Virtuelles Magazin - Ausgabe 2 - 2000

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Martin Brockhoff, Amerika (Diplom und Bunker Ulmenwall, 1.2.1998)
 
Es ist fast schon vergessen. Wie in verplomten Fahrzeugen sind wir noch vor weniger als 10 Jahren über die Autobahnen nach Berlin gefahren, in verschlossenen Zügen durch die DDR. Im Vorüberfahren schielten wir in die Bahnhöfe, auf die entfernten Häusergruppen, beobachteten Menschen. Unsere Kameras hielten mehr als sonst Flüchtiges fest, im Vorübergehen erschien uns diese Gesellschaft im wechselnden Licht. Vorübergegangen ist sie, kaum daß wir unsere Filme entwickelt und ausgewertet hatten. Niemals früher oder später ist uns das Bewußtsein der Flüchtigkeit unseres Mediums so empfindlich, so überdeutlich gewesen. Nicht nur der Flüchtigkeit der Fotografie, vielmehr noch der Schattenhaftigkeit der Realität selbst, der wir mit der Kamera nacheilen. Als wir gemeinsam mit Kollegen aus Leipzig eine Fotoausstellung über unsere Länder zu organisieren begannen, existierten diese noch. Bei dem Versuch, das umfangreiche Bildmaterial zu publizieren, hatte sich der Gegenstand unserer Bemühung bereits wie ein Rauchzeichen aufgelöst. Umgekehrt aber auch wird ein Ereignis, das nicht von der viel zu langsamen Fotografie erfaßt wurde, in sehr kurzer Zeit überhaupt nicht stattgefunden haben, es wird ohne die Widerspiegelung im Medium nicht weiter im Bewusstsein bleiben fast so, als habe es sich nie ereignet. Es wird seine begrenzte Unsterblichkeit nur gewinnen durch eine Kette von Fotografien, die durch ihre massenhafte Verbreitung das Ereignis in unser Gedächtnis einbrennen. Wenn aus dem Wirbel des politischen Wechsels mit dieser für uns in Deutschland besonders einschneidenden Erfahrung sich ein Fotograf mit der erklärten Absicht, an einem kleinen Beispiel Dokumentationen des politischen Zustands, des 
sozialen Wandels, des Übergangs zu schaffen, macht er jetzt und heute durch eine Bildfolge aufmerksam, die er als Diplomarbeit vorlegte auf den inneren Widerspruch unseres Mediums, der Szenen und Menschen am Leben hält, auf Flüchtigkeit und Vorübergang, auf scheinhaftes Festhalten dessen, das niemand aufhalten kann. Nichts ist, so ein alter Spruch, so veraltet wie die Zeitung von gestern, nichts ist aber auch so faszinierend wie der "Schaum der Tage" (Boris Vian), wenn er sich in Bildern kristallisiert, wie das "winzige Fünkchen hier und jetzt, mit dem die Wirklichkeit den Bildcharakter gleichsam durchsengt hat" (Walter Benjamin). 
Bevor Martin Brockhoff seine Bilder aus einem Ort, der Amerika heißt und am Rande eines untergegangenen Staatsgebildes liegt in Bielefeld sortierte, zu einem Fotoessay montierte, hatte ihn dieser Instinkt für den historischen Moment in eine Region getrieben, in der das Transitorische, das Vorübergehende zur Anschauung gerinnt, in diesen kleinen Ort in Sachsen, der auch durch einen Film eine anrührende Berühmtheit gewonnen hat.
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