich persönlich und für meine weitere berufliche Arbeit. Wir fotografierten in einer Recklinghäuser Obdachlosensiedlung, vergrößerten, montierten Bilder und Texte, bauten mit Dachlatten und Packpapier das 1:1-Massenmodell eines Raumes in einer Obdachlosenwohnung samt Inventar nach, zeigten am letzten Tag eine eindrucksvolle Ausstellung. Und einige Bewohner der Düsseldorfer Obdachsiedlung waren auch dabei. Die Randale war perfekt. Einerseits gab es große Zustimmung, andererseits lauten Protest gegen d i e s e Form von Kunsterziehung.

Ich merkte, daß ich hier Impulse bekam, daß mir durch diese Gruppe und ihre Arbeit klar wurde, was ich während meines Studiums in den 60er Jahren immer vermißt hatte: den Zusammenhang zwischen meinem Bedürfnis nach künstlerischer Arbeit und der massiven Wirklichkeit, die mich umgab.

Die Verbindung zu Jörg Boström, dem ursprünglich Blau-Bebrillten, blieb. Wir interessierten uns dafür, was der andere machte, tauschten uns über das aus, was für uns alle neu und für mich noch neuer war. Mein Unterricht, vor allem in der Oberstufe, veränderte sich thematisch und auch methodisch. Zunächst am Gymnasium, dann an der Pädagogischen Hochschule, nahm das alles immer mehr die Form von Projekten an. Wir verhielten uns zwangsläufig, wie es den klasssischen Forderungen der Projekttheorie entsprach: "Lehrende" und "Lernende" erarbeiten sich gemeinsam in sog. "symmetrischer Kommunikation" einen bestimmten Sachverhalt. Das war auch unbedingt notwendig, denn die meisten von uns "Lehrenden" wußten oft kaum mehr als die "Lernenden". Nahezu alles war neu. Man war dafür in seinem kurz zurückliegenden Studium nicht ausgebildet worden. Nur die Überzeugung, daß die zu erforschende Sache gesellschaftlich wichtig war, gab uns die Courage, "ins kalte Wasser zu springen".

Was machten Jörg Boström und ich gemeinsam? Zunächst das, was damals viele taten, nämlich "Papiere verfassen". Wir wollten die Gesellschaft umkrempeln und dazu gehörte es, die Kunstpädagogik zu verändern. Das Schreiben war zunächst ein Klärungsprozeß für uns selbst. Wenn ich mir das von uns damals Verfaßte heute ansehe, stelle ich mit einer gewissen Zufriedenheit fest, daß wir nie in ein einseitiges Theoretisieren verfallen sind, sondern in unseren Konzepten immer das Analysieren, das Reflektieren, das Darüberreden mit dem "Machen" verbunden haben. Der heute so pauschale Vorwurf an die Visuelle Kommunikation, ihre Theorielastigkeit, traf keineswegs immer auf das zu, was hier und da und dort tatsächlich gemacht wurde.

Wir arbeiteten mehrere Semester gemeinsam in einem Projekt "Studenten filmen ihre Situation", machten gemeinsam mehrere Fotoprojekte in der Lehrerfortbildung, machten zwei Tagungen, wo Studenten des Fotodesign, der Architektur, der Raumplanung, des künstlerischen Lehramts ihre Projekte vorstellten. Jörg Boström und ich machten zusammen das Layout für mein erstes Buch. Aber vielleicht das Wichtigste waren für mich die vielen Gespräche, meist Anrufe, wenn sich mir ein fachliches Problem stellte. Ich wollte das mit ihm diskutieren und konnte sicher sein - das ist meine Erfahrung nach unserer nun fast 30jährigen Verbindung - daß am Ende des Gesprächs sich immer die Frage klarer darstellte, eine Lösung sich abzeichnete oder bereits gefunden war, viele neue Ideen geboren waren. Und von welchem Gedankenaustausch, von welcher Freundschaft kann ich das mit solcher Sicherheit sagen ... .